Mein Schlüssel klemmte wie so oft, was ein Nachteil einer Altbauwohnung ist, aber gab schlussendlich doch nach und lies mich ein. Ich balancierte eine Tüte mit Einkäufen in die Küche. Der Inhalt bestand hauptsächlich aus Kartoffeln, Drillingen um genauer zu sein. Die wollte ich in Pellkartoffeln mit Quark verwandeln, was mit kochendem Wasser und ganz ohne Magie auch mir ungelernten Zauberer gelingen konnte. Obwohl technisch gesprochen Pellkartoffeln bei Drillingen falsch ist, die ja mit Schale verzerrt werden und somit nicht mehr Pellkartoffeln im wortwörtlichen Sinne sind. Ich hatte schon mal eine dementsprechende Eingabe auf Redefinition beim Universum eingereicht aber bisher keine Antwort erhalten.
Was nicht weiter verwunderlich ist - das Universum ist im großen und ganzen sehr beschäftigt.


Doch bevor ich mich als Küchenzauberer versuchte mussten erst einmal alle Vorhänge und Fenster geöffnet werden. Ich wohne im Vorderhaus, Küche, Schlafzimmer und Bad zum Innenhof, der tagsüber sonnenverwöhnt und dadurch auch brütend heiß zu werden gedenkt.
Um genau dieses Hitze nicht meine Wohnung übernehmen zu lassen habe ich dunkle, geschlossene Vorhänge und Fenster, jedenfalls tagsüber. Geschlossen meine ich - Fenster und Vorhänge sind tagsüber geschlossen. Nur die Vorhänge sind zusätzlich auch dunkel, die Fenster nicht, weder nachts noch tagsüber. Würde ja auch keinen Sinn ergeben.
Ein geflügelter Satz meiner Mutter ist und war immer 'Besser erfroren als erstickt!' und getreu dieses Mottos ist Lüften bei mir allabendliche Pflicht. Also Vorhänge und Fenster auf.

Das letzte Fenster ist, schon aus rein logistischen Gründen wenn ich anschließend koche das Küchenfenster und sobald dieses zur Zufriedenheit geöffnet war setzte ich einen Topf mit Wasser auf, fügte die Kartoffeln, Entschuldigung Drillinge hinzu, beobachtete das berühmte archimedische Prinzip in Kleinform und wischte das Wasser auf.
Ohne Heureka oder ähnliches zu schreien.
Das mag damals modern und hip gewesen sein, aber ich habe Nachbarn und eine Hausordnung. Wenn Archimedes eine ganze Wanne in seiner Wohnung überlaufen lassen konnte ohne an Renovierungskosten und Obdachlosigkeit aufgrund sofortiger Kündigung zu denken gab es das damals offenbar noch nicht.
Ich prüfte, dass der Ofen die richtige Herdplatte mit Hitze versorgte und wollte anschließend ins Wohnzimmer. Im Flur hörte ich hinter mir ein leises Geräusch und drehte mich um. Da stand ein Papiermann in der Ecken neben meiner Eingangstür und rauchte.

„Nabend.“ meinte er als er bemerkte das ich ihn bemerkt hatte.
„Nabend.“ gab ich zurück. Ich sollte an der Stelle vielleicht mal erwähnen, dass ich nicht der schlagfertigste Mensch bin wenn es um Unterhaltungen geht. Ich befürchte sogar ich komme noch nicht einmal unter die ersten 5 Milliarden.
„Würden Sie vielleicht die Kippe ausmachen?“
„Ist meine letzte.“ Sie war auch erst gerade angeraucht und das kam mir dann doch irgendwie wie Verschwendung vor. Obwohl mich der Geruch schon nervte. Nun gut aber da ich eh gerade lüftete sollte er seien letzte Zigarette haben.
„Okay, von mir aus.“
Eigentlich sollte man ja Angst haben, wenn so mir nichts dir nichts ein Mann in der Wohnung steht aber er war eben nur aus Papier. Genauer gesagt Zeitungspapier.
Er war über und über mit Kleingedrucktem bedeckt. Die Zeitung wirkte irgendwie eckig und beim genaueren Hinsehen erkannte ich das er wohl eine Art Zeitungspapieranzug über seinem Zeitungspapierkörper trug. Mein Unterbewusstsein musste das schon gleich erkannt haben, ich Sieze sonst nie jemanden. Macht man einfach nicht in Berlin, es sei den derjenige ist deutliche älter. Oder trägt einen Anzug.
Während er rauchte sah ich mir sein Gesicht genauer an. Die beiden Augen waren Passbildfotos in schwarzweiß, wahrscheinlich Todesanzeigen, die Nase war eine große 1 und der Mund bestand aus zwei Schlagzeilen. Die untere war etwa breiter als die obere, dadurch sah es aus als ob er schmollte. Die Zigarette war eine normale, ohne kleingedrucktes.
„Wie kommen Sie bitte hierher?“
„Bin unter der Tür durch.“
Er deutete auf den breiten Spalt an der Unterseite meiner Wohnungstür. Noch so ein Nachteil bei Altbauwohnungen.
„Und was machen Sie hier?“
„Warten.“
„Warten? Auf wen?“
Er zog an seiner Kippe, senkte den Kopf und schaute zu Boden.
„Mohana.“ hauchte er und atmete dabei Rauch aus.
„Mohana?“ erwiderte ich.
„Ja.“ antwortete er.

