Am Samstag war mal kein Duncker angesagt. Eine Freundin berichtete darüber, dass der Dazzle Club geschlossen wird und quasi seine Abschiedsparty inklusive Band feiern sollte. Da ich es bisher noch nie in den Dazzle Club geschaffte, aber schon mehrfach mit Leuten drüber gesprochen hatte dachte ich, ich geb dem Club mal eine Chance. Naja eine letzte Chance um genau zu sein.
Mit dem Rad war es nicht weiter als zum Duncker so dass ich keine 5 Minuten brauchte um hinzu gelangen. Aber das Rad irgendwo zu verstauen war schon ein kleines Problem, denn der Club lag an der Kreuzung Eberswalder Straße und es waren geschätzte 8 Millionen Leute unterwegs, 50% davon mit Rad. Nachdem ich Rad und Kette schlussendlich ordentlich um ein Straßenschild drapiert hatte traf ich eine Freundin vorm Club und wir gingen rein.


Die Tanzfläche überraschte mich aus zwei Gründen: sie war voller Konfetti und ein riesiger Penis hing mitten darüber. Die Band röhrte im Hintergrund schon herum und Boy oh Boy die waren echter Schrott. Ich meine es gibt saugute Bands, gute Bands, schlechte Bands und diese Band. Sie waren das dunkle Imperium des Rock. Laut, schnell und furchtbar. Jeder Song schien aus drei verschiedenen Musikrichtungen zu bestehen, die im Minutentakt wechselten. Der gerade laufende Song klang am Anfang nach Dropdead Murphy, wechselte nach eine Minute auf Machine Head und endete mit Offspring. Dropdeadmachinespring. Um mich herum wurde ordentlich mitgegröhlt und nach jedem Song ungefragt nach Zugabe gerufen. Ich stand drei Songs wie paralysiert herum, wischte mir zwischendurch immer wieder das herumfliegende Konfetti vom Kopf und starrte das Elend vor mir entgeistert an. Anfangs hatte ich mich noch gefragt warum der Club schließen musste, aber wenn sie das unter Unterhaltung verstanden war mir alles klar. Es war wie ein Autounfall – man wollte nicht hinsehen aber man konnte auch nicht nicht hinsehen.

Eine Pause nutzend schaffte ich es genug Hirnmasse in Bewegung zu setzten um mich loszureißen und die Bar aufzusuchen. Dort herrschte Andrang, offenbar war ich nicht der einzige der entschieden hatte das der Abend nur mit vernebelten Sinnen überstanden werden kann. Doch ich sah ein Licht am Horizont, als ich entdeckte, dass sie Strongbow anboten. Also schnell zwei bestellt, eine für gleich und eins für später und dann wieder rein in den Konzertraum. Eine Alternative existierte nicht, der Club bestand nur als Eingang, Bar und Tanzraum.

Zwei Cider und eine halbe Stunde Durchlaufzeit später gab mir meine Blase einen unüberhörbaren und ablenkenden Befehl. Ich begab mich auf der suche nach dem Klo, drängelte mich an der Bar vorbei, glotzte den Türsteher blöd an, drehte mich um und entdeckte neben der Bar einen kleinen Gang. Durch den gehend fand ich das Klo und dort auch Erleichterung. Als ich es wieder verließ stieß ich unsanft gegen jemanden und taumelte zurück. Der Türrahmen des Klos hielt mich auf und ich schaute den breite Arsch vor mir ungläubig an. Ein Schweif zuckte von links nach rechts.
„Horst?“ brüllte ich über den Krach, den die Band Musik nannte hinweg.
Der Arsch geriet in Bewegung als Horst sich umdrehte und mich anglotzte. Seine Augen waren schon leicht glasig. Einige Momente konnte man erkennen, dass er versuchte mich mit beiden Augen zu fixieren, dann wieherte er los.
„Alter! Was machst du denn hier?“
„Was ich hier mache? Was machst du hier?“
Horst trug so ein Trinkbasecap mit zwei Löchern für die Ohren. Aus den Bechern links und rechts führten Schläuche nach unten und unter seinem Kopf zusammen zu einem Schlauch . Dessen Ende steckte in einem seiner Mundwinkel.
„Party mache ich! Und nebenbei bissl arbeiten.“
Er drehte sich zur Seite und jetzt bemerkte ich auch die Decke die über seinem Rücken lag und unter seinem Bauch zusammen gebunden war.
„Santiago – the magical Riddlehorse“ stand auf ihr.
„Santiago?“
Er bleckte die Zähne.
„Mein Künstlername.Klingt einfach besser als Horst.“
„Und was machst du so als Riddlehorse?“

