Zu Silvester wollte ich mich mit ein paar Freunden treffen, was trinken, abhängen, keine grosse Sache. Die Freunde haben eine gemeinsame Band und Treffpunkt war der Proberaum in der Nähe vom Bahnhof Lichtenberg. Die Band heißt CMJ und sie schaffen es immer wieder Gigs unter einem neuen Namen anzuleiern, der diese 3 Buchstaben beinhaltet. Letztes Mal traten sie in einem ausverkauften Club vor 400 wütenden Fans als "Coldplay Mystery Jam" auf. Manche machten Sinn wie etwa mit "Come meet Jesus", "Clowns make Jokes", "Corben Multipass Jean-Baptiste" und davor war es simpel "Crazy Monster Junk". Das war in einer Schwulenbar und kam besser an als gedacht. Seltsamerweise haben sie eine Fanbase, die es schaffen immer wieder ihre Gigs zu ermitteln und meist die erste Reihe bilden.
Sie selber sagen, dass CMJ fur die Anfangsbuchstaben ihrer Namen steht. Das würde dann Charlie, Michael und Jacob sein, so haben sie sich jedenfalls vorgestellt. Vielleicht heißen die drei auch Claus, Marco und Julius, danach sehen die 3 nämlich eher aus. Oder richtige kernige norwegische Namen wie Cungsö, Melltorp und Jällwik. Ja, am wahrscheinlichsten ist Cungsö, Melltorp und Jällwik, nicht wegen ihres Aussehens, sondern mehr wegen der Musik.
Das Aussehen spielt fur mich keine Rolle, alles was zählt ist dass sie hart und laut spielen.
Ich kenne die Jungs zwar schon eine Weile, aber es war dass erste Mal, dass ich ihren Proberaum betrat. Das Haus zum Raum ist ein altes Schulgebäude oder sowas, ein Klotz aus Beton und architektonischer Langeweile. Auf mein Klingeln hin kam Michael himself runter, um mir die Tür zu öffnen. Dabei trug er nichts außer einer Boxershort, einem breites Grinsen und einem dünnen Schweißfilm. Ihn umwehte der Duft nach frisch konsumiertem Afghane.
"Hey Frank, good to see you."
Eisern an der Legende nicht in Deutschland geboren zu sein festhaltend spricht Michael konsequent kein deutsch, nur stark teutonisch eingefärbtes Englisch, außer er flucht. Dann kommt akzentfreies "Scheiße!" über seine Lippen.
"Nabend Michi." torpedierte ich ebenso eisern seine Legende. Der Akzent war einfach zu ausgeprägt um nicht deutschen Ursprungs zu sein.
Wir gingen nach oben, vorbei an Türen, die mit fremdartigen Schnörkeleien verziert waren, die wohl das gewählte Wappen der jeweiligen Insassen darstellten und wurden von Drumsolos, Gitarrensolos, Gesangssolos und Klaviersolos, ja von jedem jemals erfundenem und je zu erfindenden musikalischem Solo umgeben.
Endlich im passenden Stockwerk angekommen dröhnten mir schon schwere Gitarrenriffs, eine Spezialität von Charlie, entgegen. Ich folgte Michael in Richtung Lärmquelle und wir erreichten eine Tür die sich von ihren Nachbarn nur durch das Fehlen eines Bandlogo oder irgendwelchen allgemeinen beziehungsweise speziellen Schmierereien absetzte. Das einzig markante war das Loch am unteren Ende, wo jemand dagegen getreten hatte. Im Vollrausch erzählt Charlie gern es wäre Beelzeboss himself gewesen, dem ihr Rock zu laut und zu hart gewesen war.
Add one more to the legend. Ich bin da eher geneigt die Version von Jacob zu glauben, der den wütenden Fußtritt dem Vermieter zuspricht.
"Hey Jungs." begrüßte ich den Rest.
"Frank." nickte mir Charlie zu und fingerte weiter an seiner Gitarre rum. Schrilles Kreischen drang aus dem Verstärker neben ihm. Ich war froh im Treppenhaus schon meinen Gehörschutz reingemacht zu haben.
"Konbanwa." sagte Jacob und verbeugte sich zu mir. Jacob liebt alles was mit Japan zu tun hat, was einerseits einen interessanten J-Rock Anflug in die Band mit einbringt, andererseits eben genau so einfallsreich und kulturell reichhaltig ist, wie man es sich von einem japanbegeisterten pankowgeborenem einsneunzig großen Waldschrat eben vorstellen kann. Trotzdem war es sein Grinsen, das immer unverhofft zwischen herabhängendem Haupthaar und wild wucherndem Bart hervorsprang, dass ihn einfach unglaublich sympathisch macht. Von seiner Art einem zu Winken wie ein Dreijähriger fange ich gar nicht erst an.
