“Dämliche Pissbacken.” Die Tür zum Innenhof bestand dank ihres Schließarmes darauf mir gegen das Fahrrad zu knallen und ich schob sie immer wieder mit mäßigem Erfolg auf.
„Fuck
you!“ brüllte ich sie schlussendlich an und schaffte es im selben
Augenblick endlich mein komplettes Fahrrad hindurch zu befördern.
„Geht's
noch?“ Das war Horst, der mich aus seiner Ecke vorwurfsvoll ansah
und mit den Ohren wackelte. Nach Tokio war er bei mir ausgezogen und
hatte seinen Platz in der Ecke des Innenhofs wieder in Besitz
genommen. Meine Wohnung gefiel ihn zwar meinte er, aber er wollte
lieber an der frischen Luft unter freiem Himmel, oder eher
Himmelsausschnitt schlafen.
„Ach
halt doch die Klappe.“ murmelte ich nur und rammte mein Fahrrad in
einen freien Ständer.
Ich
schloss mein Fahrrad an, drehte mich zu Horst um und warf die Hände
in die Luft.
„Fahrrad
fahren in Berlin ist echt zum kotzen. Wenn man mal einen verfluchten
Fahrradweg findet ist der so unsagbar beschissen, dass er eigentlich
gar nicht zu gebrauchen ist. Fahr ich auf der Straße denkt jeder
dritte Autofahrer das 50 Zentimeter ein durchaus angemessener
Sicherheitsabstand ist und nehme ich den Fußweg, hält sich jeder
für einen verdammten Volkspolizist.
'Das
hier ist der Fußweg.' Ja danke hab ich auch schon gewusst, du
Schlauberger.
'Hier
darf man nicht Fahrrad fahren!' Ach halt's Maul verdammte Scheiße.“
„Deswegen
musst du doch nicht gleich so ausrasten.“ Horst schnaubte.
„Ach
echt nicht? Ich bin alleine diese Woche schon dreimal blöde
vollgequatscht worden, weil irgend ein Arsch sich wichtig machen
musste.“
Ich
holte tief Luft.
„Montag
Abend war ich auf dem Weg zu Angel und treffe dabei auf zwei
Prenzlbergmütter mit jeweils einem Lendenspross. Überhaupt sind
seit Montag Mütter auf Platz eins der nervigsten Fußgänger
gelandet, direkt gefolgt von Joggern und Rentnern. Ich war auf dem
verfickten Fahrradweg und die beiden auf dem angrenzenden Fußweg.
Beide heftig am quatschen und die beiden Kinder flitzen um sie herum.
Ich komm also angefahren und kurz bevor ich an ihnen vorbei bin
flitzt eins der Kinder auf den Fahrradweg. Ich bremse wie bekloppt,
die kleine Prinzessin erschreckt sich wegen meiner quietschenden
Reifen, stolpert über ihre eigenen Füße, packt sich auf den
Allerwertesten und fängt an zu plärren.“
Horst
machte ein Geräusch, das eine kaum beschreibbare Art von stotterndem
Schnauben ist und einem menschlichen Kichern entspricht..
„Und
wenn hat Mutti natürlich angeschissen? Mich weil ich angeblich nicht
aufgepasst habe. Hätte ich nicht aufgepasst wäre die Kleine mit
einer ungeraden Anzahl an Gliedmaßen nach Hause gegangen verflucht.“
„Dann
gestern bin ich am Arnswalder Platz vorbei gefahren. Die Straße dort
ist eine Zumutung, jeder Pflasterstein hat eine andere Höhe und die
Rillen dazwischen sind genau breit genug um mit dem Vorderrad stecken
zu bleiben. Also fahr ich den Fußweg lang. Ich rase nicht, ich
hetzte nicht, ich fahr einfach nur entlang. Vor mir zwei Mädels,
deren glänzenden hautengen Klamotten entweder auf schlechten
Geschmack, einem nostalgischem Hang zu den Neunzigern oder einer
bevorstehenden beziehungsweise abgeschlossenen Joggingrunde hinweisen
und die so im Gespräch vertieft sind, dass sie mich nicht bemerken.
