27. April 2015

34 / Corioliseffekt - Die Fahrscheine bitte! - schreiende Socke


Nach einem 13 Stunden Flug zurück, der übrigens dank des Corioliseffekts eine Stunde länger dauerte als der Hinflug wieder in Berlin angekommen trotteten Horst und ich mit fiesem Jetlag zur S-Bahn. Der Jetlag war bei mir entstanden, weil mich irgendwann in der "Nacht" von einem Rauschen erwachte und mir mit halb schlafumnebelten Hirn plötzlich klar wurde, dass mich von einem Fall aus mehreren Kilometern Höhe und dem dabei eintretenden Erfrieren oder Ersticken, je nachdem was durch Mutter Natur eher umgesetzt werden konnte, nur eine zentimeterdicke Plexiglasscheibe und etwas Kunstorf drumherum bewahrte. Schlag artig war ich wach und bereute den Fensterplatz, auf den ich bestanden hatte zutiefst. Das Rauschen machte mich nervös.
War etwas defekt?War das normal? Breitete sich gerade an der Außenseite des Flugzeugs ein haarfeiner Riss immer weiter aus nur um dann plötzlich die halbe Wand und drei Sitzreihen, mich inklusive, ins Freie zu reißen?
An Schlaf war nicht mehr zu denken.


Es war Samstag Nacht kurz nach eins und die Ringbahn dementsprechend voll mit partywilligem Volk. Horst und ich nahmen auf einer der Dreierbänke an den Seiten neben den Türen Platz, uns gegenüber setzten sich zwei Businessmenschen hin, die dritte blieb stehen. Bei den beiden Sitzenden handelte es sich um eine Frau mit kurzen Rock, Glanzstrumpfhose und speckigen Knien und um einem Mann mit engsitzendem Anzug und geschmackvollem Hemd. Die Stehende trug einen Hosenanzug, dunkel und nicht zu figurbetont. Business halt. Der Businessman lies sich groß und breit über seine Wohungssuche in Berlin und wie schwer es doch wäre ein geeignetes Objekt käuflich zu erwerben aus. Das aber auch alle Balkone immer entweder zum Innenhof oder zur lauten Straße hinaus wären! Wo sollten sie denn auch sonst hingehen, ein Haus hat nun mal meist nur zwei Seiten, eine nach vorne und eine nach hinten raus? First World Problems! Die sitzende Businesswoman las dem labernden Typen jedes Wort vom Mund ab und man konnte schon auf hundert Meter Entfernung sehen, dass der Kerl nur ein Fingerschnippen von ungezügeltem Sex entfernt war.

Weiter vorn im Wagen saß die übliche Ansammlung von Jugendlichen mit alkoholhaltigen Flaschen und rhythmusgebenden Handys.
"Mach doch mal das Scheiß Geplärre aus!" bot jemand im Blaumann mit Bier und Mörtel an den Händen einen Streitpunkt an, worauf eine Einladung doch hinzuzukommen ausgesprochen wurde. Der wiederum wurde nicht Folge geleistet, was den selbstgewählten Sprecher der Handyfraktion veranlasste, sein Angebot lauter und deutlicher zu wiederholen, was zu steigend unangenehmen Klima führte. Köpfe wurden gesenkt, Gespräche eingestellt, der sprichwörtliche Atem angehalten. Doch wie bei so viele Folgen von Frauentausch kam auch hier der erwartete Showdown eher kurz, nach der dritten Runde Einladung und Ablehnung wurden die Verhandlungen eingestellt.
Falls es zu still geworden war konnten die hinzusteigende alte Säcke an der nächsten Station Abhilfe schaffen. Grölend und johlend betraten sie den Wagen und nahmen physisch zwei Viererplätze und akustisch den gesamten Wagen ein. Horst und ich sahen uns nur an.
"In drei Minuten reißt einer einen saudummen Schaffnerwitz." prognostizierte Horst.
"Zwei Minuten." hielt ich dagegen.
Die Türen waren kaum geschlossen und die Bahn angefahren als schon einer der Jungs "Die Fahrscheine bitte!" zum besten gab und pflichtbewusstes Lachen erntete.
Harhar, so ein Spaß aber auch!

