Später am Abend ging ich nochmal runter. Mein Gewissen lies mir keine Ruhe. Inzwischen hatte ich gründlich nachgedacht und war mir sicher, dass Horst mich nicht schmackhaft finden konnte. Immerhin war er ja ein Pferd.
„Horst?“ rief ich über den Innenhof.
„Was?“ kam es aus seiner Ecke zurück. Er klang ziemlich übellaunig.
„Ich wollte mich nochmal entschuldigen und es wieder gut machen. Die Sache mit der Lippe vorhin. Das war echt daneben.“
„Ja das war es.“ Er schwieg eine Weile, ich auch.
„Wie wiedergutmachen?“ fragte er schlieslich.
„Was machst du eigentlich heute Abend? Ich wollte mal ins K17 schauen, die haben einen ganz ordentlichen Metal Floor.“
„Metal – Schmetal. Und ist da heute keine Halloweenparty?“
Jetzt war ich dran mit ihn lange ansehen.
„Wo wird heute keine Halloweenparty sein?“
„Stimmt auch wieder. Wann wolltest du hin?“
„So um Mitternacht da sein.“
„Zur Geisterstunden. Cool, dann komm ich mit.“

„Verkleidet?“
„Als was soll ich mich denn verkleiden?“
„Keine Ahnung, als Einhorn vielleicht.“
Horst zeigte seine Zähne.
„Nee lass mal, dafur bin ich nicht unschuldig genug. Verkleidest du dich?“
„Ja klar ich geh' als alkoholdurchtränkte Version von mir selbst.“
Wieder sah ich gelbe Zähne.
„Kapiert.“
„Also machen wir halb zwölf hier los?“
„Nee lass mal Mitternacht da treffen, ich muss vorher noch arbeiten. Geld verdienen für 'n paar Bierchen.“
„Ich würde dich auf eine Lage einladen.“
„Ist nett, wird aber nicht reichen.“
„Okay, dann Mitternacht.“

Der Innenhof war tatsächlich leer, als ich mich um halb zwölf auf den Weg machte. Bei der Gelegenheit fiel mir wieder ein, dass ich Horst mal fragen wollte, wo er seine Decke und das ganze Zeug eigentlich aufbewahrte. Ich hatte im Hof keinen Schrank oder ähnliches gesehen.
Die Straße vorm K17 war umgekehrt proportional zum Innenhof brechend voll. Eine geschätzte 120 Meter Schlange ging vom Eingang über den Vorhof bis auf die Strasse hinauf. Es sah etwas wie bei Dawn of the Dead aus, denn Zombies und zombiähnliche Gestalten beherrschten das Bild. Dazwischen tummelten sich alle möglichen kundenorientiere Dienstleister in unterschiedlich Abstufungen von sexy.
Ich war vor Horst da und schloss mit ungläubiger Miene mein Fahrrad an. Das versprach eine lange Wartezeit. Horst traf nur wenige Minuten später an, sein Hufschlaf kündigte ihn bereits an.
„Scheise, was ist denn hier los?“ fragte er und wiederholte meinen Initialgesichtsausdruck, nur das er es durch natürliche Resourcen schaffte ein noch längeres Gesicht zu machen als ich.
„Halloween.“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Los lass mal anstellen.“
Wir gingen zum Ende der Schlange als sich ein Arm aus der Menge erhob und mich packte. Es war Angel, eine Freundin von mir. Angel war natürlich nicht ihr richtiger Name, aber ich hatte schon Leute mit seltsameren Namen kennen gelernt. Spontan fällt mir da eine Mädchen ein, dass auf den Namen „Kralle“ hörte. Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen wie sie in Wirklichkeit hieß. Kein Stück.
„Angel – Ho... Santiago. Santiago – Angel.“ stellte ich die beiden vor.
„Ist das der, von dem du erzählt hast?“ fragte Angel mit einem Seitenblick auf Horst.
Der zeigte Zähne.
„Ja.“
„Cool. Und du kannst wirklich sprechen.“
Horst nickte stumm. Angel runzelte die Stirn.
„Das war jetzt nicht wirklich überzeugend. Sag doch mal was.“
„Was.“
Angel grinste von einem Ohr zum anderen.
„Voll cool.“
„Danke.“ Horst neigte leicht den Kopf und deutete eine Verbeugung an.
Wir rückten eingeklemmt zwischen einer Gruppe Oberstadtfuzzies mit Edwars Cullen Makeup und sexy Vampire Ladys hinter uns und Unterstadtjungs ohne Humor aber mit dem festen Ziel sich zur Bewustlosigkeit zu betrinken im Auge vor uns langsam weiter.
Angel und Horst unterhielten sich und damit auch mich. Angel bedauerte, dass sie auf dem Weg von der S-Bahn nicht ein paar Bier im Späti eingepackt hatte, wollte aber auch nicht nochmal zurück laufen und Horst bedauerte sie und uns ob der tragischen Abwesenheit von Bier.
Die Unterstadt vor uns war als Super Mario Mütze mit einem M drauf und eine Latzhose und Nerd mit Karohemd und Opabrille verkleidet, obwohl ich beim letzteren nicht sicher war, dass es sich dabei um eine Verkleidung handelte.
Innerhalb der nächsten Stunde die uns dem Eingang näher brachte stießen zur Gruppe vor uns noch vier weitere Jungs hinzu, die alle mindestens eine Flassche harte Alkohol Gruppenpfand einzahlen mussten. Ironischerweise schafften es trotzdem die Typen hinter uns sich in der Zeit mit Sekt und Obstlikören über den Jordan zu schiesen. Und es war auch nicht hilfreich, das einer innerhalb der Stunde 38mal "Wir stehen immer noch an Alter!" wiederholte.
Wohlgemerkt zu seinen Kumpels die dieses Erlebniss live mit ihm teilten.