Bevor er antworten konnte kamen zwei Mädels vorbei. Beide bleiben stehen, sahen Horst mit großen Augen an und lachten dann los. Eine von ihnen bemerkte das Tuch, blieb stehen um es zu lesen und fragte dann:
„Was ist denn ein Riddlehorse?“
Horst drehte sich zu ihr um.
„Ein Pferd, dass dir zu jeder Frage einen Rat geben kann.“
Die linke von den beiden brach vor Lachen zusammen, während die rechte in ihr Glas guckte, mich ansah und todernst sagte:“ Das Pferd hat gerade gesprochen.“
Dann leerte sie das halbvolle Glas mit einem Schluck und verzog das Gesicht.
„Soll vorkommen.“ war meine beste Leistung zum Thema, aber ich wurde ignoriert.
„Okay Riddlehorse, ich hab da mal eine Frage.“
„Gern, aber keine Frage warum ich sprechen kann oder irgendetwas persönliches zu mir. Ein Künstler muss seine Privatsphäre wahren.“ sagte Horst.
Das Mädchen lachte kurz auf und schlug sich die Hand vor den Mund.
„Klar. Klar. Privatsphäre, ist klar. Und was soll ich dich sonst fragen?“
„Stelle mir irgendeine Frage zu deinem Leben. Über irgendwas dass dir wichtig ist und das dich nicht in Ruhe lässt. Dann gebe ich dir einen Rat. Erfolg garantiert.“
Sie überlegte kurz. Ihre Freundin hatte inzwischen aufgehört zu lachen und sich auf das Sofa das in der Ecke stand zurückgezogen. Von dort aus beobachtet sie die Unterhaltung mit kindischen großen Augen.
„Okay ich hab was. Mein Freund...“
„Moment Moment.“ sagte Horst „hier steht...“ Er drehte sich zur Seite um nochmal das Tuch zu zeigen. „The magical Riddlehorse. Das Wort gratis steht da nirgendwo. Willst du einen Rat haben dann musst du dafür zahlen.“
Vom Sofa kam ein hysterisches Kichern.
„Was kostet mich denn dein garantiert erfolgreicher Rat?“
„Wenn er dir weiterhilft füllst du meinen linken Becher an der Bar auf. Ich steh auf Tequila Sunrise.“ sagte Horst und fügte einen Ellbogenstoß später hinzu “Und für meinem Freund hier auch einen Drink.“
Das Mädchen sah mich an, als ob ich bisher unsichtbar gewesen wäre. Das passiert mir selten,. Aber Horst war auch starke Konkurrent wenn es um Aufmerksamkeit geht.
„Strongbow Cider.“ sagte ich. Sie nickte.
„Abgemacht. Wenn der Rat gut ist geb' ich dir und deinem Freund einen Tequila Sunrise und ein Cider aus.“ Sie kicherte. „Tequila Sunrise für ein Pferd!“
Horst bleckte wieder die Zähne. So langsam erkannte ich dass er zu lächeln versuchte.
„Dann schieß los.“
„Also mein Freund und ich streiten uns immer wieder wegen seiner verdammten X-Box. Er spielt damit Tag und Nacht. Ich hab schon drüber nachgedacht das Mistding einfach zu zerdeppern.“ Sie ballte ihre Fäuste und ich fragte mich wo ihr freund heute Abend wohl war. Nicht hier im Dazzle Club sicherlich.
„Okay also hier ist meine Frage: Wie bekomme ich ihn von dem verdammten Ding weg?“
Horst überlegte und saugte gedankenverloren an seinem Trinkschlauch.
„Ich denke du solltest es mal von einem anderen Blickwinkel aus sehen. Wenn er das Ding liebt und du ihn liebst musste du damit zurecht kommen.“
Es wurde kurz so still es eben bei dem Lärm den die Band machte eben ging. Dann explodierte das Mädchen.
„Das ist dein Rat? Das ist dein verfickter Rat?“ brüllte sie Horst an.
Der trat eine nSchritt näher an sie heran.
„Nein. Mein Rat ist es deinen Blickwinkel zu ändern. Und deswegen sage ich dir: Dreimal rechts ist auch links.“
„Dreimal rechts ist auch.. Willst du mich verarschen?“ Sie brüllte schon wieder und das lag nicht an der Band.
„Nein will ich nicht. Denk kurz drüber nach.“
„Was gibt es da nachzudenken? Dreimal rechts ist auch links. So ein Schwachsinn! Als ob ich nur dreimal..“ Sie drehte sich 90 Grad um die eigene Achse, dreimal hintereinander und dreimal jeweils rechtsherum.
Und verstummte.
Senkte den Blick und begann auf ihrer Unterlippe herumzukauen.
„Dreimal rechts.“ murmelte sie. Horst stieß mich unsanft an, was bei seiner Masse vermutlich die einzige Art von Anstoßen war. Ich schaute von ihr zu ihm und er blinzelte mir wahrhaftig zu.
Plötzlich klatschte sie in die Hände und drehte sich wieder zu uns herum.
„Verdammt das ist genial! Ich meine: dreimal rechts ist auch links! Verdammt das ist so einfach. Ich muss das verfickte Ding gar nicht loswerden. Ich muss es ihm nur so vermiesen, dass er es loswerden will! Verdammt!“
Sie sah Horst an und hob die Arme. Er zuckte zurück.
„Keine Umarmung und keine Küsse. Privatsphäre, du erinnerst dich?!“
„Was? Ja! Klar! Der Rat ist genial! Du bist genial! Wie kann ich dir nur danken?“
„Die Drinks?“ gab ihr Horst einen höflichen Hinweis.
„Verdammt ja klar. Die Drinks. Hol ich sofort. Verdammt!“ Sie drehte sich um und wollte losstürzen.
„Mein Becher.“ rief ihr Horst nach und nickte mit dem Kopf nach links als sie sich mit fragendem Gesichtsausdruck nach ihm umdrehte. Dann dämmerte es ihr, sie kam zurück, fummelte ihm vorsichtig den Becher aus dem Gestellt und holte Anlauf um sich in Richtung Bar durch zudrängeln. Ihre Freundin auf dem Sofa hatte sie scheinbar völlig vergessen. Die schlief inzwischen tief und fest, mit zurückgelehntem Kopf und weit offenem Mund.

