7. Mai 2015

35 / Himmelsausschnitt – Allerwertester – Freiheitsberaubung – Schweiger - Kriegsbeil


Dämliche Pissbacken.” Die Tür zum Innenhof bestand dank ihres Schließarmes darauf mir gegen das Fahrrad zu knallen und ich schob sie immer wieder mit mäßigem Erfolg auf.
Fuck you!“ brüllte ich sie schlussendlich an und schaffte es im selben Augenblick endlich mein komplettes Fahrrad hindurch zu befördern.
Geht's noch?“ Das war Horst, der mich aus seiner Ecke vorwurfsvoll ansah und mit den Ohren wackelte. Nach Tokio war er bei mir ausgezogen und hatte seinen Platz in der Ecke des Innenhofs wieder in Besitz genommen. Meine Wohnung gefiel ihn zwar meinte er, aber er wollte lieber an der frischen Luft unter freiem Himmel, oder eher Himmelsausschnitt schlafen.
Ach halt doch die Klappe.“ murmelte ich nur und rammte mein Fahrrad in einen freien Ständer.

Was denn los?“
Ich schloss mein Fahrrad an, drehte mich zu Horst um und warf die Hände in die Luft.
Fahrrad fahren in Berlin ist echt zum kotzen. Wenn man mal einen verfluchten Fahrradweg findet ist der so unsagbar beschissen, dass er eigentlich gar nicht zu gebrauchen ist. Fahr ich auf der Straße denkt jeder dritte Autofahrer das 50 Zentimeter ein durchaus angemessener Sicherheitsabstand ist und nehme ich den Fußweg, hält sich jeder für einen verdammten Volkspolizist.
'Das hier ist der Fußweg.' Ja danke hab ich auch schon gewusst, du Schlauberger.
'Hier darf man nicht Fahrrad fahren!' Ach halt's Maul verdammte Scheiße.“
Deswegen musst du doch nicht gleich so ausrasten.“ Horst schnaubte.
Ach echt nicht? Ich bin alleine diese Woche schon dreimal blöde vollgequatscht worden, weil irgend ein Arsch sich wichtig machen musste.“
Ich holte tief Luft.

Montag Abend war ich auf dem Weg zu Angel und treffe dabei auf zwei Prenzlbergmütter mit jeweils einem Lendenspross. Überhaupt sind seit Montag Mütter auf Platz eins der nervigsten Fußgänger gelandet, direkt gefolgt von Joggern und Rentnern. Ich war auf dem verfickten Fahrradweg und die beiden auf dem angrenzenden Fußweg. Beide heftig am quatschen und die beiden Kinder flitzen um sie herum. Ich komm also angefahren und kurz bevor ich an ihnen vorbei bin flitzt eins der Kinder auf den Fahrradweg. Ich bremse wie bekloppt, die kleine Prinzessin erschreckt sich wegen meiner quietschenden Reifen, stolpert über ihre eigenen Füße, packt sich auf den Allerwertesten und fängt an zu plärren.“
Horst machte ein Geräusch, das eine kaum beschreibbare Art von stotterndem Schnauben ist und einem menschlichen Kichern entspricht..
Und wenn hat Mutti natürlich angeschissen? Mich weil ich angeblich nicht aufgepasst habe. Hätte ich nicht aufgepasst wäre die Kleine mit einer ungeraden Anzahl an Gliedmaßen nach Hause gegangen verflucht.“

