8. August 2014

9 / Apple Netbook - left, right? - Frau Wong - Conan


Ich war wieder auf dem Weg nach Charlottenburg. Diesmal ging es um ein Exemplar von Minumum Daemonium, einem Buch über Hausdämonen.
Bis nach Charlottenburg mit dem Rad war mir doch etwas zu weit, also per Bus und Bahn. Dabei ergab sich, kaum am Alex angekommen ein Problem, dass sich in ein Wort fassen lies - Bauarbeiten. Na gut drei Worte drücken es besser aus - Bauarbeiten im Gleis. Also kurz orientiert und aufgestöhnt. Die offizielle Umleitung war per Bus zum zoologischen Garten zu zuckeln oder ab Alex per U2 zum Garten und dann noch die letzten 2 Stationen bis Charlottenburg per S-Bahn. Also losgestiefelt, runter in die überhitzten Katakomben der U-Bahn am Alex. Es war halb 7 abends und die U2 erwartungsgemäß voll. In den Wagons herrschten geschätzte 35 Grad Celsius und das Apple Netbook meines Nebenmanns übergoss mich mit einem kontinuierlichen Schauer aus warmer Luft. Irgendwo muss die Prozessorhitze ja hin. Also warum nicht mein Schoss?


Es waren nur knappe 20 Minuten Geruckel und Gequietsche, schwitzige Menschen die sich aneinanderdrängen, Arme an Haltegurten erhoben, die in Achselhöhlen endeten, die man lieber hätte geschlossen halten sollen und einer Gruppe japanische Touristen die ebenfalls zum Garten wollten und sich an jeder Haltestelle innerhalb der Gruppe absicherten - eight Station left, right? - um wie viel sie ihrem Ziel näher gekommen waren und es mir gründlich vermiesten die Zeit als etwas anderes als endlos wahrzunehmen. Endlich am zoologischen Garten angekommen kotzte mich die U2 mitsamt einigen anderen Passagieren aus und ich tat mein bestes um schleunigst an die frische Luft zu kommen.

Dann in Charlottenburg der nächste Schlag in den Nacken: die Bibliothek hatte zu. Keine Marla, kein Igor weit und breit, nur eine verschlossene Tür und ein lapidarer Zettel, der zusammen mit der geschlossenen Tür beharrlich darauf bestand das der Laden "GESCHLOSSEN" war. Ich versuchte es nebenan, bei Herrn Steiner.
Herr Steiner ist ein kleiner dicker Mann mit Glatze und Brille und zudem Besitzer des Schlüsseldienstes und repariert dort allerlei Kram. Deswegen ist die Werkstatt in den hinteren Räumen seines Ladens auch immer mit allerlei Zeug vollgestellt. Da stapeln sich fleckige Kaffeetassen neben Schraubenziehern und Drahtbündeln.
Herr Steiner ist ziemlich schlampig und unglücklich verliebt. Im dritten Stock des Hauses wohnt Familie Wong. Frau Wong ist Mitte vierzig, zierlich und still. Herr Steiner ist Feuer und Flamme für Frau Wong. Deswegen hat er vor etwa einem Jahr angefangen japanische Musik zu hören. Meistens klassische Musik aber manchmal auch Japan-Pop. Und wenn sein Herz zu sehr weh tut, weil er seiner Geliebten so nahe ist und sie doch so fern ist, denn sie weiß natürlich nicht, das er in sie verliebt ist; dann hört er die Musik so laut es nur geht.
Unnötig zu sagen, dass sein Geschäft mehr schlecht als recht läuft.

"Was ist denn nebenan los?"
Auf dem Tresen lag eine Papiertüte, die verführerisch nach süßem Gebäck duftet. Die Fettflecken auf der Tüte lassen auf Spritzgebäck oder etwas ähnlich schließen
"Das Kühlaggregat ist glaube ich defekt, deswegen mussten sie den ganzen Bunker in Stasis versetzen. Bis morgen soll wohl ein neues Teil da sein und dann müsste alles wieder paletti sein."
"Ah okay."
Ich ging und setzte meinen noch immer überhitzten Körper der in einem durchschwitzten Shirt steckte in Bewegung, zurück zur S- und U-Bahn.