Normalerweise bleib ich in dem Fall dahinter und warte bis sich eine
Chance zum überholen ergibt. Verflucht nochmal, immerhin hab ich den
Motorradführerschein, da lernt man sowas, wenn man nicht seinen
Körper als Knautschzone gebrauchen will. Aber gestern hatte ich eine
Packung Eis eingekauft und war deswegen nicht mit Stunden Zeit
gesegnet, also dachte ich mir ich weise die beiden auf typische
Fahrradfahrerart auf meine Anwesenheit hin. Ich hab geklingelt.“
Horst
zog scharf die Luft ein.
Ich
hob nur die Hand und schüttelte den Kopf.
„Jaja
ich weiß, ganz blöder Fehler. Ich hatte für eine Sekunde voller
Eisvorfreude an diesem stinkheißen Tag vergessen, das ich nicht
unter normalen Menschen sondern in Berlin bin, wo ein Klingeln oder
Hupen nicht „Entschuldigung, ich wollte mich bemerkbar machen.“
bedeutet sondern “Fick dich und verpiss dich, aber plötzlich, du
SPAST!“
So
oder so ähnlich müssen das wohl auch die zwei interpretiert haben,
jedenfalls wurden mir per Blick schwere Gesichtsverätzungen
zugefügt.
„Das
ist der Fußweg.“ kam die schon hundertmal gehörte
Standartaussage. Wenn ich die Zusammenhänge zwischen mir auf meinem
Fahrrad und der dauernde Erwähnung des Fußwegs nicht klar wäre
würde ich mir wahrscheinlich wundern, warum alle Leute so versessen
sind mich darauf hinzuweisen wo ich mich gerade befinde. Jedenfalls
traten beide wenigstens einen Schritt auseinander und ließen mich
durch.“
Horst
nickte.
Ich
hob einen Finger.
„Aber
das reichte dem Typ zehn Meter vor den beiden nicht, der die Arme
ausbreitete und mich abfing als ob es um Geld ging. Mit dem hatte ich
dann die Diskussion wo ich mich befand und inwiefern das ganze den
illegal wäre nochmal in ganz ausführlicher Form.
„Dann
ruf ich jetzt mal die Polizei.“ offenbarte der schlussendlich die
Ernsthaftigkeit der Situation und zückte sein Smartphone.
„Viel
Spaß dabei, ich mach mich in der Zwischenzeit mal vom Acker.“
erwiderte ich und wollte aufsteigen, als sich eine Hand um meinen
Lenker schloss.
„Du
bleibst hier.“ hieß es.
„Okay,
sind wir schon beim du? Dann bin ich mal gespannt wie DU der Polizei
die Freiheitsberaubung erklärst, die du hier gerade betreibst.“
„Was?“
„Freiheitsberaubung.
DU hast kein Recht mich hier festzuhalten, laut Grundgesetz steht
jedem Mensch oder genauer gesagt jedem Bundesbürger seine
uneingeschränkte Freiheit zu, die ihn niemand nehmen darf.“
Er
öffnete den Mund aber ich kam ihm zuvor.
„Die
Ausnahme ist nur eine unmittelbare Straftat, die aber beim
Fahrradfahren auf dem Fußweg nicht wirklich vorliegt denke ich.“
Wir
schwiegen uns einige Sekunden an.
„Nimmst
DU jetzt die Flosse von meinem Lenker oder möchtest DU eine Anzeige
wegen Freiheitsberaubung?“ fragte ich versuchte ihn höflich
anzulächeln. Das du machte die ganze Unterhaltung gleich viel
persönlicher. Nicht netter, aber immerhin persönlicher.
„Dann
fahr aber auf der Straße weiter.“ brummte er und lies meinen
Lenker los.
Ich
tat noch etwas besseres, stieg ab und schob mein Fahrrad etwa zehn
Meter weit, stieg dann wieder auf, rief ein ehrlich gemeintes
„Sorry!“ in seine Richtung und fuhr weiter.
Das
letzte was ich wollte war Ärger mit ihm. Aber eben auch kein
geschmolzenes Eis.“
„Du
bist aber auch nicht der Lernfähigste oder?“ fragte mich Horst und
zeigte dabei Zähne.
„Was
hat denn das ganze mit mir zu tun? Ich versuche keinem auf den Sack
zu gehen aber ich will mir auch nicht von jedem Penner erklären
lassen was ich zu tun und lassen habe verflucht. Sonst kümmert sich
doch hier auch keiner um den anderen verdammt nochmal.“
Horst
schüttelte den Kopf.
„Und
der dritte?“
„Was?“
Ich
wusste für einen Moment nicht was er meinte, dann fiel mir ein das
ich von drei unheimlichen Begegnungen der dumpfbackigen Art
gesprochen hatte.
