Das Haus war grau. Ein grauer Betonklotz mit kleinen sauber aufgereihten Fenstern. Ich hob den Zettel in meiner rechten und las die Adresse nochmals. Ja hier war ich richtig. Irgendwo in diesem architektonischen Alptraum, der aus einem Armenviertel am Stadtrand von Moskau zu stammen schien war mein Päckchen. Alles was ich tun musste war da reinzugehen und die Zollstation aufzusuchen.



Was genau sich in dem Paket befand hatte ich inzwischen vergessen. Es muss Wochen her gewesen sein, dass ich etwas aus der Welt meines bösen Ichs bestellt hatte. Auf der anderen Seite kam man an Sachen ran, die hier, in der richtigen, realen Welt, nur schwer zu bekommen waren. Nichts illegales, nur eben Dinge, die man in unauffälligen braunen Tüten transportiert. Und wie es der Zufall so wollte war mein Paket, dass sonst woher kam bei eine der "stichprobenartigen Sicherheitsüberprüfungen" herausgefischt worden. Und jetzt durfte ich quer durch Berlin fahren und es abholen.

Der Anblick des Steinquaders der den Zoll beinhaltet sorgte für den etwas überspitzen Eindruck von kalter Enttäuschung. Das ganze Haus inklusive Umgebung wirkte als wäre es Kulisse eines deutschen Gangsterrap Videos gewesen. Mein Block oder so.
Ich betrat begleitet von einem unguten Gefühl das Haus, entdeckte hallige Gänge mit grau gestrichenen Wänden und ausgetretenem Linoleum am Boden, steckte meinen Kopf in die erstbeste Tür und fand mich in einem Vorzimmer nebst Tresen wieder. Von diesem aus wurde ich von einem dicken Mann mit froschartigem Aussehen angeglotzt.
Der Raum hinter ihm wirkte seltsam unfertig, als hatte jemand ein oder zwei wichtige Details vergessen.
„Guten Tag.“ eröffnete ich. Keine Reaktion meines Gegenübers.
„Ich möchte..."
„Erstmal machen Sie die Tür zu, wir haben hier sowas wie ein Postgeheimnis." Wurde mir befohlen. Artig trat ich ein, schloss die Tür und ging zum Tresen.
„Ich möchte ein Paket abholen.“ begann ich erneut und legte meinen Zettel auf den Tresen.
Der Mann schnaufte, nahm den Zettel und studierte ihn von oben bis unten. Und dann nochmal von unten nach oben. Und nochmal in der ersten Reihenfolge. Dann sah er auf. Trübe Augen blickten in meine, wie zwei Schlammlöcher gefüllte mit einer unendlichen Leere. Derartige Details hatte ich an der Tür gar nicht gesehen. Dann senkte er den Blick wieder auf den Zettel.
"Die Rechnung haben Sie dabei?" fragte er.
"Nein, die Rechnung müsste im Paket sein."
"Aha. Ohne Rechnung kann ich ihnen das Paket nicht geben."
"Die Rechnung ist im Paket."
Er sah vom Zettel auf. Sein Blick gab mir zu verstehen, dass er alle Zeit der Welt hätte.
"Hören sie," versuchte ich zu vermitteln und beugte mich etwas über den Tresen, was sich angesichts seiner beschleunigten Atmung an der Deeskalationsfront als falscher Schachzug herausstellte.
Ich zog mich wieder zurück, aber es war schon geschehen, er blieb in seinem imaginären Schneckenhaus hocken und schaute mich unter misstrauischen Augenbrauen aus verurteilenden Schlammaugen heraus an. Seine Gesichtsanatomie gab sich wirklich Mühe.
"Hören Sie, wenn ich eine Rechnung wollte hätte ich etwas im Laden gekauft. Das Paket hab ich bestellt und das eben ohne Papier."
"Keine Rechnung - kein Paket."
"Aber die Rechnung ist dich IM Paket. Hier ist der Abholzettel, wenn sie reinschauen wollen, ich habe meinen Auswei..."
"Wir dürfen Pakete nicht öffnen." unterbrach er mich.
Ich atmete einmal tief durch.
"Ich gebe ihnen meine ausdrückliche Erlaubnis. Machen sie das Paket auf! Darin liegt sicher eine Rechnung mit meinen Namen drauf. Ausweis hab ich dabei."
Er blinzelte einmal ganz langsam und ich konnte den gerade eben passierenden Gedankengang rauschen hören.
"Ich wiederhole: wir dürfen Pakete nicht öffnen. Sicherheitsbestimmungen."
Ich rieb mir die linke Augenbraue und versuchte durch die aufkommenden Kopfschmerzen einen klaren Gedanken zu fassen. Der kam aus einer neuen Richtung angerauscht.
"Ich hab sicherlich die Bestätigungmail noch. Wenn sie mir ihre E-Mailadresse sagen kann ich sie ihnen zum..."
Beim Reden hatte ich mir den Raum nochmal angesehen und die Abwesenheit von Bildschirmen bemerkt.
"Haben wir nicht."
"Haben sie nicht?"
"Haben wir nicht.“
"Sie haben hier kein Computer?"
"Nein."
"Kein Internet?"
"Nein."
Ich starrte ihn entsetzt an und fragte ihn das naheliegende.
"Warum?"
"Brauchen wir nicht."
"Brauchen sie nicht?"
"Nein."
Ich sah ihn ratlos an. Er erwiderte meinen Blick. Nach einer Weile gab ich auf und sah weg.
"Und was jetzt?" fragte ich.
"Sie holen die Rechnung und bekommen ihr Paket." wiederholte der froschgesichtige Mann. Er klang als ob er einem dummen Kind das Einmaleins zum hundertsten mal erklären musste.
"Okay, dann hol ich mal meine..." Ich sparte mir den Rest vom Satz denn das Froschgesicht hatte sich schon abgewendet.
Er hatte mich besiegt.

Aber heute war ein anderer Tag, ein neuer Tag, ein siegreicher Tag, da war ich mir sicher. Ich hatte mir die Rechnung per Email zuschicken lassen, dazu noch die Bestellung ausgedruckt und die verdammte Lieferungsverfolgung einstecken. Ich betrat bis an die Zähne bewaffnet die graue Box, bereit für Sieg oder Tod.
Das kleine Froschmännchen war durch eine ältere Dame ersetzt wurden. Der trug ich mein Anliegen vor und legte wieder den Abholschein hin. Sie überflog ihn, öffnete den Mund,sah zu mir auf.
Klappte den Mund wieder zu und runzelte die Stirn.
"Darf ich fragen warum Sie so lächeln?"
"Ich? Lächeln? Nein, dass kommt Ihnen nur so vor. Also wegen meinem Paket - der Abholschein genügt doch, oder?"
Meine Hand glitt in meiner Jackentasche und lud die Kopien und Ausdrucke durch.
Sie lächelte kurz zurück und sah dann nervös auf meine in der Jackentasche steckende Hand.
"Ich würde mich freuen, wenn Sie das lassen würden. Ich bekomme davon Gänsehaut."
Langsam zog ich meine Hand aus der Tasche und zeigte ihr, dass ich nur Papier in ihr hielt.
Als sie ausatmete bemerkte ich erst, dass sie die Luft angehalten hatte.
Ich schaltete geistig einen Gang runter.
"Mein Paket?" erinnerte ich.
"Oh ja, natürlich."
"Brauchen sie noch andere Papiere oder...?"
"Nein, der Schein reicht völlig." strahlte sie mich an und wedelte vergnügt mit dem Zettel vor meinem Gesicht bevor sie mein Paket holen ging.
Schach und matt.