5. März 2015
33 / Krokodil – Nu sto? - obszön – Tokio Baby!
Immer noch kein fetter Scheck. Es ist echt zum ausrasten, ich dachte oder hoffte dass diese ganze Episode mich wenigstens entschädigen würde, aber Pustekuchen. Stattdessen stehe ich nach wie vor morgens in aller Herrgottsfrühe in der S-Bahn und schaukel inmitten lebensverneinender Arbeiter meiner Anstellung in Siemensstadt entgegen. Ja inzwischen konnte ich von Spandau nach Siemensstadt wechseln was positiverweise den Arbeitsweg und negativerweise meine Schlafzeiten verkürzt hat. Aber dafür darf ich mir im gegenüberliegenden ALDI beim Kauf eines Mittagessens wieder und wieder Perlen des menschlichen Miteinander ansehen.
Mein Leben rockt einfach.
Horst ist bei der ganzen Sache auch nicht hilfreich, weil er morgens, wenn ich das Haus verlasse seelenruhig im Wohnzimmer pennt. Manchmal möchte ich ihm eine reinhauen. Aus keinem besonderen Grund nur wegen der plakativen Zurschaustellung von Glück, dass mir gerade fehlt. Konnte erst gestern morgen den Drang nur schlecht unterdrücken und schmetterte die Wohnungstür mit einem Quentchen mehr Schmackes als notwendig ins Schloss. Er hatte daraufhin auch Abends gepflegt miese Laune und verzog sich Samstag darauf nach keinen zwei Stunden aus dem Duncker. Angeblich war es ihm zu voll.
Der Kerl mit dem glasigen Blick, der fettigen blonden Mähne, dem obligatorischen Bier in der Hand und den Kratzern im Gesicht sah mich irritiert an, weil ich ihn seit einer Minute ununterbrochen fixierte. Das dachte er jedenfalls, ich dagegen starrte das Krokodil, dass neben ihm saß an.
Es las Zeitung, wobei es das lange Maul in einer Art und Weise nach unten gerichtet hielt die unbequem aussah. Auf dem Kopf trug es einen beigen Hut und gekleidet war es in einem Mantel in derselben Farbe. Schuhe und Hose fehlten, aber ein brauner Aktenkoffer stand zwischen seinen Füßen. Darin befand sich vermutlich sein Mittagessen.
Keiner der anderen in der S-Bahn beachtete ihn, alle sahen nur auf ihr Handy, Tablett, E-Reader oder in ihr Buch. Der Kerl mir gegenüber mit blauer Latzhose und mörtelverschmierten Fingern hatte sogar eine PSP vorm Gesicht und drückte ekstatisch Knöpfchen.
Ich fragte mich was das Krokodil in der S-Bahn machte. Wo wollte es hin?
Der Gedanke war noch nicht ganz zu ende gedacht, als das Krokodil die Zeitung senkte, in seine Tasche griff und ein Handy herauszog. Es drückte aufs Display und hielt es sich an den Kopf.
„Nu sto?" fragte es und lauschte angestrengt.
Das folgende konnte ich nicht gut verstehen, aber hörte „rabotatsch", „krakadil" und etwas das auf „uraschka" endete heraus. Schließlich seufzte das Krokodil, sagte „Da da, otschen rarascho" und legte auf.
Es steckte das Handy wieder ein, warf einen schnellen Blick in die Runde, sah dass ich es anstarrte. Ich senkte den blick und blickte nach unten bis mich das Rascheln von Zeitung von meiner zurückerworbenen Sicherheit überzeugte.
Ein paar Haltestellen später faltete es die Zeitung zusammen, streckte vorsichtig das Maul nach vorn und drehte den Kopf fünfundvierzig Grad nach links und rechts um keinen der Mitfahrer zu belästigen, was mit einem Knacken belohnt wurde. Dann stand es auf und drängelte sich, den Aktenkoffer in der Pfoten haltend mit den anderen hinaus.
Ich stellte mir vor dass es auf dem Weg zum Zoo war. Dort würde es am Eingang abstempeln, sein Gehege betreten, Mantel, Hut und Koffer irgendwo verstauen und sich dann für 8 Stunden, plus minus einer Pinkel- und abzüglich der Mittagspause hinlegte um sich begaffen zu lassen.
Insofern ähnelte das Krokodil mir in den letzten paar Wochen, nur wusste es, dass es begafft wurde.
