Die Haustür begrüßte mich heute mal wieder mit kopfstehendem Schloss. Wenn es kälter wird hat das Schloss die Angewohnheit gern mal seine Lage zu ändern. Wahlweise muss man dann den Schlüssel quer, schräg oder eben wie heute verkehr herum reinstecken und dann ordentlich rütteln um ihn umdrehen zu können. Fluchend betrat ich den Hausflur. Heute hatte ich Berlin eh satt. Ich musste mit der Tram fahren weil ich meinen Laptop bei Saturn reklamieren wollte. Wenn man da in Fahrradkluft auftaucht und das zu reklamierende Gerät aus dem Rucksack zieht ist der Reklamationsvorgang glaube ich schon hinfällig. Besonders bei einem Laptop. Ich sag nur stoßempfindlich. Jedenfalls hatte ich dank der Tram kein Problem. In der PC Abteilung konnte ich einem Pärchen bei der Laptopsuche zusehen konnte, während ich auf das Fachpersonal wartete. Er sprach von Arbeitsspeicher, Festplattenkapazitäten und Grafikkarten-RAMs, sie nickte verstehend und so arbeiteten sie sich die Reihe der Anschauungslaptops entlang. Offenbar war der neue Laptop für sie gedacht und er war unterstützender Berater. Die dicke Brille zeigt auch, dass er entweder trendbewusst oder Nerd war. Die Entscheidung fiel dann auch relativ schnell.
"Ich will den weißen." verkündete sie als sein Monolog verebbte. Also wurde der Weiße gekauft. Stolz ging sie zur Rolltreppe Richtung Kasse, er trottete kopfschüttelnd hinterher.


Danach ging ich nochmal kurz in den Bahnhof Alexanderplatz rein, weil ich Bock auf einen Smoothie hatte. Die Traube bei McDonald überzeugte mich allerdings vom Gegenteil und so entschloss ich nach Hause zu fahren. Ich war beim Saturn ausgestiegen und nicht ganz sicher ob die M4 immer noch umgeleitet wurde oder nicht, also ging ich erst einmal hinterm Bahnhof raus, sah dass noch immer die Infotafeln um Verständnis bettelten und wollte gerade wieder durch den Bahnhof auf die andere Seite als mich ein Paar ansprach.
"Sorry?" Ich hatte zwar englisch gehört aber kein Wort verstanden.
"Is this Alexanderplatz?" fragte er nochmal, bemühte sich um akzentfreies Englisch.
"Yes here and on the other side of the sation." sagte ich und bekam ein Stirnrunzeln.
"And where is the tower?"
Ich starrte ihn ungläubig an. Wir waren hinterm Bahnhof Alexanderplatz, also auf der Fernsehturmseite. Und er fragte wo der Turm wäre! Ich drehte mich um, um auf den Turm zu zeigen und sah ihn nicht.
Was ich statt dessen sah war "I <3 Berlin" und das verfluchte Gebäude, dass sie da einfach mitten auf den Platz gedonnert hatten. Ich resignierte, deutete ihm mir zu folgen, ging fünf Schritte weiter und zeigte auf den hinter der Gebäudeecke aufgetauchten Fernsehturm. Die beiden bedankten sich eifrig und verließen mich. Ich sah nochmal zum "I <3 Berlin"-Shop und fragte mich warum das Ding eigentlich nicht "I H8 Berlin" heißt, wenn es sich einem der bekanntesten Wahrzeichen von Berlin so in den Weg stellt. Wer immer die Idee hatte dafür den Minipark mit den paar Bäumen und im Sommer auch zugegebenermaßen dem einen oder anderen Junkies zu opfern, lass dir gesagt sein: FICK DICH! Das Ding da ist eine Schande für den Alexanderplatz und der "I <3 Berlin"-Shop darin ist der Schlag ins Gesicht, den keiner verdient.
Es ist hässlich, es ist unnötig und es steht dem verdammten Fernsehturm im Weg! Aber dafür kann man darin ja Fernsehturm Hhirts kaufen. Fick dich, ernsthaft!