"Berlin ist eine Stadt voller Verlierer, ist euch das mal aufgefallen?" fragte Charlie und alles verstummte. Er war der einzige Nichtberliner unter uns, Potsdamer durch und durch. Charlie selber bekam gar nicht mit welche Wirkung sein Satz entfaltete, der war mit dem Stimmen seiner Gitarre beschäftigt und entlockte ihr auf dem Weg dahin weiteres Kreischen.
Jacob setzte sich langsam in Bewegung und hob dabei einen Arm. Japan hin oder her, hier war ein pankower Herz am bluten.
"The fuck is that suppose to mean?" fragte Michael, der sich gerade ein Shirt überzog und etwas in der Art wie gepresst seine Stimme klang lies Charlie aufsehen.
"Na ich hab heute zwei Leute gesehen. Eine war auf dem Weg zur U-Bahn die Treppe runter und da ist ihr Netz mit Orangen gerissen. Plopp plopp plopp sind die die Treppe runter gekullert. Und der andere war so ein Typ auf einem Fahrrad. Dem ist ein Schuh aus dem halboffenen Rucksack geflogen als er über den Bordstein ist. Nur Verlierer hier."
"Oh is that so?" hakte Michael und ich sah Charlie nicken.
"Hab ich doch mit eigenen Augen gesehen. Ich meine wie kann man denn einen Schuh aus dem Rucksack verlieren?"
Jacob war zum Halt gekommen, den Arm wieder gesenkt und auch Michael wirkte nicht mehr so blutdurstig.
"Yeah, that's pretty stupid."
"Sag ich doch, alles Verlierer."
Einer von Jacobs massigen Armen schnellte nach vorn und reichte Charlie ein Bier. Ich hatte gar nicht mitbekommen, wo er das hergezaubert hatte.
„Ich auch bitte.“ sagte ich und bekam ebenfalls eins.
"Wollen wir?" Charlie erhob sich, stellte die leere Bierflasche neben sich und und zupfte einen Ton auf seiner Gitarre. Ich hatte derweilen auf dem verschlissenen Ledersofa im Proberaum Platz genommen und bewunderte die Flaschensammlung im Raum. Sie standen echt überall: auf dem Couchtisch vorm Sofa, vor und neben dem Sofa, in diversen Kisten in allen Ecken des Raumes, auf dem kleinen Schrank gegenüber dem Sofa, davor und daneben.
Einfach überall standen Bierflaschen. Leere, natürlich.
Die auf dem Couchtisch begannen zu klingeln, als Charlie anschlug und tanzten dann als geschlossene Einheit zwei Zentimeter nach rechts. Keine fiel herunter.
Jacob hatte sich ans Schlagzeug gesetzt und trieb die Flaschen mit einem kurzen Intermezzo wieder zurück auf ihre Startposition. Dann griff noch Michael in seinen Bass und während sie spielten bildete sich auf dem Tisch ein Circle of Death, als die Flaschen unter der Gewalt der Schallimpulse anfingen im Kreis zu vibrieren. Keine fiel herunter, sie drehten sich einfach nur langsam im Kreis umeinander.
Es dauerte keine 20 Minuten da warf Jacob sein Shirt beiseite und auch Michael und Charlie spielte oben ohne. Bei Jacob lag das an der Anstrengung beim spielen, Michael und Charlie liesen sich einfach mitreißen. In einer Spielpause, in der der reduzierte Flüssigkeitshaushalt mit Bier wieder aufgefüllt wurde klebte ich mit Spucke ein paar Papierstreifen an die äußeren Tischflaschen und wir alle konnten bei der nächsten Musikorgie zusehen, wie die Streifen wanderten und sich drehten.
Charlie lachte hysterisch und schrubbte einen Gitarrensolo raus.
"Circle my juice!" brüllte er und die beiden anderen nickten grinsend. Ich ahnte, dass der nächste Gig gerade ein Motto erhalten hatte.
Draußen knallte es leise und vor dem verrammelten Fenster zuckten verschiedenfarbige Blitze. Das hielt eine Weile an, störte aber nicht weiter. Wir waren damit beschäftigt Flasche abwechselnd oder auch gleichzeitig zu leeren und tanzen zu lassen und kamen damit in 2015 an, ganz ohne es zu merken.

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