Ich bekam das Gesicht nicht ab. Das linke Ohr hing schon lose herab, aber das rechte war fest. So sehr ich auch daran zerrte es löste sich nicht und verhinderte damit ein erfolgreiches Face-off.
"Nein, nein, sie müssen das Ohr losmachen. Nicht einfach nur zerren." Die Frau zur Stimme beugte sich über mich, wobei ihr Busen gegen meinen Rücken drückte und zog das Ohr mühelos vom Kopf ab.
"Sehen Sie?" sagte sie und hielt mir das Gesicht hin. Ich nahm es ihr ab.
„Hab's ja auch schon gelockert.“ murmelte ich während ihr Busen meinen Rücken allein lies und warf das Gesicht in meiner Hand in die Box mit den anderen Gummigesichtern.
"Die nächsten bitte." rief die Frau und winkt die nächsten beiden zu sich.
"Dreißig mal drücken, zweimal beatmen und das ganze dreimal hintereinander."
Die linke der beiden näher getretenen Mädels sucht sich schonmal den Druckpunkt auf der Gummibrust. Nix mehr mit zwei Finger breit und dann rumtasten, einfach die Hand auflegen und der Stinkefinger muss auf die Brustwarze zeigen – Punktlandung.
"WAS machen wir IMMER zuerst." Die Frau hatte die seltsame Angewohnheit in manchen Sätzen nur einzelne Wörter zu betonen.
Das Mädchen schaute verwirrt zu ihr auf, ihren Augen huschten hin und her während sie in ihrem vollgestopftem Hirn die Frage zu lösen suchte.
"ATEMKONTROLLE!!" wurde ihr die Lösung präsentiert.
Ich war bei meinem Erste Hilfe Kurs. Interessanterweise ist da nichts besonderes dabei, einfach nur Erste Hilfe Maßnahmen und dergleichen bei Menschen. Keine dimensionalen Dinger, keine mehrphasige Stockatmung bei der fünften Dimension, keine Anatomie und dergleichen. Alles was gezeigt wurde ist das übliche Erste Hilfe Programm - lebensrettende Maßnahmen, Verbände und der Umgang mit dem Defibrillator für Dummies.
Und natürlich Lippenkontakt mit Gummi und das Betatschen einer Gummibrust. Die Gruppe war auch dementsprechend bunt gemischt, ein paar besorgte Frischeltern die gerade bei der lebensrettenden Maßnahme nach einer Kleinkindpuppe zum üben schrien, einige Angestellte, die träge aufnahmen was ihnen der Gesetzgeber vorschlägt und eine kichernde Gruppe Erzieherinnen die hinter mir saßen.
Diese drei waren interessant, zeigen sie doch das Arbeitsspektrum innerhalb der Branche.
Die erste ganz Lehrerin, mit Pferdeschwanz, Brille und beige grauen Klamotten. Strickjacke, Bluse und Rock bis über das Knie. Wenn sie lachte klang es wie ein kaputter Anlasser, eine kurze Folge an leiernden Lauten.
Die zweite war ganz der mütterliche Typ, war die Ursache der unzähligen Lacher und hatte massig kleine Fältchen um Augen und Mund, die mit dem Zaunpfahl winkten, wenn man nicht schon innerhalb der ersten 3 Minuten gemerkt hatte, dass sie wusste wie man Spaß im Leben haben konnte. Ein paar überzählige Kilos halfen sie zu der komfortablen Person zu machen, die sie war.
Und die letzte im Bunde hatte kirschrote Haare, Dredlocks und auffällig tätowierte Arme. Und den Hals. Und den unteren Rücken soweit ich bei Ausführung der stabilen Seitenlage sehen konnte.
Sie war auch die von den dreien, die einen Thermobecher dabei hatte, aus dem ein Teebeutelfaden raushing. Ich hatte meinen bei beim König erworbenen Kaffee auf dem Flur austrinken dürfen, im Kursraum waren unverschlossene Becher nicht erlaubt.
Offenbar galt der Deckel auf dem Styroporbecher als "unverschlossen".
Der Buchladen hatte diese Woche geschlossen. Die beiden Tage Erste Hilfe Kurs zahlten sich am Donnerstag direkt aus. Nicht für mich, aber für meinen Chef glaube ich. Der liegt im Krankenhaus, hat auf irgendetwas im Weihrauch des Schamanen allergisch reagiert. Das tägliche Abbrennen der dimensionalen Schutzräucherstäbchen hat ihn nach und nach vergiftet.
Montag ist er dann schlussendlich mit violettem Gesicht im Laden aufgetaucht, angeschwollen wie ein Michelinmännchen und nach Luft schnappend. Trotzdem verbot er mir einen Arzt zu rufen, dass konnte ich erst tun, als ihn seine Tochter am späten Vormittag bewusstlos im Gang G - M/ Haushaltsbeschwörungen und Giermanifestationen fand. Er hielt das Monstrum Digitum noch in der Hand, nachdem das gebückte gelbgesichtige Männchen an der Kasse gesucht hatte.
Während ich das Männchen abkassiert schleppte seine Tochter meinen Chef ins Büro, wo ich sie fand, wie sie ihn in die Mitte des Zimmers gelegt hatte und ihm gerade mit einem grünen Permanentmarker Sybole und Kreise auf Stirn und nackten Oberkörper malte. Die Schere mit der sie sein Shirt zerschnitten hatte lag gefährlich nahe bei ihrer linken Hand mit der sie sich abstütze. Ich schob sie mit dem Fuß beiseite. Die Schere, nicht die Tochter.
