„Du willst mich doch verarschen?“
Ich stand in meiner Küche und sah Igor an, der in der Ecke zwischen Tisch und Herd platz genommen hatte. Gerade suchte er in seinem Jackett herum und brachte nach einigem Suchen eine kleine bunte Papiertüte hervor.
„Nein. Hierrr.“ sagte er und reichte mir die Tüte.
Ich nahm sie, las was darauf stand und sah ihn zweifelnd an.
„Ingwer? Du willst einen Ingwertee?“
„Ingwerrr ist mein Lieblingstee.“
„Und du hast immer einen Teebeutel einstecken für alle Fälle?“
„Drrrei.“
„Bitte?“
„Drrrei Teebeutel einstecken. Fürrr alle Fälle.“
Ich lachte auf.
„Du willst mich doch VERARSCHEN!!!“
Igor verzog keine Miene.
„Viele trinken Tee, aberrr kaum jemand mag Ingwerrrtee. Und schon gar nicht diese Sorrrte. Also hab ich immerrr welchen dabei. Heißes Wasserrr ist meistens kein Prrroblem.“
„Klar doch. Völlig einleuchtend.“
Igor nickte und sagte nichts. Ich zuckte mit den Schultern.
„Tasse oder Kanne?“
„Kanne bitte, wenn es keine Umstände macht.“
Machte es nicht. Ich hatte von meiner Teetrinkerzeit drei Thermoskannen in unterschiedlichen Größen und Farben, von einem dreiviertel Liter mit Henkel bis zu einem anderthalb Liter Monstrum. Er bekam die kleine violette, ich nahm mir meine silberne Kanne und tat einen Beutel Minze Honig rein.
„Zucker?“
Ich stellte die Kannen auf den Tisch und für jeden von uns noch eine Tasse zusätzlich.
„Nein.“
„Also ich trinke meinen mit einer Tonne Zucker.“
Ich nahm gegenüber von Igor Platz, mit dem Rücken zum Fester, erstens weil ich dort immer sitze, zweitens um ihn im Blick zu haben und drittens weil er hier, sollte er hinter mir auftauchen wollen sich entweder in der Mauer oder im vierten Stock außerhalb meiner Wohnung wiederfinden würde.
„Und jetzt bitte nochmal die lange Version.“
Igor seufzte, schlug die Beine übereinander und faltete die Hände übers Knie.
"Hallo, Frrrank."
Ich zuckte zusammen und drehte mich derartig schnell um, dass ich ins stolpern geriet.
Hinter mir stand Igor.
„Fuck erschreck mich nicht so verdammt!“ schnauzte ich ihn an.
„Entschuldige.“ Sein Gesicht sagte das Gegenteil, er rang geradezu damit nicht breit zu grinsen.
„Was willst du hier verdammt? Und wie kommst du hier herein?“
Igor legte den Kopf schief.
„Durrrch die Türrr, wie jederrr anderrre auch. Naja fast wie jederrr anderrre auch.“
Er strich sich die Ärmel glatt und sah mich dann offen an.
„Was willst du hier?“ wiederholte ich.
„Wirrr müssen uns unterrrhalten. Marrrla ist stinksauerrr und wir beide finden, dass du Bescheid wissen solltest.“
„Bescheid? Worüber Bescheid?“
„Überrr diese ganze Sache. Dich, dieses Mädchen und das Pferrrd.“
Ich trat einen Schritt zurück.
„Wow wow wow! Warte mal! Worum geht es verflucht nochmal?“
Igor seufzte.
„Es ist etwas komplizierrrt dass zu erklärrren. Wollen wirrr uns vielleicht setzten?“
Ich gestikulierte wild in Richtung Küche.
„Na klar kein Problem, komm rein wo du doch eh schon drin bist. Kann ich dir vielleicht was anbieten? Kaffee, Tee oder ein Glas LECK MICH?“
„Tee wärrre vorrrzüglich.“ sagte Igor und ging in meine Küche.
Er schaufelte sich erst zwei Löffel Zucker in die Tasse, goß Tee nach, rührte lange um und kostete dann. Stellte die Tasse wieder ab, gab noch einen halben Löffel Zucker dazu, rührte nochmals um. Dann legte er den Löffel beiseite und sah mich an.
"Mirrr ist klar, dass das nicht leicht zu verdauen sein wirrrd aberrr ich möchte dass du mirrr in Ruhe zuhörrrst."
Igor sah mich an, die Tasse halb am Mund. Ich nickte nur.
"Ich fange am besten am Anfang an. Eigentlich wollte Marrrla auch mit hierrrherrr kommen aberrr ich konnte sie überrrzeugen es nicht zu tun. Sie ist ziemlich wütend auf dich."
Er sah dass ich den Mund öffnete und hob die Hand.
"Oderrr besserrr gesagt wütend auf das was du getan hast. Die ganze Sache mit derrr Bibliothek und diesem Mädchen."
"Mädchen?"
"Die mit den grrrünen Augen."
"Ciev."
"Genau, dass warrr ihrrr Name. Ciev."
"Was ist mit ihr? Und was ist mit der Bibliothek?"
Igor nahm einen Schluck, stellte die Tasse ab und schüttelte den Kopf.
"Nichts ist mit ihrrr."
"Ich verstehe kein Wort."
Igor seufzte.
"Es warrr alles Show, Frrrank. Alles einfach nur Show."
"Igor, du mußt schon mehr Sinn machen wenn ich dir weiter zuhören soll. Wie Show?"
