Es war das Geräusch der Treppenstufen, dass eine Erinnerung heraufbeschwor. Als ich heute die zweite Treppe in meinem Haus hochging hörte ich klar und deutlich ein "Hallo" im Quietschen der Treppenstufen. Ich blieb stehen, drehte mich um und ging den letzten Schritt nochmal. Nichts, kein Quietschen der Stufe, kein "Hallo". Ich schüttelte den Kopf und ging weiter. Da ich im Altbau lebe ist es normal das die Treppe quietscht und in dem Zusammenhang hatte ich Gelächter im Hinterkopf, aber bisher hatte ich noch keine Worte von meiner Treppe vernommen. Und trotzdem hatte ich beim weitergehen das Gefühl dass hinter mir getuschelt wurde.
Das Licht im dritten Stock geht schon seit ein paar Tagen nicht. War also eigentlich nichts besonderes aber als ich mich heute dem dritten Stock näherte hatte die Dunkelheit ein Aussehen, dass mich nervös machte.
"Pass auf" kam von der Treppenstufe unter mir. Ich zog den Fuß zurück und zögerte. Die Stufe entspannte sich mit einem leisen Seufzen.
"The Fuck?" murmelte ich zu mir selbst. In meinem linken Augenwinkel blitzte es wieder einmal kurz auf und inzwischen bin ich mir sicher, dass das meine Nerven sind.
Das einem mulmig ist wenn man ins dunkle kommt ist glaube ich für jeden normal, aber das was ich fühlte ging darüber hinaus. Ich stand auf halber Höhe der Treppe und starrte angestrengt ins dunkel. Von unten und oben schien jeweils etwas Licht in den Flur, aber eine Stelle lag im völligem dunkel. Gerade als ich weitergehen wollte fiel mir auf, das die dunkle Stelle fast so etwas wie einen klaren Umriss hatte, als sich die Dunkelheit auch schon bewegte und auf mich zukam.
Wie erwartet verfiel ich in Schockstarre und glotzte nur blöd.
"Hallo" quietschte eine Diele unter dem Schatten und ein dünner Strang Dunkelheit kam auf mich zu. Er hielt etwa einen halben Meter vor mir in Brusthöhe an und an seinem Ende bildete sich eine Scheibe.
Ich starrte weiter voller Entsetzen auf die Dunkelheit am Ende des Strangs. Fünf dünne Stäbe wuchsen aus der Scheibe heraus. Keiner von uns beiden tat etwas.
Nach endlosen Sekunden bewegte sich die dunkle Masse, kippte leicht nach links, nur um ein paar Grad und "Hallo" quietschte wieder eine der Dielen. Die Kugel vor mir bewegte sich leicht auf und ab.
Ich griff zu und schüttelte die mir angebotene Hand.
"Hallo." echote ich zurück.
Die Dunkelheit in meiner Hand sah wie Tinte unter Wasser aus, solide im Kern und immer verwaschener zum Rand hin. Meine Hand sank etwas in den äußeren Kreis ein, steckte sozusagen in deren Atmosphäre und hielt das Innere umfasst. Es war weich und irgendwie hatte ich das Gefühl von Nässe erwartet, einfach weil es wie ein flüssiger Klecks aussah, aber es war trocken. Fühlte sich haarig an.
Gebannt beobachtete ich, wie sich ein weiteres Knäuel an einem Strang vom der Masse löste und keinen 50 Zentimeter davon entfernt verharrte.
Eine der Dielen quietschte fragend und das Ding hob sich kurz.
Ich zuckte mit den Schultern, nickte, räusperte mich, zuckte nochmal mit den Schultern, sagte "äh äh äh..." und stellte fest, als ich beide Hände heben wollte, dass ich noch immer die Hand des Dings hielt. Irgendwie sah 'es' nach einem 'er' aus, also lies ich seine Hand los und zuckte nochmal mit den Schultern.
"Okay."
Meine Hand fühlte sich warm an und ein bisschen von der Atmosphäre klebte noch am Handrücken, hatte sich zwischen meinen Haaren verfangen. Die Handfläche war sauber.
Ein Blitz riss mich aus meinen Gedanken. Die zweite Blase zog sich wieder zurück und verschwand. Ich zwang mich zu einem Lächeln, überlegte mir, dass Zähne zeigen bei Affen ein Zeichen von Aggresivität ist und presste schnell die Lippen zusammen. Ich fühlte mich allein gelassen. Ich hatte zu viel Lichtreflexionsfläche um meinen Gegenüber zu erschrecken, zu beleidigen oder zu ärgern, einfach indem ich etwas völlig alltägliches tat, eine unterbewusste Bewegung oder ein Gesichtsausdruck oder so etwas. Er dagegen war der mysteriöse dunkle Fremde von deinen Hellseherinnen immer reden.