Schweigen schlenderte näher, sah das es gebraucht wurde und nahm zwischen uns Platz, ganz bequem im Schneidersitz. Man sah, dass es plante eine Weile hier zu bleiben.
Er rauchte, ich starrte.
Beide waren wir gut in unserer jeweiligen Disziplin, weswegen das Schweigen ziemlich lange herumsaß. Das Kartoffelwasser begann zu kochen. Schließlich war seine Zigarette bis zum Filter heruntergeraucht. Er sah sich demonstrativ um. Ich reagierte mitnichten. Seufzend nahm er die glühende Seite der Kippe in den Mund. Es zischte und er verzog das Gesicht.
„Tut weh?“ fragte ich ohne ehrliches Interesse.
„Nee schmeckt nur scheiße.“ Er lies den Stummel in einer falte der Zeitung verschwinden, ich glaubte zu erkennen das es sich dabei um seine Hose handelte.
Schweigen kam zurück und setzte sich. Ich sah ihn unverwandt an, hatte in der Zwischenzeit die Hände über der Brust gekreuzt und er blickte zu Boden. Scharrte ab und zu mit dem Fuß oder hüstelte leise.
Dann seufzte er, hob den Kopf und sah mich an.

Ich lies ihn noch etwas zappeln. Ohne es zu wollen musste ich zugeben dass er ein ausgezeichneter Seufzer war. Wenn er und Horst an einem Seufz und Schnaub Wettbewerb teilnehmen würde wüsste ich nicht auf wen ich mein Geld setzen wurde.
„Wer ist Mohana?“ fragte ich schließlich und vertrieb das Schweigen damit.
Ich kenne so gut wie jeden im Haus mit Namen und eine Mohana war nicht dabei.
„Die Frage ist nicht wer sondern was?" erwiderte er und lächelte auf eine Art und Weise dabei, die mir gar nicht gefiel.
Ich ging trotzdem drauf ein.
„Okay, was ist Mohana?“
„Die Frage ist nich wer oder was sondern wo.“ Jetzt war ich mit fast sicher, dass er mich verarschte. Aber Neugier ist ja bekanntlich der Katze Tod.
„Gut, wo ist Mohana?“
„Überall!“ rief er und breitet die Arme aus.
Ich trat einen Schritt zurück. Das mache ich bei Verrückten immer. Man weiß ja nie was Verrückte als nächstes tun. Deswegen sind sie es ja. Verrückt.
„Bitte?“
Mohana ist um dich und auch in dir wenn du nur dem Pfad folgst.“
„Dem Pfad folgst?“ Ich möchte hier nochmal auf meine Platzierung unter den schlagfertigsten Menschen der Welt hinweisen.
„Ja! Wenn du dem Pfad folgst wird alles Glück zu dir kommen.“ Plötzlich hielt er ein paar rosa Broschüren in der rechten Hand. In der linken tauchte wie durch Zauberei ein Tamburin auf.
„Hare Krischna mein Freund, Hare Krischna!“
„Ohokay.“ war alles was ich rausbrachte, wahrend ich verzweifelt überlegte warum mir erstens in letzter Zeit derartig viele Bekloppte über den Weg liefen, zweitens wenn es einen Gott gibt der dafür zuständig war warum er dann nicht höflicherweise eine Beschwerdehotlinenummer hinterlassen hatte und wie ich drittens mit diesem speziellen Bekloppten in meinem Flur fertig werden sollte.
Das letztere war mein dringlichstes und glücklicherweise auch kleinstes Problem.
Ich drängte ihn einfach beiseite, wobei sein rechtes Bein einriss und er das Tamburin fallen lies, öffnete die Tür und der entstehende Zugwind riss ihm erst die Broschüren aus der Hand und zog ihm dann den Boden unter den Füßen weg. Schnell warf ich die Tür ins Schloss, eilte ins Bad und schnappte mit ein Handtuch. Auf dem Boden vor die Eingangstür gelegt dichtete es den Spalt zuverlässig ab und hielt die Erleuchtung draußen.
Und jetzt liegt in meinem Flur ein Tamburin neben dem Holla-Hoop Reifen.