Ich schreckte heute morgen im Bett hoch. Es war der letzte Tag meines Survivalkurses und ich hatte die anderen beiden Nächte schlecht geschlafen. Zudem dröhnte mir jeden Abend der Kopf von den Daten, Fakten und Formeln die uns eingetrichtert wurden. Ein Blick auf die Uhr zeigte dasselbe wie die letzten 2 Tage - kurz nach 6, noch fast eine Stunde zu früh zum aufstehen. Ich drehte mich nochmal um und warf einen Blick aus dem geschlossenen Fenster. Wie die letzte Nacht war es geschlossen und dahinter standen Angestellte des Hotels zur morgendlichen Raucherpause. Mein Zimmer lag ebenerdig mit Anschluss an die Hotelterrasse. Die erste Nacht hatte ich nichtsahnend die Fenster angeleht gelassen und war halb sechs durch Zigarettenqualm und schrillem Lachen keine drei Meter neben meinem Bett geweckt worden. Jetzt kann man die Luft im Zimmer stückweise raustragen aber wenigstens ist sie nicht verqualmt. Oder akustisch mit Balzsmaltalk der Angestellten gefüllt. Naja die wenigen Zwischenräume die noch bleiben, wenn man in 8qm mit geschlossenen Fenstern schläft.
Wie sich herausstellte war der Defekt des Dimensionskerkers kein Zufall sondern offenbar Sabotage. Die wurde aber aus einer der uns angeschlossenen Dimensionen koordiniert und deswegen ist es schwer zu sagen wer dafür verantwortlich ist. Das alles sind Dinge die mich persönlich einen feuchten Scheiss interessieren wenn sie nicht zu diesem dreitägigen Seminar geführt hätten. Also wurde ich die letzten drei Tage lang auf Erkennung von interdimensionalen Markierungen, den Gebrauch und die Gefahren von Weihwasser und die richtige Meldekette im Falle eines Dimensionsrisses geschult. Teil zwei steht in ein paar Monaten an und wird dann erste Hilfe, seelischer Beistand und Charkrazeichnung beinhalten. Ich kann's kaum erwarten.
Als mich mein Wecker endlich darauf hinwies aufzustehen war ich schon im Bad und rasierte mich. Ich lies ihn klingeln und dachte an Teddybären, wahrend ich die Dusche warmlaufen lies. Die Teddybären hatte ich von Herrn Roth, der uns über die unterschiedlichen Arten von Weihwasser unterrichtete und dabei unter anderem erklärte, warum Vampirblut und Silber sich nicht vertragen. Hat etwas mit den freien Radikalen auf der äußeren Atomhülle von Silber und dem gebundene Sauerstoff im Blut zu tun, die durch einen vampireigenen Zusatz von Kalium sehr heftig zu Sauerstoff und Wasserstoff reagiert. Und Wasserstoff ist Knallgas. Resultat: Zisch, Bum, NA WIR SIND ABER SPÄT DRAN!
Die Teddys in der Dusche kommt durch Herrn Roths Zeichnung von Wassermolekülen. Ein großes Sauerstoffmolekül in der Mitte und jeweils oben rechts und links ein kleines Wasserstoffmolekül - der H2O-Teddy. Man muss sich nur das O im Sauerstoffatom als Nase vorstellen und 2 Augen dazu malen.
Der Kurs bei Herrn Roth rettete mich über die ganzen drei Tage. Es ist in etwas so als ob Louis de Funes in der Muppetshow auftreten würde. Als ich ihn das erste Mal sah war mir das schlagartig klar. Er trägt Pullunder überm Hemd, so richtig akademisch, dazu graue Hose und Schuhe.
Aber eigentlich ist das andere Ende von ihm das beachtenswerte - der Kopf. Auf ihm wachsen nur noch ein Kranz aus Haaren, vermutlich haben die in der Mitte des Kopfes einfach irgendwann vor dem darunterliegenden Hirn die Flucht ergriffen. Nach dem was so alles herauskommt wenn Herr Roth mittels Mund, Augen und Bewegungen versucht den Druck in seinem Hirn abzulassen muss dort ein ungemein hoher Druck herrschen. Innerhalb von einer Minute hört man gleichzeitig hundert Wörter, sieht funkelnde, verträumte und, in Ermangelung einer zutreffender Beschreibung, wahnsinnige Augen und erfährt tornadoartige Winde wenn er versucht irgendeinen theoretischen Aspekt mit praktischen Beispielen zu veranschaulichen.
Wer will schon auf einem aktiven Vulkan leben?
Die Struktur der äußere Atomschalen und deren Bedeutung in Bezug auf die Anzahl der Elektronen und damit einhergehenden Stabilität des gesamten Atomaufbaus erklärte er uns, indem er das Kabel des Projektors aus der Steckdose riss, die dabei zersprang (was er mit einem "Thermoplaste! Niemals draufhauen, das Zeug ist hitzebeständig aber splittert leicht. Kommen wir noch dazu!“ kommentierte) und ihn über seinem Kopf kreisen lies um die Energiedifferenz eines kleines Kreises voller Elektronen im Vergleich zu einem großen Kreis zu zeigen. Während er also das Kabel um seinen Kopf kreisen lies und uns ansah zischte der Stecker durch die Gegend.