Dann gestern bin ich am Arnswalder Platz vorbei gefahren. Die Straße dort ist eine Zumutung, jeder Pflasterstein hat eine andere Höhe und die Rillen dazwischen sind genau breit genug um mit dem Vorderrad stecken zu bleiben. Also fahr ich den Fußweg lang. Ich rase nicht, ich hetzte nicht, ich fahr einfach nur entlang. Vor mir zwei Mädels, deren glänzenden hautengen Klamotten entweder auf schlechten Geschmack, einem nostalgischem Hang zu den Neunzigern oder einer bevorstehenden beziehungsweise abgeschlossenen Joggingrunde hinweisen und die so im Gespräch vertieft sind, dass sie mich nicht bemerken. Normalerweise bleib ich in dem Fall dahinter und warte bis sich eine Chance zum überholen ergibt. Verflucht nochmal, immerhin hab ich den Motorradführerschein, da lernt man sowas, wenn man nicht seinen Körper als Knautschzone gebrauchen will. Aber gestern hatte ich eine Packung Eis eingekauft und war deswegen nicht mit Stunden Zeit gesegnet, also dachte ich mir ich weise die beiden auf typische Fahrradfahrerart auf meine Anwesenheit hin. Ich hab geklingelt.“
Horst zog scharf die Luft ein.
Ich hob nur die Hand und schüttelte den Kopf.
Jaja ich weiß, ganz blöder Fehler. Ich hatte für eine Sekunde voller Eisvorfreude an diesem stinkheißen Tag vergessen, das ich nicht unter normalen Menschen sondern in Berlin bin, wo ein Klingeln oder Hupen nicht „Entschuldigung, ich wollte mich bemerkbar machen.“ bedeutet sondern “Fick dich und verpiss dich, aber plötzlich, du SPAST!“
So oder so ähnlich müssen das wohl auch die zwei interpretiert haben, jedenfalls wurden mir per Blick schwere Gesichtsverätzungen zugefügt.
Das ist der Fußweg.“ kam die schon hundertmal gehörte Standartaussage. Wenn ich die Zusammenhänge zwischen mir auf meinem Fahrrad und der dauernde Erwähnung des Fußwegs nicht klar wäre würde ich mir wahrscheinlich wundern, warum alle Leute so versessen sind mich darauf hinzuweisen wo ich mich gerade befinde. Jedenfalls traten beide wenigstens einen Schritt auseinander und ließen mich durch.“
Horst nickte.
Ich hob einen Finger.
Aber das reichte dem Typ zehn Meter vor den beiden nicht, der die Arme ausbreitete und mich abfing als ob es um Geld ging. Mit dem hatte ich dann die Diskussion wo ich mich befand und inwiefern das ganze den illegal wäre nochmal in ganz ausführlicher Form.
Dann ruf ich jetzt mal die Polizei.“ offenbarte der schlussendlich die Ernsthaftigkeit der Situation und zückte sein Smartphone.
Viel Spaß dabei, ich mach mich in der Zwischenzeit mal vom Acker.“ erwiderte ich und wollte aufsteigen, als sich eine Hand um meinen Lenker schloss.
Du bleibst hier.“ hieß es.
Okay, sind wir schon beim du? Dann bin ich mal gespannt wie DU der Polizei die Freiheitsberaubung erklärst, die du hier gerade betreibst.“
Was?“
Freiheitsberaubung. DU hast kein Recht mich hier festzuhalten, laut Grundgesetz steht jedem Mensch oder genauer gesagt jedem Bundesbürger seine uneingeschränkte Freiheit zu, die ihn niemand nehmen darf.“
Er öffnete den Mund aber ich kam ihm zuvor.
Die Ausnahme ist nur eine unmittelbare Straftat, die aber beim Fahrradfahren auf dem Fußweg nicht wirklich vorliegt denke ich.“
Wir schwiegen uns einige Sekunden an.
Nimmst DU jetzt die Flosse von meinem Lenker oder möchtest DU eine Anzeige wegen Freiheitsberaubung?“ fragte ich versuchte ihn höflich anzulächeln. Das du machte die ganze Unterhaltung gleich viel persönlicher. Nicht netter, aber immerhin persönlicher.
Dann fahr aber auf der Straße weiter.“ brummte er und lies meinen Lenker los.
Ich tat noch etwas besseres, stieg ab und schob mein Fahrrad etwa zehn Meter weit, stieg dann wieder auf, rief ein ehrlich gemeintes „Sorry!“ in seine Richtung und fuhr weiter.
Das letzte was ich wollte war Ärger mit ihm. Aber eben auch kein geschmolzenes Eis.“

Du bist aber auch nicht der Lernfähigste oder?“ fragte mich Horst und zeigte dabei Zähne.
Was hat denn das ganze mit mir zu tun? Ich versuche keinem auf den Sack zu gehen aber ich will mir auch nicht von jedem Penner erklären lassen was ich zu tun und lassen habe verflucht. Sonst kümmert sich doch hier auch keiner um den anderen verdammt nochmal.“
Horst schüttelte den Kopf.
Und der dritte?“
Was?“
Ich wusste für einen Moment nicht was er meinte, dann fiel mir ein das ich von drei unheimlichen Begegnungen der dumpfbackigen Art gesprochen hatte.