Ich durchquerte also fluchend den Flur und wurde im Innenhof von Horst mit seinem besten grimmigen Blick begrüßt.
"Jaja ich weiß ich soll nicht so fluchen. " gab ich von mir und rammte mein Rad in den Fahrradständer. Horst schnaubte nur.
"Ihr Menschen seid echt bekloppt."
"Warum?"
Horst sah mich eine Weile wortlos an. Ich hatte den Eindruck er würde die Arme verschränken wenn er könnte.
"Was ist eigentlich los? Warum kommst du hier Gift und Galle spuckend an?"
Ich erzählte ihm von "I <3 Berlin" und dem Fernsehturm. Horst horte zu, nickte ab und zu und schnaubte bei passender Gelegenheit.
"Was soll man davon halten?" schloss ich schließlich.
„Keine Ahnung.“ antwortete Horst „Ihr Menschen seid mir eh ein Rätsel.“
„Sagt das sprechende Pferd.“ erwiderte ich. Horst zeigte die gelben Tasten seines Maulklaviers.
„Touche. Aber mal ehrlich, ich verstehe euch Menschen nicht. Ihr seid manchmal so dumm.“
„Horst, Kontext bitte. Wann sind wir dumm und warum?“
„Keine Ahnung warum.“
„Okay dann wann.“
Horste schnaubte
„Ich hab heute erst im Radio gehört, dass es jetzt veganes Hundefutter geben soll.“
Ich traute meinen Ohren nicht.
„Veganes was? Hundefutter?“
Horst nickte.
„Okay, das ist ziemlich dumm.“
Horst schüttelte den Kopf.
„Nee, eigentlich nicht.“
„Wie jetzt? Vegetarisches Hundefutter soll keine saudämliche Idee sein?“
„Ja.“
„Quatsch.“
Horst seufzte.
„Okay, denk mal kurz darüber nach.“
„Was soll ich da nachdenken - Hunden Salat fressen zu geben grenzt an Tierquälerei.“
„Aber...“
„Nee nee nee, warte mal Horst, kein aber. Hunde stammen von Wölfen ab und Wölfe fressen Fleisch. Das ist doch Bullshit!“
Horst wartete kurz ab und hob dann nochmal an.
„Okay, kann ich jetzt? Eh du so voreilig urteilst, frag dich mal warum Vegetarier kein Fleisch essen.“
„Wegen den armen Tieren und den pösen Metzgern.“ sagte ich mit einem bllöden breiten Grinsen.
Horst rollte die Augen.
„Ich unterhalte mich nicht mit dir wenn du vier Jahre alt bist.“
„Okay, okay.“ Ich legte das Grinsen beiseite und schaltete mein Hirn ein.
„Also?“
„Stress mich nicht, ich überlege noch.“
Horst nickte.
„Also mir fallen auf Anhieb drei Gründe ein. Moralisch wegen der Tierhaltung. Geschmacklich, weil es ihnen nicht schmeckt und gesundheitlich wegen der Medikamente im Fleisch und den ganzen Fleischskandalen.“
„Stimmt. Und jetzt nimm mal an, jemand der kein Fleisch isst tut das als dem letzten Grund - schlechte Qualität, Medikamentenmissbrauch und so weiter.“
„Ja.“
„Was denkst du was der denkt wenn er seinem Hund eine Dose aufmacht, wo genau das Zeug das er vermeidet drin ist und in der Qualität sogar noch mieser ist?“
„Er wird es nicht mögen.“
„Genau! Und dafür gibt es glaube ich vegetarisches Hundefutter.“
„Okay, dass macht Sinn. Also ist vegetarisches Hundefutter doch keine so blöde Idee wie man auf den ersten Blick annimmt.“
„Exakt.“
„Und was genau war daran jetzt dumm von uns Menschen?“
Horst seufzte.
„Das Dumme war nicht das Hundefutter, sondern der Radiomoderator, der davon berichtete. Der hatte genau wie du gerade nicht kapiert warum es das gibt sondern sich nur darüber aufgeregt das es so etwas gibt.“
„Okay, das ist dumm.“
„Nee nee mein Freund, dumm war sein anschließender Kommentar zu dem Thema. Hunden vegetarisches Futter zu geben wäre wie sein Auto mit Wasser zu betanken.“
Ich öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch mein Hirn war mit Nachdenken beschäftigt und riet mir solange die Fresse zu halten, also klappte ich den Mund wieder zu.

"Wasser bedeckt etwa 70 Prozent unserer Erde. Ein Auto das mit Wasser fahren würde hätte also eine fast unendliche Ressource zur Verfügung." sagte mir schließlich mein Hirn und ich dasselbe zu Horst.
Der nickte mir zu.
"Und im Gegensatz zu Erdöl, das ja bekanntlich rar geworden ist.“ setzte er hinzu.
„Wenn das Auto dann noch das Wasser im Prozess aufspalten würde käme hinten Wasserstoff und Sauerstoff raus. Das muss man sich mal vorstellen: ein Auto, das Sauerstoff produziert und mit einer der häufigsten Stoffen auf der Erde betrieben wurde. Krass."
Horst schnaubte.
„Und er meinte das als Witz. Ich weiß nicht wie es dir geht, aber das letzte Mal als ich nachgesehen hatte produzierten Autos noch giftige Gase und mein Körper brachte Sauerstoff zum überleben."
"Gott ist der Kerl dumm."
"Korrekt."

