Nach einem 13 Stunden Flug zurück, der übrigens dank des Corioliseffekts eine Stunde länger dauerte als der Hinflug wieder in Berlin angekommen trotteten Horst und ich mit fiesem Jetlag zur S-Bahn. Der Jetlag war bei mir entstanden, weil mich irgendwann in der "Nacht" von einem Rauschen erwachte und mir mit halb schlafumnebelten Hirn plötzlich klar wurde, dass mich von einem Fall aus mehreren Kilometern Höhe und dem dabei eintretenden Erfrieren oder Ersticken, je nachdem was durch Mutter Natur eher umgesetzt werden konnte, nur eine zentimeterdicke Plexiglasscheibe und etwas Kunstorf drumherum bewahrte. Schlag artig war ich wach und bereute den Fensterplatz, auf den ich bestanden hatte zutiefst. Das Rauschen machte mich nervös.
War
etwas defekt?War das normal? Breitete sich gerade an der Außenseite
des Flugzeugs ein haarfeiner Riss immer weiter aus nur um dann
plötzlich die halbe Wand und drei Sitzreihen, mich inklusive, ins
Freie zu reißen?
An
Schlaf war nicht mehr zu denken.
Es
war Samstag Nacht kurz nach eins und die Ringbahn dementsprechend
voll mit partywilligem Volk. Horst und ich nahmen auf einer der
Dreierbänke an den Seiten neben den Türen Platz, uns gegenüber
setzten sich zwei Businessmenschen hin, die dritte blieb stehen. Bei
den beiden Sitzenden handelte es sich um eine Frau mit kurzen Rock,
Glanzstrumpfhose und speckigen Knien und um einem Mann mit
engsitzendem Anzug und geschmackvollem Hemd. Die Stehende trug einen
Hosenanzug, dunkel und nicht zu figurbetont. Business halt. Der
Businessman lies sich groß und breit über seine Wohungssuche in
Berlin und wie schwer es doch wäre ein geeignetes Objekt käuflich
zu erwerben aus. Das aber auch alle Balkone immer entweder zum
Innenhof oder zur lauten Straße hinaus wären! Wo sollten sie denn
auch sonst hingehen, ein Haus hat nun mal meist nur zwei Seiten, eine
nach vorne und eine nach hinten raus? First World Problems! Die
sitzende Businesswoman las dem labernden Typen jedes Wort vom Mund ab
und man konnte schon auf hundert Meter Entfernung sehen, dass der
Kerl nur ein Fingerschnippen von ungezügeltem Sex entfernt war.
Weiter
vorn im Wagen saß die übliche Ansammlung von Jugendlichen mit
alkoholhaltigen Flaschen und rhythmusgebenden Handys.
"Mach
doch mal das Scheiß Geplärre aus!" bot jemand im Blaumann mit
Bier und Mörtel an den Händen einen Streitpunkt an, worauf eine
Einladung doch hinzuzukommen ausgesprochen wurde. Der wiederum wurde
nicht Folge geleistet, was den selbstgewählten Sprecher der
Handyfraktion veranlasste, sein Angebot lauter und deutlicher zu
wiederholen, was zu steigend unangenehmen Klima führte. Köpfe
wurden gesenkt, Gespräche eingestellt, der sprichwörtliche Atem
angehalten. Doch wie bei so viele Folgen von Frauentausch kam auch
hier der erwartete Showdown eher kurz, nach der dritten Runde
Einladung und Ablehnung wurden die Verhandlungen eingestellt.
Falls
es zu still geworden war konnten die hinzusteigende alte Säcke an
der nächsten Station Abhilfe schaffen. Grölend und johlend betraten
sie den Wagen und nahmen physisch zwei Viererplätze und akustisch
den gesamten Wagen ein. Horst und ich sahen uns nur an.
"In
drei Minuten reißt einer einen saudummen Schaffnerwitz."
prognostizierte Horst.
"Zwei
Minuten." hielt ich dagegen.
Die
Türen waren kaum geschlossen und die Bahn angefahren als schon einer
der Jungs "Die Fahrscheine bitte!" zum besten gab und
pflichtbewusstes Lachen erntete.
Harhar,
so ein Spaß aber auch!
Mitten
hinein in den Akustikorkan trat an der nächsten Haltestelle ein
Mädchen mit Fahrrad, das sich angesichts der Lautstärke schockiert
umsah und dann uns gegenüber Platz nahm. Der Businessman hatte die
speckigen Knie ein paar Haltestellen früher aus dem Zug begleitet,
der Hosenanzug saß noch da und las in einem EBook. Sie saß ganz
außen links, das Mädchen nahm außen rechts Platz und blickte immer
wieder furchtsam in Richtung Lärmquelle. Ohne Vorwarnung zuckte sie
plötzlich zusammen und fing an hektisch an sich herumzutasten, bis
sie schließlich eine Socke aus der Tasche ihres Trenchcoats zog. Es
sah jedenfalls auf den ersten Blick wie eine Socke aus, entpuppte
sich beim genaueren Hinsehen aber als selbst gehäkelte Handyhülle.