Endlich waren wir am Eingang, ich und Angel wurden abgetastet, Horst nur angeglotzt und dann durchgewunken. An der Kasse war man sich gerade über irgendwas nicht einig und so gingen wir, angespornt durch Angels geflüstertes „Losloslos!“ und gedeckte durch Horst einfach ohne zu zahlen durch.
"Hat sich doch schon gelohnt!" brüllte ich ihm hinter der Kasse ins Ohr, der zwar nickte aber gleichzeitig skeptisch den überfullten Hof inspizierte.
Die Garderobe machte den Eindruck eines wütenden Bienenschwarms also liesen wir den Part aus. Angel und ich wollten eh nur noch in den dritten Stock, sie hatte die Hoffnung, dass die Anzahl der Menschen pro Quadratmeter mit steigender Höhenmeter abnehmen würde. Horst warf nur einen Blick in den vollgestopften Hausflur Richtung obere Stockwerke und schüttelte den Kopf.
"Nee Alter, lass mal. Da kriegen mich keine zehn Pferde rein. Ich bin an der Bar." Mit nicht unerheblicher Mühe drehte er sich um und trabte durch die Menge davon.
Mir blieb nur Schulterzucken und dann warf ich mich mit Angel ins Gewühl.

Im dritten Stock hatte sich die Menschenmenge nur unmerklich reduziert, lies aber hinter der Bar in Richtung DJ und Tanzfläche doch schlagartig nach. In einer Ecke konnten wir unsere Klamotten deponieren. Der DJ lies den nächsten Song anklingen, Angel und ich grinste uns breit an und übergaben unsere Leiber der Tanzfläche. Einige Zeit später war mir wieder warm und sowohl das als auch ansteigender Durst ob der körperlichen Interaktion mit der Umwelt sorgten für eine Tendenz Richtung Bar. Angel sah das genauso und bestand grinsend auf Erledigung. Minuten später war sie zurück, zwei Corona und ein fettes Grinsend tragend.
"Vier Euro fur beide - Boobs rule!" brüllte sie mir noch ins Ohr als ich meine Flasche entgegennahm. Ich schüttelte nur ungläubig den Kopf und genoss den günstig erworbenen Frischmacher.
Den restlichen Abend beziehungsweise die Nacht verbrachten wir fast ausschlieslich tanzend. Die Musik war gut, die Leute hatten gute Laune und das sich hier und da lösende Makeup wurde einfach großzügig übersehen. In dem Zusammenhang hatte der Veranstalter überall Zettelangeklebt, die ihn von Haftungsansprüchen durch Kunstblut freisprachen. Sehr clever. Aus machem Zombie wurde durch die Hitze irgend ein Typ mit Schmutz am Mund und Blutschliesen an den Klamotten und so manche sexy Nurse wurde zur blurred Nurse.