Wir musterten einander, also ich musterte ihn, was er tat war nicht zu erkennen. Ich fragte mich was er war, wie er mich sah, ob er mich sah, warum er hier war, ob er etwas von mir wollte, was er von mir wollte, warum er, wenn er etwas von mir wollte, dass was er wollte ausgerechnet von mir wollte und tausend andere Dinge gleichzeitig. Er stand einfach nur da, oder hockte oder saß oder schwebte oder...
Es war sinnlos darüber nachzudenken, nichts an ihm war greifbar obwohl wir uns vor keiner Minute die Hand geschüttelt hatten. Ich war mir sicher ihn gespurt zu haben aber gleichzeitig nicht was ich gefühlt hatte.
War seine Hand weich gewesen? Ich glaube ja.
War sie feucht gewesen. Nein, obwohl mir irgendetwas sagte, dass sie sich feucht anfühlen sollte weil sie feucht aussah.
Ich verstand schlagartig Orwells Zweidenk besser als jemals zuvor: etwas annehmen und gleichzeitig vom Gegenteil überzeugt zu sein, zwei Gedanken, die sich gegenseitig ausschließen und doch beide wahr sind.
Ich verlor die Nerven.
"Okay, Kumpel, ich muss dann mal..." sagte ich und zuckte selber zusammen wie laut ich redete. Mein Arm hob sich um ihm auf die Schulter zu klopfen oder in die Seite zu knuffen und wir beide schreckten davor zurück.
"Sorry!" quietschte eine Diele, dann war der Flur vor mir leer.
Während ich noch dastand und die leere Stelle betrachtete kam von der Treppe oberhalb von mir ein Geräusch, als ob zwei flache Steine aufeinander prallten.
"BRAVO."
Ich drehte mich nach dem Geräusch um. Die Stimme selber war nicht von dort gekommen, sondern mitten in meinem Kopf erschienen.
"Ist die Kombination aus schwarzer Robe, knochenbleichem Schädel und blau glühenden Augen eine Stil Entscheidung oder legt dir jemand die Sachen morgens raus?" Ich konnte es selber kaum fassen, dass ich ausnahmsweise so etwas wie schlagfertig war.
"EIGENTLICH HABE ICH NUR DIESE EINE ROBE UND DAS SCHWARZ STEHT FÜR DAS ALPHA UND DAS OMEGA. IHR MENSCHEN ASSOZIERT MIT SCHWARZ OFT LEERE, ABER EIGENTLICH IST ES DIE KOMBINATION ALLER FARBEN."
Tod kam langsam und klackernd die Treppe herunter. Keine der Stufen quietschte.
"DER REST, SCHÄDEL UND AUGEN, IST EINE REFLEKTION DESSEN, WAS IHR MENSCHEN ZU SEHEN GLAUBT. DESWEGEN SIEHT DER RATTENTOD AUCH WIE EIN RATTENSKELETT AUS. DIE RATTEN ERWARTEN DAS SO."
Das Leuchten seiner Augen vertrieb die Dunkelheit.
"Hast du das gesehen?"
"GESEHEN? WAS?"
"Dieses Ding gerade?"
"WELCHES DING?" fragte Tod und schenkte dem Abzupfen einer Fluse von seiner Robe viel Aufmerksamkeit.
"Das Ding, diese Dunkelheit."
"DUNKELHEIT? DIE LAMPE IST KAPUTT DENKE ICH."
"Nein ich meine die andere Dunkelheit. Die mir die Hand gegeben hat."
Er sah von seiner Robe auf und ich konnte metaphorische Augenbrauen in die Höhe schnellen sehen.
"DUNKELHEIT, DIE DIR DIE HAND GEGEBEN HAT?"
„Ich kam etwas ins rudern.
"Ich weiß wie das klingt aber ja, die mir die Hand gegeben hat."
Tod zeigte sein bestes Pokergesicht. Er griff dabei auf natürlich Ressourcen zurück.
"Du hast es vielleicht nicht gesehen, aber ich... Ich meine... Ich glaube..." Aber ich war mir nicht sicher was ich glauben sollte.
Tod tätschelte mir die Schulter.
"DAS LEBEN IN DER ÖFFENTICHKEIT IST NICHTS FÜR JEDEN." sagte er.
Ich nickte automatisch, noch ganz in Gedanken versunken und hielt mit dem Hofstaat in meinem Kopf Kriegsrat darüber was man glauben konnte und was nicht, als ein Bote in meinem geistigen Thronsaal hereinstürmte und mit eine dringende Nachricht überbrachte. Besser gesagt zwei Nachrichten.
Ich zuckte vor Tods Berührung zurück und er lies die Handknochen mit einem verletzten Gesichtsausdruck sinken.
"Tschuldige, aber ich dachte wenn du Leute berührst..." Ich lies meine Hand aus der senkrechten in die waagerechte klappen und machte dabei gurgelnde Geräusche.
"DA SEID IHR FEHLINFORMIERT. PHYSISCHER KONTAKT IST NICHT NOTWENDIG."