„Und?“ fragte mich Horst als er sicher war, dass sie außer Hörweite war.
„Man das ist genial. Wie machst du das?“
„Nicht lachen. Eigentlich habe ich nur drei Ratschläge, die aber immer klappen.“
Ich musste lachen.
„Echt? Welche?“
„Nummer eins: Dreimal links ist auch rechts. Funktioniert fast immer bei Fragen zu Beziehungen.
Nummer zwei: Wenn du schon nicht das letzte Wort haben kannst, dann hab wenigstens den ersten Schlag. Hören gern Leute, die im Job Probleme mit ihrem Boss haben. Ich hoffe das hat bisher noch keiner wörtlich genommen, aber ehrlich gesagt interessiert es mich einen feuchten Scheiß.
Nummer drei ist etwas kompliziert: Egal wie beschissen es ist – es geht vorbei. Und dafür gibt es einen einfachen wissenschaftlichen Beweis: Auf der Erde gibt es eien Kraft die wir Gravitation nennen. Und Gravitation sorgt dafür, dass die Zeit eine Konstante ist. Also geht jede Scheiße vorbei. Klappt meist bei Leuten die mir ihre super wichtigen Probleme erzählen.“
Ich konnte mich vor lachen kaum halten, was sicherlich auch etwas mit den beiden Ciders zu tun hatte. Ich musste mich an Horst festhalten, der ebenfalls laut wieherte.
In dem Augenblick kam das Mädchen zurück, in der linken ein Cider, in der rechten Horst's Becher.
Es brauchten noch vier andere Leute Ratschläge an dem Abend und am Ende durfte ich sogar auf Horst nach Hause reiten.