Irgendwann später drängelte ich mich nochmal nach unten durch um Horst zu suchen. Die unterste Etage war nach wie vor vollgerammelt, der Hof ebenso. Trotzdem war Horst nicht schwer zu finden, ersten weil sein Hintern alleine alle anderen überragte, zweitens weil ihn eine gröhlende Menge umgab, die ihn gerade anfeuerten.
Horst hatte seinen Kopf in einem Eimer stecken und trank lautstark schlürfend. Ein gurgelndes Geräusch übertönte die Rufen, dann hob er den Kopf, wiehrte einmal laut mit Schaum vorm Maul und allgemeines Geschrei erhob sich. Ich zwängte mich unter den ihm auf den Rücken klatschenden Händen durch bis ich den Kopf erreichte und blickte in zwei glasige Augen.
"Geile Party hier!" hauchte Horst mir ins Gesicht. Die Information ritt auf einer Wolke Bieratem.
"Sieht so aus." rief ich ihm ins Ohr. Er amüsierte sich offenbar prächtig auch ganz ohne mich.
"Für einen Haufen Tote können die hier gut feiern." meinte Horst und kicherte. Einige nebenstehenden Leute lachten.
"Kommst du klar?" fragte ich ihn "Dann geh ich wieder hoch das Tanzbein schwingen." Horst nickte langsam und bestimmt.
"Schwing du mal dein Banztein... Spansbein... dein Tanschbein... ach du weisst schon und ich bleib hier bei meinen neuen Freunden."
Ich klopfte ihm auf den Hals und ging wieder hoch.

Der DJ schaute mich verständnisslos an. Es war noch etwas später und das K17 leere sich allmälig. Jedenfalls die dritte Etage tat das. Einige Zombies und Vampire hielten noch eisern durch und torkelten, die einen Speziestypisch, die anderen nicht, über die Tanzfläche. Ich hatte mich mit einem wahnsinnig genialen Plan dem DJ Pult genähert und den dort hockende Junge damit offenbar überfordert.
"Sorry aber kenn ich nicht." Ich seufzte. Den Abend über hatte ein Kerl nur paar Jahre älter als ich mit langen Haaren und blutiger Fresse hier oben für Recht und Metal gesorgt. Der Junge vor mir war zehn Jahre jünger und offenbar seine Ablöse. Oder seine Vertretung wie sich gleich darauf herausstellte, als der andere DJ hinter mir auftauchte, mir gewaschenem Gesicht und frischem Shirt.
Er schob sich an mir vorbei, warf einen kurzen Blick auf die Sammlung aus Knöpfen und Lichtern hinterm Pult und lies sich von dem Jungen etwas ins Ohr sagen. Dann schaute er auf und näherte sich mir.
"Was willst du hören?"
Ich wiederholte meine Bitte.
Er lachte auf, klopfte mir auf die Schulter und schüttelte den Kopf.
"Gemacht." brüllte er mir ins Ohr.
Und so beendete ich den K17 Abend indem ich in Begleitung einiger volltrunkenen Zombies zu "All my Friends are dead" auf der Tanzfläche herumtobte.