"Was soll das?" fragte ich und erntete einen verständnislosen Blick.
"Wir werden angegriffen. Das sind Schutzchakren."
"Angegriffen? Von wem?"
"Dimensionale Assassine. Krähende Krähe hat uns gewarnt."
Man musste nicht besonders originell sein, um sich Schamane nennen zu dürfen.
"Lass mich mal."
Ich kniete mich neben sie hin und packte meinen Chef an den Schulter. Neben mir summte die Tochter vor sich hin und verzierte seine Stirn mit etwas, dass entfernt an Blumen erinnerte. Offenbar wurde Wahnsinn innerhalb der Familie weitergegeben.
Ich schüttelte meine Chef ordentlich durch, ohne eine Reaktion zu erhalten. In die folgende Ohrfeige legte ich allen angestauten Frust und dadurch etwas sehr viel Schwung hinein, weshalb sie ordentlich in dem kleinen Büro schallte. Nichts.
"Atmet er?" fragte ich die Tochter, doch die summte nur vor sich hin und malte mehr Kreise auf den Teppich neben ihm.
Ich prüfte die Atmung. Alles okay.
"Ruf einen Krankenwagen!" brüllte ich die Tochter an und auch darin legte ich etwas mehr Schmiss, als vielleicht nötig war. Aber sie anzuschreien fühlte sich einfach zu gut an. Half aber nichts. Sie sah mich nur mit glasigen Augen an.
"Ich muss den Bannkreis schließen."
"Scheiss auf den Bannkreis, er braucht einen Arzt." Doch sie war schon wieder am malen, die Zungenspitze zwischen die fest zusammengepressten Lippen gesteckt.
Ich gab auf, schob sie jetzt doch beiseite, überhörte den Protest und hievte meinen Chef in die stabile Seitenlage.
"Du hast den Chakrenkreis durchbrochen." kreischte seine Tochter und zeigte mit einem zitternden Finger auf mein linkes Knie. Es ruhte auf einem Permanentmarkerkreis. Ich schob mich beiseite und der Finger sank herab.
"Ich ruf mal besser einen Krankenwagen, mal du ruhig zu Ende."
Sie robbte näher während ich zum Tisch ging und 110 wählte. Mein Herz schlug schnell, meine Ohren rauschten. Trotzdem konnte ich Cheftochter summen hören wahrend sie ihren Vater weiter verzierte.
Nachdem ich Adresse und Situation durchgegeben hatte wurde schnelle Hilfe versprochen. Ich sollte dranbleiben. Der Monitor auf dem Schreibtisch zeigte, dass der Laden noch leer war, nachdem das gelbgesichtige Männchen bezahlt hatte und gegangen war. Ich erinnerte mich daran mich zu erinnern gleich noch nach vorn gehen und abzuschließen. Mein Gesprächspartner signalisierte, dass er alle benötigte Informationen hatte und bot mir an die Leitung freizumachen. Ich legte auf und warf einen Blick auf meinem Chef. In der Zwischenzeit hatte ihm seine Tochter einen Trampstamp verpasst, komplett mit kryptischem Schriftzug und Blumen.
Tags darauf stand ich dann vor verschlossener Tür. Und nicht nur verschlossen, sondern verrammelt.
"Wegen Krankheit geschlossen" stand auf einem Zettel im Schaufenster. Ich lies mich rein, schloss hinter mir ab und ging ins Büro. Dort stieg ich über die übriggebliebenen Chakren hinweg, nicht das ich an so etwas glaube aber man konnte ja nie sicher genug sein und rief bei Chef zuhause an. Wie erwartet ging seine Tochter ran.
Wenige Minuten später hatte sie mir klargemacht, dass sie und ihr Vater mir nicht zutrauten, den Laden "ohne Aufsicht" geöffnet zu halten. Ich wies darauf hin, dass ich seit 8 Jahren im Laden arbeiten würde, ohne das dabei nennenswerte Schäden entstanden wären. Sie stimmte mir zu und wies darauf hin das ich innerhalb dieser Zeit auch immer unter Aufsicht durch sie oder ihren Vater, meinem Chef gearbeitet hatte. Es hatte also folglich gar nichts passieren können, sie oder ihr Vater hätten dann jederzeit eingegriffen.
Ich atmete ein paar mal tief durch, solange dass sie schon nachfragte ob ich noch da wäre.
Ja war ich.
Ob ich denn dann jetzt bitte das Geschäft verlassen würde, ich hatte dann erst mal frei.
Einfach so?
Ja einfach so. Sie würde sich melden wenn sie wüsste wie es weitergehen wurde. Man müsste jetzt erst mal schauen. Was aus dem Laden werden sollte.
Aber ich könnte doch dann heute den Laden wenigstens ein paar Stunden öffnen und dann könne sie sehen, dass das kein Problem für mich wäre.
Das wäre gar nicht möglich, sie hatte gestern noch die Kasse mitgenommen.
Ich gab auch, verabschiedete mich, legte auf und ging zum Ausgang, ignorierte die Kunden vor der Tür, ignorierte ihre Blicke, als ich den Laden verließ und hinter mir abschloss, überließ es ihnen das Schild zu sehen und zu verstehen und ging nach Hause.

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