Eben das klingelte darin wild vor sich hin.
"Schau
mal eine schreiende Socke." flüsterte ich zu Horst hinüber
gebeugt und konnte mich an einer erneuten Zurschaustellung seiner
Dentalklavitatur erfreuen.
"Hallo?
Hallo?"
Das
Mädchen fummelte das Handy aus der Socke, drückte auf dem Display
herum und hielt es sich ans Ohr. Jemand antwortete und sichtbare
Erleichterung durchströmte sie. Genau in dem Augenblick bremste die
Bahn leicht ab, die geltenden Trägheitsgesetze übernahmen ihr
Fahrrad, dessen Vorderreifen berührte das Knie der Businessfrau,
hinterließ einen feuchten Fleck auf dem Hosenanzug und eine
hochgezogene Augenbraue später war sämtliche Erleichterung dahin.
Zwei
Haltestellen später setzte sich ein Paar in die Nähe. Beide waren
eindeutig nachtfertig, hatten das beste aus ihrem Äußeren gemacht
und hätten beide deutlich schlechter abschneiden können. Beide
hatten ein Bier in der Hand, der einzige augenscheinliche Unterschied
war der Füllstand der Flaschen. Seine war fast leer, ihre noch zu
zwei drittel voll. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie ohne Punkt
und Komma redete. Er war schon an dem Punkt angekommen, wo er gar
nichts mehr sagte und wenn er sich doch genötigt sah kurze Silben
murmelte. Worum es bei dem Monolog ging konnte ich nicht verstehen,
es klang nach Spanisch oder Italienisch. Viel interessanter war die
steigende Frequenz ihrer in Worte gefasste Information. Dabei wurde
sie lauter und lauter, ihre unterstreichenden Bewegungen ausladender
und ausladender bis sie schließlich gegen die Haltestange neben dem
Sitz stieß und sich mit einem Teil ihres Bieres übergoss. Eine
Sekunde herrschte himmlische Ruhe, dann fuhr sie ihn umso lauter an,
weil er es nach einem kurzen Seitenblick gewagt hatte zu grinsen.
Das Funkeln in seinen Augen erlosch innerhalb von
Sekundenbruchteilen. Kurz darauf schleppte sie ihn hinaus, er folgte
ohne eigenen Willen. Als er in meine Richtung blickte senkte ich die
Augen zu Boden. Innerlich war er bereits tot.
Es
waren nur noch wenige Haltestellen bis nach Hause, als die älteren
Herren entschieden das es viel zu ruhig und zivilisiert, will sagen
normal, zuging im Zug und lautes Singen für die angemessene
Behandlung hielten. Das sie dabei nach jeder dritten Zeile von "We
are the Champions" in kreischendes Lachen ausbrachen verbesserte
ihre Performance nicht wirklich. Auch ihr Eindruck als männlicher
Haufen litt ganz erheblich unter dem schrillen Kreischen, dass
irgendwann anstelle von Lachen zu hören war.
Horst
schüttelte neben mir nur den Kopf.
Von
der S-Bahn waren es noch fünf Minuten Fußweg. Horst war zu müde um
mich zu tragen also liefen wir langsam am Thälmannpark vorbei nach
Hause.
"Hörst
du das?" fragte er mich auf halbem Weg.
"Was?"
Ich war geistig schon im Bett und beachtete meine Umgebung nur noch
ausreichend genug, um nicht die Richtung zu verlieren und
hinzufallen. Oder jeweils eins von beidem.
"Na
das Gezwitscher!"
Jetzt
fiel es mir auch auf, lautes gellendes Gezwitscher in den Baumwipfeln
zu unserer rechten.
"Da
ist wohl einer zeitlich etwas daneben."
Horst
blieb stehen.
"Das
ist noch nicht echt oder? Hör mal!"
Ich
blieb ebenfalls stehen und lauschte. Horst hatte Recht, dass klang zu
synthetisch um echt zu sein.
"Was
soll das denn sein? Ein Zwitschersimulator?"
Horst
schnaubte.
"Keine
Ahnung. Wenn ja, warum?"
Ich
zuckte die Schultern.
"Weiß
nicht."
Horst
sah nach oben und konnte sicherlich mein Schulterzucken nicht sehen
also wiederholte ich es lieber nochmal akustisch.
Während
ich noch Horst ansah riss der das Maul auf und gähnte, dass sein
Kiefer knackte.
"Scheißegal.
Ich muss ins Bett." meinte er und setzte sich wieder in
Bewegung. Ich schob mich mit aller noch zur Verfügung stehender
Energie an und lief neben ihm her, Richtung Fernsehturm, Richtung
Heimat.
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