"Aha. Gut zu wissen." sagte ich und da fiel mir die zweite Nachricht des Boten ein.
"Was meinst du mit 'Leben in der Öffentlichkeit'?
Tod sah mich an und ich hatte den Eindruck, dass ihm metaphorischer Schweiß auf die Stirn trat. Oder getreten wäre wenn er die körperliche Voraussetzung für Schweiß hätte. Und nicht cool wie eine Gurke geblieben wäre.
"NICHTS VON BEDEUTUNG."
Aber er betonte Bedeutung falsch.
"Ich bin mir sicher, dass es etwas gemeint hat. Du hast es gerade falsch betont, so als ob es auf GAR KEINEN FALL etwas bedeutet, also muss es etwas bedeuten. Was ist es? Los sag's mir!"
Tod beugte sich vor um mir in die Augen zu sehen.
"HALTST DU ES FUR KLUG MIR BEFEHLE GEBEN ZU WOLLEN?"
Eine Sekunde länger hielt ich den Blick in diese sich langsam drehenden blauen Sonnen die seine Augen darstellten aus, dann senkte ich den Blick.
"Nein, natürlich nicht." murmelte ich und machte einen vorsichtigen Schritt rückwärts. Ich bin mir sicher, dass Tod wie alle anderen irgendwelche Chefs hat, denen er Rede und Antwort stehen muss, wen er so ins Jenseits befördert. Aber ich kann mir auch gut vorstellen das man ihn nicht verärgern sollte. Nicht das ihm am Ende noch die Sense ausrutscht. Ich meine, jeder hat doch schon mal einen Kugelschreiber oder eine Briefmarke im Büro mitgehen lassen oder?
Chefs sehen und wissen auch nicht alles.
"DAS DACHTE ICH MIR."
Tod raffte den linken Ärmel hoch und sah auf sein nacktes bleiches Handgelenk herunter.
"ICH MUSS JETZT LOS, HAB NOCH EINEN TERMIN."
Er steckte zwei Finger in seinen Schädel und pfiff laut. Über uns kam ein Pferd in einer Explosion aus Glas durchs Fenster gerast. Das Glas war aber nur Show, jeder der Splitter verharrte in der Luft und fügte sich hinter dem Pferd wieder fein säuberlich zu einem kompletten Fenster zusammen.
Tod seufzte tatsächlich, als das Pferd funkenschlagend die Treppe herunter galoppierte. Es war so weiß wie Tod humorlos.
"ER STEHT TOTAL AUF DERARTIGE AUFTRITTE." raunte es leise zwischen meinen Ohren.
Ich packte ihn an der Robe.
„Ist das..? Ist das wirklich...? Binky?“
Tod löste vorsichtig meine Hand von seiner Robe.
„JA DAS IST BINKY.“
Er trat neben das Pferd, schwang sich ohne sichtbare Mühe auf dessen Rücken und strich seine Robe glatt. Er sah zu mir herunter und verlor etwas seiner göttlichen Spannung mit einem Seufzer.
Er schnippte mit dem Fingern und plötzlich wurde die Dunkelheit noch dunkler und gleichzeitig bekam alles einen violetten Schimmer.
„ICH VERSUCHE NUR MEINE ARBEIT ZU MACHEN. DAS IST EIGENTLICH NICHT WEITER SCHWIERIG. ABER ICH BIN ACUH WAS IHR MENSCHEN ERWARTET UND DA VIELE MENSCHEN INZWISCHEN PRATCHETT LESEN IST NEUGIER NEUERDINGS EINE MEINER EIGENSCHAFTEN. UND DU MACHST MICH NEUGIERIG.“
Ich war verblüfft. Tod war neugierig auf mich?
„ICH KANN DIR NUR DEN RAT GEBEN AUFZUPASSEN. NICHT NUR ICH BEOBACHTE DICH.“
Er schnippte erneut und der violette Schimmer verblasste. Als er mir zunickte und den Mund öffnete kam ich ihm zuvor.
"Auf Wiedersehen, richtig?"
"RICHTIG."
Tod grinste mich an, was kein simpler Trick aufgrund freiliegender Zähne und fehlenden Lippen war als er auf dem Pferd die Treppe hoch und durch das Fenster ritt. Es war erstaunlich zu sehen, das ein echtes Lächeln bei Tod genauso leicht zu erkennen ist wie bei uns anderen Menschen.
Man muss nur auf die Augen achten.
Die restlichen 2 Stockwerke überstand ich ohne flüsternde Treppenstufen oder Begegnungen der paranormalen Art. Meine Wohnungstür klemmte etwas, aber das kann man jetzt nicht als irgendwie komisch interpretieren. Das tun die Türen in einem Altbau einfach ab und zu. In schloss fallen können sie dafür wie Profis.
Ich warf meinen Schlüssel auf den Flurtisch und öffnete meine Jacke als sich zwei Hände auf meine Schultern legten. Die Stimme dazu war ebenso schwer wie kalt.
"Hallo, Frrrank."

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