Heute kam der Scheck. Die Ziffer darauf ist geradezu obszön groß. Ich saß mit dem Scheck in der Hand im Wohnzimmer auf der Couch und starrte ratlos auf die Kolonne aus Nullen die der Fünf am Anfang folgten und versuchte zu begreifen was ich da sah. So eine Summe hatte ich bisher nur in der sicheren Virtualität eines Computerspiels besessen, wo aber auch der Kauf von Autos, Waffen und Apartments an der Tagesordnung waren. Aber im richtigen leben? No Way, Jose!
Was sollte ich damit, abgesehen von den selbstständig vor meinem inneren Auge entstehenden hirnrissigen Wünschen wie einem Bugatti Veyron oder einer Eigentumswohnung anfangen? Der Bugatti war gut und schön aber nichts praktisches, nichts was greifbar war. Ich hörte die Wohnungstür gehen und Horst kam ins Wohnzimmer getrabt.
„Heho."
Ich nickte und sah weiter auf den Scheck. Ich konnte den Blick einfach nicht davon lösen.
„Alles cool?" fragte mich Horst.
Ich atmete einmal tief durch und hielt ihm den Scheck hin.
„Der Scheck von der Fernsehsendung. Was ich dir erzählt hatte."
Horst warf einen Blick auf die Nullen und pfiff durch die Zähne.
„Heilige Scheiße."
Mehr hatte er dazu auch nicht zu sagen. Er legte sich neben der Couch auf den Boden und wir beide hingen eine Weile unseren Gedanken nach.
„Und was willst du jetzt machen?"
„Keine Ahnung." Die hatte ich immer noch nicht. "Mir fällt nichts ein, dass nicht im selben Moment wie eine blöde Idee klingt."
„Aha."
„Zum Beispiel ein Auto kaufen. Aber wo soll ich dann parken? Und wann brauch ich schon mal ein Auto? Oder eine Wohnung kaufen - wo finde ich hier auf dem Prenzelberg eine Wohnung zum kaufen, die Pferde erlaubt? Und soll ich wirklich einen Teil des Geldes einem Makler in den Rachen schmeisen, damit der mit mir eine Runde durch die Wohnung geht und ein bisschen Papierkram erledigt?"
„Verstehe.“
Schweigen näherte sich nach einer Weile, weil es seine Anwesenheit gefordert sah und senkte sich zwischen uns, nur um beim nächsten Wort blitzartig wieder zu verduften.
„Wer verschickt eigentlich heutzutage noch Schecks?“
Ich zuckte mit den Schultern.
Das Schweigen kam zurück, blieb aber auch diesmal nicht lange.
„Hast du denn nichts einfacheres, was kleineres das du dir wünschst?"
Ich sah ihn an und warf die Hände in die Luft.
„Was denn? Zwei Haloumidöner vielleicht?"
Horst zeigte Zähne.
„Nein Mann, irgendwas, was du schon immer haben wolltest oder tun wolltest, wozu du bisher kein Geld hattest."
„Da fällt mir nichts ein."
„Oder keine Zeit."
„Wie keine Zeit?"
„Etwas, wozu dir die Zeit fehlte. Mit dem Geld auf der Bank kannst du erstmal ein halbes Jahr Urlaub machen."
Ich machte den Mund auf und wieder zu. Überlegte. Sah ihn an und merkte wie mir ein Lächeln wuchs.
Horst grinste zurück und nickte mir zu.
„Urlaub! Das ist es. Ich wollte schon immer mal nach Tokio. Die Stadt ist riesig und der Flug dauert ewig, da kann man nicht nur 2 Wochen hinfliegen."
„Das ist doch mal eine Idee! Tokio? Warum nicht? Und wie lange? Vier Wochen? Sechs?"
Ich lachte auf.
„Ist doch egal. Solange bis es mir langweilig wird."
Horst stand auf und schüttelte seine Mähne.
„Klingt gut. Schreib mir eine Postkarte."
„Nee, Horst, du kommst mit. War immerhin deine Idee und zu zweit wird es bestimmt noch besser."
Horst hatte die Ohren angelegt.
„Was soll ich denn in Tokio?"
„Willst du mich verarschen? Ein sprechendes Pferd in einem Land, dass für seine Schrägheit bekannt ist? Hallo?!“
Horst wieherte laut und nickte.
„Stimmt auch wieder. Was willst du in Tokio machen?“
„Das werden wir dann schon sehen oder?"
Horst zögerte.
„Ach komm schon!"
„Ach was soll's. Okay ich komme mit!"
Ich fiel ihm so heftig um den Hals, dass er zurückzuckte.
„Tokio Baby!"
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