„Und wenn ich jetzt den Kreis verkleinere “ begann er und zog das Kabel an um seine Länge zu reduzieren. Das Pfeifende Geräusch schwoll an und die Umdrehungen nahmen zu.
„dann sehen sie das wir weniger Energie haben als wenn ich ihn lang lasse.“ Mit diesen Worten lies er wieder etwas Kabel nach ohne dabei den Schwung zu verringern und produzierte ein Brummen. Ein irgendwie hungriges Brummen. Er schwitzte während seine Armmuskeln pumpten und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Sie sehen das ein kleiner Kreis ein geringeres Energiepotential hat als ein großer Kreis. Und worauf können wir dann anhand unserer Formel...“
Im Sprechen drehte er sich zur Tafel um, stellte fest, das keine Formel zu sehen war, immerhin schwang er ja gerade die Stromzufuhr des Projektor, vergaß in einem Augenblick der Verwunderung das kreisende Kabel in seiner Hand und schaffte es den Projektor mit seinem eigene Netzstecker zu zerschmettern.
So einer ist Herr Roth.
Er war sowieso der einzige Lichtblick in diesen 3 Tagen voller Informationen, von denen ich mit ziemlicher Sicherheit keine 10 Prozent jemals gebrauchen werde. Und mit Lichtblick meine ich er ließ mich meine Selbstmordgedanken vergessen, die mich bei Herrn Bömer und seinen ewigen Ausführungen über dimensionale Mechaniken und logarithmischen Fluktuationsberechnungen überkamen. Da wurden Sinusfunktionen zur Berechnung von kontinuierlichen Raumzeitschwächen bemüht und Potenzanalysen über dass Strömungsverhalten von Dimensionssubstanz nach Eindringen in unsere Realitat benutzt. Alles was ich bisher sagen kann ist: wenn die Dimensionen brechen ist die Kacke am dampfen. Ob dann hoch 12 oder hoch 24 halte ich persönlich für Scheißegal. Aber nicht Herr Bömer. Der setzte sich damit haarklein auseinander und das tat der Kurs gezwungenermaßen dann eben mit ihm. Er war das genaue Gegenteil von Herrn Roth – keine Geschichten, keine Beispiele, keine Show – nur trockenen, trockene Fakten.
Ein potentieller Dimensionsschaden mit der Intensität vergrößert sich um das hundertfache wenn die dazugehörige Intensität nur um den Faktor 25 zunimmt. Bitte. Erschieß. Mich. Jemand.
Herr Roth dagegen erzählte wie er im dritten Jahr seiner Anstellung eine ihm damals unbekannte Substanz im Lager fand und damit herumexperimentierte. Die Substanz befand sich in einer kleinen Glasflasche, in einer Glycerinlösung, in einer Zinndose, die mit Wachspapier gefüllt war in einem Regal ganz hinten links. Herr Roth nahm sich als etwas von der Substanz und untersuchte sie. Er fand nichts heraus. Sie war grau, weich, fühlte sich ein bisschen wie Talg an und roch leicht nach Schwefel. Irgendwann vermutete Herr Roth, dass es sich dabei um eine seltenes Mineral namens Docterium handelt. Wurde von einem Professor Docter entdeckt. Eigentlich ein sehr stabiles Mineral reagiert es nur mit zwei Dingen extrem stark – Wasser oder die guten alten Duschteddys und Eisen. Deshalb die Glycerinmarinade. Also was machte Herr Roth? Suchte sich im Labor ein Waschbecken, lies Wasser einlaufen und tat eine Messerspitze Docterium hinein.
„Ich hatte Glück, dass wir damals noch dieser rechteckigen Edelstahlbecken im Labor hatten. Das Docterium reagierte mit dem Wasser heftiger als ich erwartet hätte zu Sauerstoff, Wasserstoff und Tridocteriumoxid. Das wiederum reagiert mit Sauerstoff und dabei wird eine Menge Energie in Form von Wärme freigesetzt.“
An der Stelle lies er die Augenbrauen hochschnellen und lachte vergnügt auf.
„Was aus dem Becken senkrecht nach oben stieg war eine Flammenwand die Anteile aus einer der heftigsten bekannten Säuren enthielt die wir Menschen kennen. Wenn ich vor einem flachen Becken gestanden hätte wäre mir das ganze ins Gesicht gespritzt und ich hätte schwerste Verbrennungen und Verätzungen davongetragen.“
Und er lachte.
Ich checkte aus dem Hotel aus. Heute hatten wir nur bis Mittag Kurs. Alle drei Stunden bei Herrn Bömer. Seufzend machte ich mich auf den Weg. Drei Stunden Herr Bömer konnte nur die reinste Folter werden. Ich nahm mir vor auf dem Weg beim Bäcker einen doppelten Espresso zu besorgen, um irgendwie die Zeit überstehen zu können. Trotzdem war mir klar, dass Herr Bömer uns in Grund und Boden langweilen würde. Und wozu eigentlich?
Was interessiert mich die Amplitude bei einer Sinuskurve die den Verlauf eines sich kontinuierlich öffnenden und schließenden Raumzeitdefektes aufzeigt? Obwohl... Je größer die Amplitude desto größer der Defekt innerhalb der offen Zeitperiode. Und umso mehr Dinger können dann durchkommen.
Verdammt das ist ja doch gar nicht so unwichtig! Und verdammt ich habe ja doch tatsächlich etwas gelernt!

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