18. Januar 2015
28 / 1,4 Promille - Sunrise - Einzelbilder - Bauchfell
Samstag Abend, Duncker Abend. Es muss glaube ich am Shirt liegen, an einer Botschaft, die "Sprich mich bitte an und was noch wichtiger ist: Geh mir auf den Sack!" bedeutet und erst ab 1,4 Promille aufwärts zu lesen ist, die sich irgendwo im Konterfei von Bowie versteckt, jedenfalls hatte ich nach kaum 20 Minuten im Club schon den ersten Betrunkenen an mir kleben, der mir versuchte irgendwas zu erzählen. Die fortgeschrittene Lähmung seiner Zunge gepaart mit dem Lärm verhinderten allerdings dass ich mehr als Genuschel verstand. Ihm ging es glaube ich auch weniger ums Gespräch ging als einfach darum Teil zwei der Nachricht auf meinem Shirt umzusetzen. Ich hatte den Verdacht, dass er mich kurz vorher auserkoren hatte, dass Objekt seiner Begierde zu werden. Ich hatte mich vor unserem Treffen auf der Tanzfläche herumgeworfen, und außer mir waren da nur noch drei weitere Gestalten über die Fläche getaumelt, ein Mädchen und zwei Kerle, einer davon groß und der andere breit. Alle drei langhaarig. Ich war da wohl einfach dem am nächsten, was Doktor Oktan als lohnenswertes, will sagen gefahrloses Ziel für seine Späßchen sah. Um die Sache abzuschließen: nach dreimaligem vergeblichen Versuch zu verstehen was er von mir wollte lies ich ihn stehen. Er taumelte von dannen und wurde kurze Zeit später vom Türtroll entfernt.
Etwa eine Stunde später fand ich mich an der Bar wieder, wo ich meinen dritten Tequila Sunrise bestellte. Was für Steven Tyler gut genug ist, ist auch für mich gut genug. Ich hatte meine Bestellung aufgegeben und lies meinen Blick wandern, während hinter der Bar Eis ein Glas füllte und als ich nach links sah traf mich ein Hammerschlag mitten in den Torso.
An der Tür stand Marla, direkt dahinter Igor. Ich hatte beide seit der Schließung der Bibliothek nicht mehr gesehen.
Marla trug ein Kleid, dass etwas Dekolletee zeigte, dazu ihre unausweichliche Strickjacke und Stiefel. Igor war wie erwartet in einem gut geschnittenen aber unauffälligen Anzug gehüllt.
"Macht 5 Euro." sagte jemand in mein rechtes Ohr. Ich drehte mich um und sah der Bardame ins Gesicht. Sie deutete auf das Glas vor mir. Ich sah hinunter und wieder zu ihr rauf.
"Was?" Mein Hirn lief gerade aus.
"5 Euro."
Ich riss mich zusammen, zog eine Handvoll Kleingeld aus der Hosentasche und legte ihr den gewünschten Betrag hin.
Sie packte die Münzen wortlos ein.
Als mein Blick wieder nach links ging waren Marla und Igor verschwunden. Was nicht verschwunden war, war das Kribbeln in meinem Hinterkopf. Ich nahm mein Glas und drehte mich um.
Die beiden standen an der gegenüberliegenden Wand, zwischen uns die Tanzfläche voller Menschen. Keiner von beiden hatte mich bisher entdeckt. Ohne es zu planen ging ich nach links, umrundete die Tanzfläche und lehnte mich in die dunkle Ecke direkt unterm DJ-Pult. So konnte ich sie sehen ohne selber gesehen zu werden.
Ich beobachtete die beiden, ohne etwas zu erwarten, ohne es zu planen. Mir fiel einfach nichts besseres ein. Igor in seinen beinah schicken Anzug anzusehen war schlimm, er wirkte wie immer grotesk ohne das ich den Finger auf die Wunde legen konnte, warum genau. Es tat mir in den Augen weh ihn anzusehen.
Mit Marla war es noch schlimmer. Sie anzusehen tat mir in der Brust weh. Alles an ihr war perfekt, die Haare, die Haut, einfach alles. Wie sie so neben Igor stand betonten sie gegenseitig ihre Schönheit und seine Abstraktheit.
Irgendwann fiel mir auf, dass sie sehr dicht beieinander standen.
Irgendwann fiel mir auf, dass ihre Hände sich unauffällig immer wieder berührten.
Irgendwann fiel mir auf, dass sie gemeinsam gekommen waren. Und da erkannte ich auch was es bedeutete, dass sie gemeinsam gekommen waren. Der Schmerz in meiner Brust stieg sprunghaft an. Ich musste weg.
Die Bar hieß mich willkommen.
Den Gläsern auf der Bar nach zu urteilen hatte ich mindestens 8 Cocktails getrunken. Mein Kopf war leicht und gleichzeitig zu schwer. Immer wieder verzählte ich mich. Sogar als ich anfing die Gläser von links nach rechts zu schieben um mir besser merken zu können wie viele vor mir standen kam ich bei 4 durcheinander weil mir entfallen war ob ich gerade die rechte oder linke Gläsersammlung zahlte. Mein Mund war klebrig süß vom vielen Sunrise und mein Magen stieß sauer vom Tequila in gleicher Menge auf. Die Kombination aus Zucker und Alkohol im Blut hatte mich vergessen lassen warum ich angefangen hatte zu trinken. Es hatte etwas mit einem rollenden R und uralten Augen zu tun. War aber auch nicht weiter wichtig. Wichtig war nur noch das nächste Glas Tequila Sunrise um mein Hirn von weiterer Arbeit abzuhalten. Ich hob den Arm wie in der schule. Neben mir schob sich jemand an die Bar. Ich lies meinen Arm fallen und drehte mich schwerfällig zur Seite. Irgendwie hatte mein Hals vergessen wie er den Kopf dreht.
Das Profil war von harten Linien gekennzeichnet und auch das Lächeln was er aufsetzt als sich die Bardame in meinen peripheren Sichtkreis schob und ihn ansprach war hart.
"Zwei Wodka Orrrange." bestellte Igor und ich stieß mich von der bar ab, lief auf instabilen Beinen los Richtung Ausgang.
Der Rest war eine Sammlung aus Einzelbildern.
Der Türtroll der mich anstierte während ich mich an den Leute vorbei zum Ausgang durchdrängelte.
Regen, der mir ins Gesicht schlug.
Ein Taxi, dass mit hämisch lachenden Scheinwerfern durch eine Pfütze brauste und meine Beine bis zum Knie durchnässte.
Die Uhr an der Kreuzung Prenzlauer Straße - Danziger Straße, die steif behauptete es wäre halb fünf.
Meine Schritte die von Häuserwänden wiederhalten.
Eine Tür, die sich als meine Haustür herausstellte und das klappern meines Schlüsselbundes.
Mehr Nässe im Gesicht und auf meinem Kopf und unter mir. Ich schien geschrumpft zu sein.
Die Treppe in meinem Haus, die mich auslachte, quietschend und knarrend über mich spottete.
Wärme, ein Leib, der sich warm und geschmeidig neben mir im Takt seiner Atmung bewegt.
Dann nichts mehr.
Ich erwachte weniger, ich kam mehr aus dem Land aus weisem Rauschen zurück, Gedankengang für Gedankengang. Ich schlug die Augen auf und sah mein Wohnzimmer. Eine Decke lag über mir und halb über Horst, der dicht an mir lag und dessen Körperwärme unter der Decke für saunaartige Klimazonen sorgte.
"Morgen."
Sein Atem war noch immer kein Gedicht, aber verblasste zur Bedeutungslosigkeit angesichts meines Eigengeruchs. Kombiniert Schweiß, Rauch, Panik und ihr habt ein entferntes Bild.
"Horst, was mach ich hier?"
Horst stand langsam auf. Sein Bauchfell war verfilzt und verwuschelt. Das war wohl ich gewesen.
"Ich hab dich gestern Abend oder besser gesagt heute morgen vor der Haustür gefunden. Du warst nass bis auf die Knochen und kaum ansprechbar. Also hab ich dich hochgeschleppt, dich aus den nassen Klamotten gepellt und ins Bett gesteckt."
Ich schluckte, hob die Decke und sah eine Unterhose an mir. Trotzdem hatte ich etwas Angst vor der nächsten logischen Frage.
"Und warum lagst du mit unter der Decke?"
Horst flatterte mit den Ohren und schnaubte.
"Du hast nicht aufgehört zu zittern und ich wollte dich aufwärmen. Also hab ich mich dazugelegt und das hat dann auch geholfen."
"Okay."
Ich stand langsam auf und hielt mich an Horst fest, bis sich das Zimmer und mein Magen wieder beruhigt hatten.
"Ich geh ins Bad. Wenn du einen dumpfen Knall hörst dann bin ich umgefallen. Lass mich einfach liegen, ich muss noch den Restalkohol verarbeiten."
Horst wieherte leise und schüttelte die Mähne.
"Lass dir bloß nicht einfallen jetzt schlapp zu machen. Du hast die letzten acht Stunden gut rum bekommen, da wirst du ja wohl die Morgentoilette hinkriegen."
Ich nickte das ab und machte mich auf den Weg ins Bad. An der Wohnzimmertür fiel mir etwas auf und ich blieb nochmal stehen.
"Warst du etwa die ganze Nacht wach?"
"Sicher."
Ich konnte einen Moment nichts sagen. Dann schluckte ich den Klos herunter. Mein Kopf war plötzlich ganz leicht.
"Die ganze Nacht?"
Horst nickte.
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