"Wie wohl? Unecht, gefälscht, errrfunden. Teil einer Show, einer Episode."
"Einer was?"
„Einerrr Episode.“
„Laber keine Scheiße!“
Igor setzte sich gerade hin und sah mich direkt an.
„Das ist keine Scheiße. Es gibt da diese Sendung, die norrrmale Leute wie dich in unmögliche Situationen steckt und die Rrreaktion darauf filmt. Wenn die genug Materrrial zusammen haben wirrrd alles zusammengeschnitten und man hat eine Episode zusammen.“
Er hob die Schultern und sah mich irgendwie entschuldigend an. Ich lehnte mich zurück.
"Quatsch!"
"Doch."
"Nie im Leben.“
„Glaub mirrr.“
„Niemals! Du verarschst mich doch!“
Igor beugte sich vor.
"Sehe ich aus als ob ich scherrrze?"
Sah er nicht. Ich gab auf.
„Und was hatte das alles mit der Bibliothek zu tun?"
"Sie haben das eingebaut. Diesen terrrroristischen Akt gab es nie."
"Was?"
Igor zuckte die schultern.
"Warrr alles erfunden. Marrrla und ich wurde hinterrrherrr darrrüber inforrrmiert und bekamen eine Entschädigung fürrr die Unannehmlichkeiten.“
„Und ihr habt es nicht für nötig gehalten etwas zu sagen.
„Wir durrrften mit niemanden darrrüber rrreden. Vertrrragsbedingung. Und wirrr wussten auch bis gesterrrn Abend nicht, dass es dabei um dich ging. Nurrr das es um irrrgend eine Ferrrnsehsendung ging. Das es um dich ging haben wir errrst gesterrrn durrrch Zufall gesehen.
Schlagartig wurde mir kalt.
"Ihr habt was?"
"Dich im Ferrrnsehen gesehen."
Mir war plötzlich schlecht.
„Was genau habt ihr denn gesehen?“
„Alles. Die Bibliothek. Dein Trrraining. Das Mädchen und die Verrrhandlungen.“
Mein Mund war wie zugeklebt. In meinem Kopf rasten die Gedanken durcheinander.
„Da hat Marrrla auch das von der Bibliothek erfahren und das du quasi Schuld daran warrrst weil es ja fürrr dich inszenierrrt wurde. Sie ist ausgerrrastet. Kannst du dirrr vorrrstellen wie es ist 3 Wochen in temporalerrr Stasis zu verrrbrrringen?"
Nein, konnte ich nicht. Aber dafür wusste ich jetzt wie es war wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
„Willst du damit sagen... das alles nur Scheiße war. Das alles was Ciev mir erzählt hat gelogen war?“
Igor lehnte sich wieder zurück und lies die Finger knacken. Er vermied es mich anzusehen.
„Leiderrr ja. Sie ist glaube ich Teil derrr Sendung. Eine Schauspielerrrin.“
„Fuck!“ war alles was ich rausbrachte.
Keiner von uns beiden sagte eine Weile lang etwas. Igor rutschte auf seinem Stuhl hin und her und trank ab und zu einen Schluck Tee, während ich auf die Tischplatte starrte und versuchte das Chaos in meinem Kopf zu sortieren. Verdammt, das Chaos in meiner Brust zu sortieren.
„Ich kapier' das nicht.“ fing ich schließlich an.
„Was?“ fragte Igor.
„Warum? Warum das Ganze? Das ergibt doch keinen Sinn. Warum sollte jemand so etwas tun.“
„Einschaltquoten.“
Ich sah auf und Igor zuckte zusammen.
„Einschaltquoten? Das ist ein verflucht mieser Grund für diese Scheiße. Die können doch nicht einfach mein Leben auf den Kopf stellen und daraus einen Episode irgendeiner bekloppten Sendung machen.“
Igor sah auf seine Hände herunter.
„Sie können. Ich habe etwas nachgeforrrscht. Offenbarrr bekommst du im Laufe derrr Woche einen Scheck überrr deinen Anteil an derrr Sendung, je nachdem wie hoch die Einschaltquoten warrren. Damit hat sich die Sache. Nächste Woche zeigen sie einen anderrren Kerrrl in einerrr anderrren Situation und das warrrs dann“
Ich ballte die Fäuste.
„Aber das ist nicht gerecht! Ich bin doch keine Marionette, die hin und her gestoßen werden kann je nachdem wie es denen gefällt.“
Igor antwortete darauf nicht und trank einen Schluck Tee.
Ich sah ihn an.
„Hast du dazu gar nichts zu sagen?“
Igor stellte die Tasse ab und sah mich an. Sah mich einfach nur eine Weile an.
Schließlich seufzte ich und entspannte meine Fäuste. Was konnte ich schon tun? Was geschehen war, war geschehen.
„Danke dass du es mir gesagt hast.“
Igor nickte.
„Und was jetzt?“
„Was meinst du was jetzt?“
„Was soll ich jetzt tun?“
Igor sah mich groß an.
„Was du immerrr tust. Dein Leben weiterrrleben. Den Scheck einlösen. Mit deinem Pferd rrreden. Die Zeit genießen, die du hast. Und diesem Mädchen in den Arrrsch trrreten wenn du sie das nächste Mal siehst.“
„Ich bezweifle, dass sie sich nochmal hier blicken lässt.“
Igor stand auf und strich seine Jackett glatt.
„Vielleicht überrrrascht dich das Leben ja auch ohne das jemand ein Drrrehbuch dafürrr schreibt.“

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