Die Rückfahrt zum Alex war fast zu ertragen. Gut es war immer noch heiss und voll aber nicht mehr dicht an dicht und keiner wieß mich in regelmässigen Abständen auf die Restdauer meiner Misere hin und/oder blies mir warme Luft entgegen. Obwohl damit war ich hinzu besser als mit dem Countdown of Doom klar gekommen.

Am Alex angekommen war ich in derartiger Höchstlaune, dass ich mir zur Feier einen Smoothie leistete und dann beschloss das Restgeld in den Brunnen auf dem Alex zu werfen. Der ist zwar kein amtlicher Wunschbrunnen, aber schaden kann es ja nicht oder? Der Alexplatz selber war wegen der anhaltenden Hitzewelle fast menschenleer, seine Steinpletten gleisste trotz matter Oberfläche im Sonnenlicht. Der Schatten des Kaufhofs reichte gerade bis an den Brunnen heran und in ihm brieten einsame Verkäufer Bratwurste auf ihren Bauchgrills und sich in der abgestahlten Hitze desselben. Es war erdrückend heiss, die Hitze selber fast substanziell.
Nichtsdestotrotz kreiste ein kleiner Junge um den Brunnen und versuchte die nur träge weghüpfenden Tauben zu treten. Die schiere Bosheit des Zufalls wollte es, dass mindestens 100 Prozent der doch davonfliegenden Tauben im flach aufsteigendem Flug in meine richtung steuerten. Ich war also bei meiner Annäherung an den Brunnen Protagonist von Hitchkocks "Die Vögel" im Miniaturmaßstab. Ohne von der Hitze gebremmst zu werden hetzte der kleine Junge herum, mit knallrotem Kopf und nach Luft schnappend, aber ohne Anzeichen von Ermüdung oder Vernunft zu zeigen.
Ich erreichte den Brunnen, der Kleine rannte an mir vorbei und fand noch die Reserven um "WUSCH!" zu äussern als die totale Gewalt in seinem Leben zuschlug.
"Conan!?" dröhnte es uber den Platz und abrupt blieb er stehen. Ich schwöre verbrannten Gummi gerochen zu haben.
"Bist du behindert so rumzurennen bei der Affenhitze? Komm gefälligst her!"
"Ja Mami." sagte Conan mit piepsiger Stimme.
"WAT?" brüllte sie.
"JA MAMI!" brüllte ihr Lendenspross ebenso zurück.
Ich warf die Handvoll Kleingeld in den Brunnen und sah aus dem Augenwinkel heraus den Kleinen auf eine Gruppe Frauen zulaufen, deren Dahseinsberechtigung sich von ersten Eindruck darauf beschränkte, Konsumenten und Finanzstabilität fur die Art von Firma zu sein, zu deren Hauptartikeln alle mögliche Bekleidungen in ebensovielen Neonfarben gehörte. Conan verschwand im Pulk aus Farben.

Ich setzte mich auf den Rand des Brunnens, musste mich aber wegen der von Untergrund ausgehenden Hitze sofort wieder erheben. Mein Hintern gab dahingehend nachdrücklich zu verstehen auf Wiederholung verzichten zu wollen. Also ging ich Richtung Saturn um die Tram nach Hause zu nehmen.
"Rambo!" brüllte dieselbe Stimme von vorhin hinter mit. "Kommst du her?! Geh weg von den Spastis!"
Ich konnte nicht anders, ich mußte mich umdrehen. Ein Dackel hockte neben zwei Jungen, die sich unterhielten und seinen "Ich bin so ein lieber Wauwau, ihr habt doch sicher irgendein Leckerlie für mich"-Blick ubersahen. Rambo.
Rambos Halsband war pink, genauso pink wie die Fingernagel die sich darum schlossen und ihn wegzerrten. Tigerprint auf engen Hosen gab sich Mühe seinen Beitrag zum Gesamteindruck beizusteuern. Man durfte gratulieren - es verfehlte sein Ziel nicht. Ich drehte mich um und ging weiter.
Auf dem Weg nach Hause in der Tram fiel mir ein, dass ich mir nicht gewünscht hatte und die 41 Cent völlig umsonst in den Brunnen geworfen hatte.

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