Der letzte war gerade auf dem Weg hierher. Ich fuhr den Fußweg entlang und hatte dreißig Meter vor mir eine kleine Oma. Zwischen uns niemand, freies Blickfeld. Trotzdem schaffte es Oma in den fünfzehn Sekunden die es dauerte um bei ihr anzukommen nicht einmal nach vorn zu schauen. Sie schaute ins Schaufenster, auf ihre Schuhe, wieder ins Schaufenster, wieder nach unten und erst nach vorn als ich nur noch knapp zwei Meter entfernt war. Gleiche Reaktion wie bei dem verdammten Kleinkind - hochgucken, mich sehen, erschrecken.
Nur das das Kleinkind keinen Stock dabei hatte mit dem es nach mir geschlagen hätte.
Oma schon. Hatte und hat.
Ich verstehe das nicht. Wenn ich so schreckhaft bin und so zerbrechlich, warum guck ich dann nicht wohin zum Teufel nochmal ich laufe. Wie schafft man es zehn Meter zu laufen ohne einmal nach vorn zu sehen. Gerade wo das Sichtbereich schon eingeschränkt ist. Fuck!“

Horst hatte seinen gönnerhaften Blick aufgesetzt.
Warum fährst du auch auf dem Fußweg?“
Man Horst, das habe ich dir versucht zu erklären. Weil die Fahrradwege scheiße sind und die Straße mir zu gefährlich.“
Aber du kannst doch auch die Danziger hochfahren wenn du zum...“
Ich will keine Verbesserungsvorschläge von dir Horst! Du hast mich gefragt was los ist und ich erzähl's dir. Stell dich mich als Frau vor - hör mir einfach nur zu. Keine Vorschläge. Keine Lösungen! Einfach zuhören, damit ich Dampf ablassen kann ehe ich platze.“
Okay, okay. Dann lass halt Dampf ab.“
Ich holte tief Luft und stieß sie wieder aus.
Das war's. Mehr Ärger hab ich nicht in mir.“
Na also.“
Ich setzte mich zu Horst und wir schwiegen beide eine Weile. Ich hatte festgestellt, dass Horst zu den wenigen Leuten gehörte, bei denen es nicht unangenehm wurde, wenn wir nichts zu reden hatten. Es machte das Zusammensein sogar einfacher.

Nach einer Weile stand ich auf und klopfte mir die Hose ab. Horst war ein großartiger Schweiger, aber er haarte.
Weißt du, mir ist gerade klar geworden, dass viele Leute Fahrradfahrer automatisch für Arschlöcher halten. Eben weil sie auf dem Fußweg fahren, nicht klingeln und so weiter.
Und viele Fahrradfahrer benehmen sich irgendwann wirklich wie Arschlöcher, weil sie auf der Straße angehupt werden und sich blöde Sprüche anhören müssen wenn sie klingeln. Egal was beide Parteien tun, die andere Partei empfindet es immer als falsch und reagiert verärgert. Und das wiederum verärgert dann die anderen. Man kann es einander nicht recht machen, also benehmen sich beide gegenseitig wie Arschlöcher. Warum sich auch Mühe geben, wenn man es eh immer falsch macht?
Es ist eine Art stiller Stellungskrieg zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern.
Beide Seiten versuchen nicht verletzt zu werden und beide sind im Fall eines Kampfes bereit und aggressiv. Beide wollen den Krieg nicht aber können das Kriegsbeil auch nicht begraben. Das ist doch scheiße oder?“
Horst hob den Kopf, nickte langsam und sah mich aus seinen großen braunen Augen an.
Ich mach dir mal einen Vorschlag okay? Du kannst mich jederzeit fragen und auf mir wo auch immer du willst hinreiten. Ich halte mir zwar die Option offen nein zu sagen aber grundsätzlich...“
Wow Horst, danke.“
Ich war sprachlos.
Horst nickte nur und legte seinen Kopf wieder ab. Ich sah an meiner sauberen Hose herunter, entschied das es wichtigeres gab und setzte mich wieder neben ihn um noch etwas sein Schweigen zu genießen.

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