Inzwischen sind ich und Horst so etwas wie Freunde geworden. Und das kam so:
Nach unserer ersten Begegnung und einem informativen Gespräch mit Herrn Specht war Horst in die hintere linke Ecke des Innenhofs verbannt worden, wo er am Zaun angeleint den ganzen Tag herumstand. Mein Fahrrad hatte ich wohlweislich rechts vorn im Innenhof angeschlossen, so dass wir uns normalerweise mit gegenseitigem Nichtbeachten behandeln konnten. Manchmal tauschten wir ein "Hi." und ein Schnauben aus, aber das war's auch schon. Mehr nicht. Doch an einem Donnerstag abend änderte sich das alles.
Ich hatte kaum die Haustür aufgeschlossen, als mir schon schrilles Bellen aus der geöffnetten Tür zum Innenhof entgegenschlug. Gleichzeitig hörte ich Horst.
"Verpiss dich gottverdammt nochmal! Bist du bescheuert oder was?"
Ich lies mir nicht übermäßig Zeit den Innenhof zu erreichen aber ich beeilte mich auch nicht geradezu, denn die Frustration ins Horst's Stimme hörte ich nicht ohne Freude. Im Innenhof bot sich mir ein irritierendes Bild. Horst stand in seiner Ecke, ganz in die Ecke gedrückt und vor ihm eine Frau, die wild herumfuchtelte und ihn schrill ankläffte.
Horst sah mich und warf alle Coolness über Bord.
"Alter, hilf mir! Die ist total bekloppt!"
Die Frau drehte sich um und unwillkürtlich wich ich einen halben Schritt zurück. Sie trug eine MC Hammer Hose, ein Bikinioberteil und etwas achthundert Tattoos. Arme, Brsutbein, Hals und Teile des Gesichtes waren kriegerisch bemalt. Kaum hatte sie mich entdeckt kam sie auch schon näher, was meinem Wohlgefühl nicht unbedingt entgegen kam.
"Who are you?" schrie sie mich an.
Aus der Nähe sah ich weitere angsteinflößende Details. Ihre Haare hatte sie hochgeflochten und in ihnen steckten scheinbar zwei Zweige, die Haarklammern und vermutlich guter Willen wie ein Geweih nach oben stehn liesen. Zudem war sie über und über mit Glitter bedeckt, funkelte regelrecht in der Sonne. Das und die Kleidung aus tausend und einer Nacht liesen mich auf eine Kostümveranstaltung hoffen. Doch tief im Innersten war mir klar, dass das ein Alltagsoutfit war.
"WHO ARE YOU?!" wiederholte sie ihre Eingangsfrage.
"What?"
"Who are you? What are you?"
"What are you...? Are you crazy?"
"What are you? Why are you here?" Sie rollte mit den Augen.
"I live here!" brüllte ich zurück.
"WHO are you? A human or a ghost?"
"Was..?" ich kam nicht mehr mit.
"AH GHOST! GHOST!" kreischte sie los und begann ihre Hände vor meinem Gesicht zu schwenken. Zum glück waren sie leer, ich wäre über ein rituelles Opfermesser nicht weiter erstaunt gewesen.
"STOP IT!" schrie ich sie an, "I am no ghost! Who the hell are you?"
Sie nahm ihre Hände herunter und musterte mich von oben bis unten.
"No ghost?"
"Nein verdammt!"
Mit wurde versuchtsweise an die Stirn geklopft, ich schlug ihre Hand beiseite.
"I said stop it." sagte ich, diesmal etwas leiser um sie nicht wieder in Rage zu bringen.
"No ghost. No ghost." wiederholte sie und überaschte mich mit einem Lächeln, so weiß wie die Seele eines Engels.
"Who are you?"
"I am Kira. I am a shaman." Unglaublicherweise hielt sie mir die Hand hin und reflexartig schüttelte ich sie.
"And what are you doing here?"
"I heard about the mystical talking riddlehorse. But he dosn't want to talk to me."
Dabei drehte sie sich wieder zu Horst um und schüttelte die Faust in seine Richtung.