Mitten hinein in den Akustikorkan trat an der nächsten Haltestelle ein Mädchen mit Fahrrad, das sich angesichts der Lautstärke schockiert umsah und dann uns gegenüber Platz nahm. Der Businessman hatte die speckigen Knie ein paar Haltestellen früher aus dem Zug begleitet, der Hosenanzug saß noch da und las in einem EBook. Sie saß ganz außen links, das Mädchen nahm außen rechts Platz und blickte immer wieder furchtsam in Richtung Lärmquelle. Ohne Vorwarnung zuckte sie plötzlich zusammen und fing an hektisch an sich herumzutasten, bis sie schließlich eine Socke aus der Tasche ihres Trenchcoats zog. Es sah jedenfalls auf den ersten Blick wie eine Socke aus, entpuppte sich beim genaueren Hinsehen aber als selbst gehäkelte Handyhülle. Eben das klingelte darin wild vor sich hin.
"Schau mal eine schreiende Socke." flüsterte ich zu Horst hinüber gebeugt und konnte mich an einer erneuten Zurschaustellung seiner Dentalklavitatur erfreuen.
"Hallo? Hallo?"
Das Mädchen fummelte das Handy aus der Socke, drückte auf dem Display herum und hielt es sich ans Ohr. Jemand antwortete und sichtbare Erleichterung durchströmte sie. Genau in dem Augenblick bremste die Bahn leicht ab, die geltenden Trägheitsgesetze übernahmen ihr Fahrrad, dessen Vorderreifen berührte das Knie der Businessfrau, hinterließ einen feuchten Fleck auf dem Hosenanzug und eine hochgezogene Augenbraue später war sämtliche Erleichterung dahin.

Zwei Haltestellen später setzte sich ein Paar in die Nähe. Beide waren eindeutig nachtfertig, hatten das beste aus ihrem Äußeren gemacht und hätten beide deutlich schlechter abschneiden können. Beide hatten ein Bier in der Hand, der einzige augenscheinliche Unterschied war der Füllstand der Flaschen. Seine war fast leer, ihre noch zu zwei drittel voll. Wahrscheinlich lag das daran, dass sie ohne Punkt und Komma redete. Er war schon an dem Punkt angekommen, wo er gar nichts mehr sagte und wenn er sich doch genötigt sah kurze Silben murmelte. Worum es bei dem Monolog ging konnte ich nicht verstehen, es klang nach Spanisch oder Italienisch. Viel interessanter war die steigende Frequenz ihrer in Worte gefasste Information. Dabei wurde sie lauter und lauter, ihre unterstreichenden Bewegungen ausladender und ausladender bis sie schließlich gegen die Haltestange neben dem Sitz stieß und sich mit einem Teil ihres Bieres übergoss. Eine Sekunde herrschte himmlische Ruhe, dann fuhr sie ihn umso lauter an, weil er es nach einem kurzen Seitenblick gewagt hatte zu grinsen. Das Funkeln in seinen Augen erlosch innerhalb von Sekundenbruchteilen. Kurz darauf schleppte sie ihn hinaus, er folgte ohne eigenen Willen. Als er in meine Richtung blickte senkte ich die Augen zu Boden. Innerlich war er bereits tot.

Es waren nur noch wenige Haltestellen bis nach Hause, als die älteren Herren entschieden das es viel zu ruhig und zivilisiert, will sagen normal, zuging im Zug und lautes Singen für die angemessene Behandlung hielten. Das sie dabei nach jeder dritten Zeile von "We are the Champions" in kreischendes Lachen ausbrachen verbesserte ihre Performance nicht wirklich. Auch ihr Eindruck als männlicher Haufen litt ganz erheblich unter dem schrillen Kreischen, dass irgendwann anstelle von Lachen zu hören war.
Horst schüttelte neben mir nur den Kopf.

Von der S-Bahn waren es noch fünf Minuten Fußweg. Horst war zu müde um mich zu tragen also liefen wir langsam am Thälmannpark vorbei nach Hause.
"Hörst du das?" fragte er mich auf halbem Weg.
"Was?" Ich war geistig schon im Bett und beachtete meine Umgebung nur noch ausreichend genug, um nicht die Richtung zu verlieren und hinzufallen. Oder jeweils eins von beidem.
"Na das Gezwitscher!"
Jetzt fiel es mir auch auf, lautes gellendes Gezwitscher in den Baumwipfeln zu unserer rechten.
"Da ist wohl einer zeitlich etwas daneben."
Horst blieb stehen.
"Das ist noch nicht echt oder? Hör mal!"
Ich blieb ebenfalls stehen und lauschte. Horst hatte Recht, dass klang zu synthetisch um echt zu sein.
"Was soll das denn sein? Ein Zwitschersimulator?"
Horst schnaubte.
"Keine Ahnung. Wenn ja, warum?"
Ich zuckte die Schultern.
"Weiß nicht."
Horst sah nach oben und konnte sicherlich mein Schulterzucken nicht sehen also wiederholte ich es lieber nochmal akustisch.
Während ich noch Horst ansah riss der das Maul auf und gähnte, dass sein Kiefer knackte.
"Scheißegal. Ich muss ins Bett." meinte er und setzte sich wieder in Bewegung. Ich schob mich mit aller noch zur Verfügung stehender Energie an und lief neben ihm her, Richtung Fernsehturm, Richtung Heimat.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen