Die Hymne seines Lebens war mir unbekannt aber für ihn umso wichtiger, wie er mehrfach betonte.
"Ich werd das auf meiner Hochzeit hören." johlte er und dann "Ich werd das immer hören, und wenn dann gucken mich die Leute so an, weißt du, aber das macht's nur noch mehr tight."
Aus seinem Handy klangen verzerrte arabische Klänge, der Song seines Lebens. Ich war etwas beruhigt, dass der Text unverständlich war, sein Benehmen und die Kleidung hätten bei der Auswahl eines Songes, um damit sein Leben darzustellen eher auf guten hausgemachten deutsch Gangsterrap hingewiesen. Überraschung, Überraschung!



"Kommst du heute vorbei Alda?" fragte ihn sein Kumpel, identische Bomberjacke, identische Hose mit Schriftzug, identische Schuhe, die so bunt waren, dass ich dachte ein Einhorn hätte draufgekotzt.
"Nee Alda, bei deiner Mutter kann man ja nicht kiffen."
Das Lied ging in seine heiße Phase über, dass tat es übrigens gerade zum dritten Mal, denn es war keine 3 Minuten lang, und die Fahrt dauerte fast 20 Minuten.
"Auf den Scheiß steh ich voll. Das wird bei meiner Hochzeit laufen, egal was meine Bitch dann sagt!"
Ich war geneigt ihm die Hand auf die Schulter zu legen und ihm drei Dinge zu sagen:
1. Nicht alle hier in der Bahn teilen deinen Enthusiasmus über den Song.
2. Bis zur Hochzeit wird sich dein Musikgeschmack und deine Einstellung zu Frauen sicherlich noch verändern denn
3. Du bist gerade mal 12!

Zwei Haltestellen weiter stiegt eine junge Mutter mit ihren 2 Kindern ein, eins geschätzte 1 Jahr alt, das andere höchstens 5. Der Fünfjährige trug einen rosaroten Einteiler, hat einen langen Stock dabei und wirkt damit wie Gandalf der Rosarote. Er wippte damit im groben Takt zur wagonfüllenden Musik mit. Sein Bruder oder seine Schwester, der Michelinmännchenanzug verhinderte genauere Identifikation, entschloss sich anhand der Musik für einen akustischen Gegenschlag und plärrte immer dann los, wenn der weibliche Gesangspart ins gellende überging. Der Junge mit dem Handy guckte beim ersten Mal irritiert und ab dann nur noch wie der Rest der Leute in der Bahn. Unglücklich, angepisst aber resignierend. Das Handy dudelte fröhlich weiter, ihm war die Gleichschaltung seines Besitzers nicht klar geworden und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Integration dank Baby.

Was heute morgen zusätzlich nervte war der Weg den ich nehmen musste. Ich hatte es geschafft eine Probeanstellung in einer Buchhandlungskette zu bekommen, deren in Frage kommende Filiale allerdings leider in Spandau lag. Also Fahrrad im Innenhof versauern lassen und eine Stunde per S- und U-Bahn nach Spandau gefahren.
Obwohl ich in einer okkulten Bücherei gearbeitet hatte und eigentlich mein ganzes
Berufsleben sich um Bücher drehte, lese ich kaum Bücher. Zu entscheiden, ob das jetzt Ironie des Schicksals oder einfach nur Faulheit obliegt nicht mir.
Ich hatte schon vergessen wie viel Schrott zwischen ein Buchcover gepresst wird. Lebenstipps und "Nimm dein Glück in die Hand!" sowie "Körpersprache - wenn Sie verstehen, beherrschen Sie ihren Gesprächspartner" und dergleichen Mist rangiert dabei auf meiner Schrottliste ganz oben. Als ob ich ein taktisches Handbuch zur dominanten Gesprächsführung bräuchte. Oder einen Typen im fadenscheinigen Anzug, der "Yes we can!" als Alltagsmotto verinnerlicht hat und denkt diese Message an die Welt weitergeben zu müssen. Nun dem kann ich nur mit den Worten von Megamind antworten: "NO, you can't!"
Dasselbe gilt für alle Fantasybücher, dass hat mir Terry mit seiner "nicht ernst nehmen" Büchern verdorben. Wenn ich jetzt in einem Fantasybuch die Helden heldenhaftes und die Schurken schurkisches tun lese dann ist mir das irgendwie zu platt. Keiner tanzt aus der Reihe, keiner benimmt sich nicht seiner Rolle entsprechend.
Vampire haben in den letzten Jahren auch ordentlich gelitten, sind quasi den Weg von Freddy Krüger gefolgt. Am Anfang gefürchteter Kindermörder wurde er irgendwann zu Fred dem Kumpel. So geht es inzwischen Vampiren - von bluttrinkenden Menschenfressern zu metrosexuellen Muttersöhnchen ohne Libido. Da lobe ich mir doch fotografierende Vampire, die durch ihr eigenes Blitzlicht zu Staub zerfallen und per "Erste Hilfe Blutstropfen" wiederauferstehen. Das ist ein Weg an das Thema ranzugehen, den ich verstehe. Glitzernde Vampire dagegen nicht.
Das Probearbeiten sollte 2 Wochen dauern, dann wäre eventuell ein Platz in Siemensstadt frei, was immerhin 10 Minuten Zeitersparnis bedeutete. Blöderweise öffnete aber die Filiale Siemensstadt schon um Acht und somit war aus viertel nach acht (oder eben viertel neun für Eingeweihte) jetzt morgens um 7 aus dem Haus gehen geworden.
Ich hatte in dem Zusammenhang wenigstens auf Bahnen minus Stoßverkehr gehofft, dachte ich doch dass die meisten Arbeiter noch in den Betten liegen müssten, frühstückten oder was auch immer. Damit hatte ich auch Recht aber leider war mir entgangen, dass eine andere Subklasse der Gesellschaft um 8 Uhr ein Lebensdate hatte - Schüler.
Und so war meine Bahn gefüllt mit Jungs und Mädels aller Altersklasse zwischen zehn und sechzehn, die plapperten, lachten, Handy hörten und einfach damit beschäftigt waren jede Minute mit Geräuschen füllen zu müssen. Siehe die Lebenshymne. Plötzlich kam mir die grimmig schweigende Masse Arbeiter, die sonst mitfuhren wie der Himmel auf Erden vor.

Laut war heute das eigentliche Thema des Tages, ach was sage ich denn, es ist das Thema dieses verdammten Jahrzehnts. Auf dem Weg nach Hause teilte ich mir sechs gegenüberliegende Plätze mit vier anderen Fahrgästen, die...
Nun ja belassen wir es dabei zu sagen, dass die beiden Herren dunkle Vollbärte und schlecht sitzende Anzüge, die Damen viel offensichtlich falschen Goldschmuck trugen und ihr könnt entscheiden in welche Schublade ihr sie packt, okay?
Irgendwie schafften es die vier sich miteinander und die beiden Herren jeweils noch einzeln für sich am Telefon zu unterhalten. Die Lautstärke war dementsprechend, der Inhalt aller drei Gespräche blieb mir allerdings verschleiert.
Das I-Tüpfelchen der Fahrt war allerdings ein stiller. Unterwegs stieg ein junger Kerl ein und auch wieder aus, der kaum Anfang zwanzig war. Er trug eine Beanie, eine in meinen Augen unnötige aber nicht weiter schlimme Kopfbedeckung. Das Logo einer Kalaschnikow mit dem Banner "Defend France!" dagegen schon. Je suis charlie, schon klar, aber das war dann doch etwas zuviel des Guten.