Horst und ich standen noch eine Weile herum, schüttelten die Köpfe und dachten über das gesagte nach. Ab und zu sagte einer von uns beiden etwas wie "Mann!" Oder "Echt!".
Horst war es schließlich, der das Gespräch wieder aufnahm.
"Was ist das mit euch Menschen und eurer Besessenheit mit Fleisch essen?"
„Keine Ahnung.“
„Ich meine ich esse auch kein Fleisch und finde nichts dabei.“
„Ja aber wir Menschen sind Allesfresser. Da gehört Fleisch dazu.“
„Das ist doch Schwachsinn. Ihr Menschen stammen vom Affen ab. Und Affen fressen Bananen.“
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Das ist etwas verallgemeinert Horst.“
„Nee ist es nicht. Wie viele Affen kennst du, die Fleisch in der Menge fressen wie ihr Menschen?“
Ich stutzte.
„Keine um ehrlich zu sein.“
„Na siehst du.“
„Aber wir sind keine Affen. Wir haben uns weiterentwickelt. Wir sind inzwischen die dominante Spezies auf dem Planeten.“
Horst warf den Kopf nach hinten und wieherte laut los.
„Was denn verdammt?“
„Ihr seid die dominante Spezies? Das sehen die anderen aber anders.“
„Quatsch. Wir stehen ganz oben. Wir sind die Nummer eins.“
„Das sehen die Katzen anders.“
„Was?“
„Katzen. Sie glauben sie sind die Nummer eins.“
„Katzen?“
„Hörst du schlecht? Ja, Katzen.“
„Wie kommen die denn darauf?“
„Hast du schon mal eine Katze getroffen, die sich von Menschen dominieren lässt?“
Ich gab mich geschlagen.
„Nein.“
„Und die Hunde denken dasselbe, weil sie an eurer Seite stehen und gegebenenfalls die Katzen bekämpfen. Also sind sie die Nummer eins.“
„Und was glaubst du? Glaubst du das du mir überlegen bist?“
„Natürlich. Ich kann dir mit einem Tritt alle Knochen brechen.“
„Aber wir reiten Pferde!“
„Ja wenn wir es erlauben.“
„Das glaube ich nicht!“
„Glaub es ruhig. Wenn ich will bist du meine Bitch.“
Horst kam plötzlich nach vorn. Ich zuckte zusammen, wich einen Schritt nach hinten aus, stolperte und fiel auf meinen Arsch.
Horst ragte lachend über mir auf, ein Alptraum aus gelben Zähnen.

„Isch ab doch nur Spasch gemacht. Etzt krieg disch wieder ein.“
Ich hatte es irgendwie geschafft mir seine Unterlippe zu greifen und hielt sie jetzt fest.
„Lasch losch.“
„Nein. Ich bin die dominante Spezies hier!“
Wenn man es laut ausspricht klingt es ziemlich dämlich.
„Lasch misch losch!“
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte keine Ahnung wohin das führen würde, aber war mir sicher, dass meine jetzige Lage besser war als alles was passieren würde, wenn ich seine Lippe los lies. Warum genau ich überhaupt zugegriffen hatte, darüber schwieg sich mein Hirn beharrlich aus.
„Lasch...“ begann Horst erneut und überschüttete meine Hand zum dritte Mal mit einem feuchten Spuckeniederschlag.
„Okay, okay, ich lass dich los wenn du mir versprichst nicht auszuflippen.“
„Isch verspresch dir n Scheisch.“
„Horst, wir sind beide zivilisiert. Ich hab ohne nachzudenken reagiert. Das tut mir leid. Kommt nicht wieder vor.“
Horst schnaubte.
„Ich lass dich jetzt los. Ein - zwei – drei.“ und ich lies ihn los.
Er trat einen Schritt zurück, schmatzte einmal und sah mich nachdenklich an.
„Vielleicht seid ihr doch eine einzigartige Spezies. Ich kenne keine außer euch Menschen, die es schaffen komplett ohne nachzudenken etwas zu tun. Ihr habt ja noch nicht einmal mehr funktionierende Instinkte.“
„Ja darin sind wir echte Meister.“ Ich klang selbst in meinen Ohren eine Spur zu fröhlich.
„Schwamm drüber?“
„Klar doch, dominante Spezies.“ erwiderte Horst und schnaubte.
Wir drucksten beide herum, keiner wusste was er sagen sollte.
„Ich geh dann mal hoch.“ sagte ich schließlich mit einem Kopfnicken Richtung Hausflur und setzte mich in Bewegung.
Horst nickte nur und schmatzte immer noch mit seiner Lippe.
Vielleicht schmeckte ich ihm ja.