„Der
letzte war gerade auf dem Weg hierher. Ich fuhr den Fußweg entlang
und hatte dreißig Meter vor mir eine kleine Oma. Zwischen uns
niemand, freies Blickfeld. Trotzdem schaffte es Oma in den fünfzehn
Sekunden die es dauerte um bei ihr anzukommen nicht einmal nach vorn
zu schauen. Sie schaute ins Schaufenster, auf ihre Schuhe, wieder ins
Schaufenster, wieder nach unten und erst nach vorn als ich nur noch
knapp zwei Meter entfernt war. Gleiche Reaktion wie bei dem
verdammten Kleinkind - hochgucken, mich sehen, erschrecken.
Nur
das das Kleinkind keinen Stock dabei hatte mit dem es nach mir
geschlagen hätte.
Oma
schon. Hatte und hat.
Ich
verstehe das nicht. Wenn ich so schreckhaft bin und so zerbrechlich,
warum guck ich dann nicht wohin zum Teufel nochmal ich laufe. Wie
schafft man es zehn Meter zu laufen ohne einmal nach vorn zu sehen.
Gerade wo das Sichtbereich schon eingeschränkt ist. Fuck!“
Horst
hatte seinen gönnerhaften Blick aufgesetzt.
„Warum
fährst du auch auf dem Fußweg?“
„Man
Horst, das habe ich dir versucht zu erklären. Weil die Fahrradwege
scheiße sind und die Straße mir zu gefährlich.“
„Aber
du kannst doch auch die Danziger hochfahren wenn du zum...“
„Ich
will keine Verbesserungsvorschläge von dir Horst! Du hast mich
gefragt was los ist und ich erzähl's dir. Stell dich mich als Frau
vor - hör mir einfach nur zu. Keine Vorschläge. Keine Lösungen!
Einfach zuhören, damit ich Dampf ablassen kann ehe ich platze.“
„Okay,
okay. Dann lass halt Dampf ab.“
Ich
holte tief Luft und stieß sie wieder aus.
„Das
war's. Mehr Ärger hab ich nicht in mir.“
„Na
also.“
Ich
setzte mich zu Horst und wir schwiegen beide eine Weile. Ich hatte
festgestellt, dass Horst zu den wenigen Leuten gehörte, bei denen es
nicht unangenehm wurde, wenn wir nichts zu reden hatten. Es machte
das Zusammensein sogar einfacher.
Nach
einer Weile stand ich auf und klopfte mir die Hose ab. Horst war ein
großartiger Schweiger, aber er haarte.
„Weißt
du, mir ist gerade klar geworden, dass viele Leute Fahrradfahrer
automatisch für Arschlöcher halten. Eben weil sie auf dem Fußweg
fahren, nicht klingeln und so weiter.
Und
viele Fahrradfahrer benehmen sich irgendwann wirklich wie
Arschlöcher, weil sie auf der Straße angehupt werden und sich blöde
Sprüche anhören müssen wenn sie klingeln. Egal was beide Parteien
tun, die andere Partei empfindet es immer als falsch und reagiert
verärgert. Und das wiederum verärgert dann die anderen. Man kann es
einander nicht recht machen, also benehmen sich beide gegenseitig wie
Arschlöcher. Warum sich auch Mühe geben, wenn man es eh immer
falsch macht?
Es
ist eine Art stiller Stellungskrieg zwischen Fahrradfahrern und
Fußgängern.
Beide
Seiten versuchen nicht verletzt zu werden und beide sind im Fall
eines Kampfes bereit und aggressiv. Beide wollen den Krieg nicht aber
können das Kriegsbeil auch nicht begraben. Das ist doch scheiße
oder?“
Horst
hob den Kopf, nickte langsam und sah mich aus seinen großen braunen
Augen an.
„Ich
mach dir mal einen Vorschlag okay? Du kannst mich jederzeit fragen
und auf mir wo auch immer du willst hinreiten. Ich halte mir zwar die
Option offen nein zu sagen aber grundsätzlich...“
„Wow
Horst, danke.“
Ich
war sprachlos.
Horst
nickte nur und legte seinen Kopf wieder ab. Ich sah an meiner
sauberen Hose herunter, entschied das es wichtigeres gab und setzte
mich wieder neben ihn um noch etwas sein Schweigen zu genießen.

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