"Alter halt sie zurück. Ich garantiere für nichts." schnappte er sofort.
"Jaja Klappe." Ich legte ihr die Hand auf die Schulter und sie drehte sich wieder zu mir um.
"Let me try okay? I know him al little." Sie zuckte nur die Schultern und nickte.
"You wait here. He is a little bit shy."
Ich ging zu Horst hinüber.
"Alter schaff die Irre hier raus." flüsterte er als ich neben ihm stand.
"Was ist denn das Problem? Mit mir redest du doch auch, wenn sich euer Gnaden danach fühlen."
"Alter, das ist jetzt aber echt unfair. Du hast doch auch..."
Ich hob beschwichtigend die Hände.
"Ja okay, hast ja recht." Ich atmete tief durch, als mir etwas einfiel.
"Was soll das mit dem Riddlehorse?"
Er blickte zu Boden und sagte nichts.
"Horst."
Ich konnte ihn etwas murmeln hören verstand aber kein Wort.
"Horst!"
Immer noch nichts.
"Hohorst!"
Sein Kopf schnellte hoch.
"Man du bist echt die Pest am Arsch weißt du das Alter? Vielleicht habe ich ja nach unserem Gespräch darüber nachdgedacht was mit mir werden soll wenn keiner auf mir reitet. Vielleicht hab ich ja mal von einer Geschichte gehört in der ein Wasserbüffel einsamen Leute Ratschläge erteilte und sie ihn dafür fütterten und sich um ihn kümmerten. Vielleicht hab ich ja gedacht: 'Das kann ich doch auch!', hab ein paar Flyer machen lassen und aufgehängt."
Ich blickte auf seine Hufe herunter.
"Aufgefängt? Du? Wie das denn?"
Er sagte eine lange Zeit nix, schaute mich nur an. Endlich öffnete er den Mund.
"Wirklich? Das ist es was du unbedingt wissen willst? Da drüben steht eine Frau, die mich seid einer halben Stunde anbellt, miaut und sogar gekräht hat und dich interessiert wie ich Flyer aufhänge."
Ich zögerte kurz um zu überlegen.
"Ja."
Horst seufzte.
"Okay, fein - fluchend. Okay? Fluchend habe ich sie aufgehängt, weil es beschissene fast unmöglich ist für ein Pferd Flyer aufzuhängen."
"Wenigstens kannst du dir dabei nicht auf den Daumen hauen." Sein Blick lies mein Grinsen gleich wieder verschwinden.
"Können wir jetzt zurück zum ursprünglichen Thema kommen?"
"Ähm klar. Das war nochmal was?"
"Schaff die Irre hier weg!" Horst schrie schon wieder fast.
"Oh ja richtig."
Ich drehte mich zu ihr um. Sie stand gerade an den Baum gelehnt und strich über den rindelosen Stamm.
"Ich glaube nicht dass die irre ist. Sie will nur das mystical talking riddlehorse sehen."
"Alter kapierst du es nicht? Die hat gebellt, miaut und gekräht. Klingt das für dich normal?"
Den Punkt mußte ich ihm lassen.
"Ja okay, dass klingt jetzt nicht richtig normal. Warum hast du ihr nicht gesagt dass sie das lassen soll."
"Hab ich doch, aber die hört nicht auf mich! Statt dessen springt sie herum und wedelt ihre Hände und brabbelt irgendwelchen Mist. So wie du vorhin."
"So wie ich vor...?"
Mir dämmerte etwas.
"Horst wieviele Sprachen sprichst du?"
Er schnaubte. Darin war er, wie ich bemerkten mußte, sehr gut. Er hatte natürlich auch den Vorteil ein Pferd zu sein.
"Blöde Frage! Zwei - menschlich und pferdisch."
"Aber du sprichst kein englisch?"
"Was ist denn englisch?"
Damit war klar, wo das Problem lag. Die nächste Stunde verbrachte ich damit zwischen Horst und Kira zu dolmetschern.
Und seit dem grüßt er mich auch jedes Mal wenn wir uns sehen.

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