18. September 2014
14 / Potzblitz – Kakao – Caesar - Horstleim
Samstag Nachmittag, nachdem ich Freitag zum Duncker laufen durfte ging ich, bewaffnet mit Werkzeug und einem Ersatzschlauch in den Hof um meinem Fahrrad auf den Leib zu rücken. Das ich den Schlauch brauchen wurde hatte ich den Tag vorher schon getestet. Was auch immer meinem Reifen zugestoßen war, es hatte mit einem scharfen Gegenstand und äußerer Gewaltanwendung zu tun. Der Schnitt war fast einen Zentimeter lang und ich rätselte eine volle Minute ob ich eine seltene Art von Insekt überfahren hatte, deren rasiermesserscharfer Chitinpanzer den Schlauch mit ins Jenseits gerissen hatte, bis mir klar wurde, dass es sich bei der zähen klebrigen milchigen Substanz, die den Schnitt umgab um Abdichtungssekret handelte. Tja auch unplattbare Schläuche haben ihr Limit.
"Moin moin, du Trockenfischer."
Horst, oder sollte ich besser Santiago sagen hat gerade seine Nordsee Woche und benimmt sich als hätte er zuviel Kapitän Blaubär gesehen. Alle Gespräche sind voller "Aye!" und "Beim Klabautermann!" und "Potzblitz!" und so.
"Morgen Horst."
Er hatte bisher in seiner Ecke gelegt und gepennt, wobei er gelegentlich schnarchte. Wer noch nie ein Pferd schnarchen gehört hat, hat wirklich was verpasst.
Horst schaute mein auf dem Sattel stehendes Fahrrad kurz an und richtete Ohren auf.
"Entweder hat dein Rad 'ne Panne oder es lasst sich gern den Bauch kraulen."
Ich schaute zu ihm rüber und konnte wieder einmal seine dentale Sammlung bewundern.
"Platten."
Horst nickte, lies die Zähne verschwinden und den Kopf auf den Boden sinken.
Ich packte meine Plastikdinger aus, die man zum Abhebeln des Mantels benutzt und die ich wer weiß wo und wann mal gekauft hatte und wuchtete damit den Schlauch frei. Das Ventil locker geschraubt und den Schlauch rausgezogen, natürlich ohne auf den Mist um den Schnitt herum zu achten, den ich dann auch prompt an den Händen hatte. Ich war versucht es auf meiner Hose abzuwischen, überlegte es mir dann aber wegen des Gestanks und rubbelte sie mir im Gras um den Baum in der Mitte der Hinterhofs ab. Stellte dabei fest, das sich dessen Rinde nachbildete. Im Anschluss warf ich den alten Schlauch beiseite und fummelte die Packung mit dem neuen auf. Ohne gewolltes Eingreifen landete der alte Schlauch kurz vor Horst.
Das beobachtete der aus halbgeschlossenen Augen, während sein Schweif ab und zu herumflog. Wohl um Insekten zu verscheuchen oder so.
"Is'n passiert?" bot Horst einen Gesprächseinstieg an. Trotz unserer quasi Diskofreundschaft war mir gerade so gar nicht nach quatschen. Dementsprechend reagierte ich.
"Keine Ahnung. Platten wie man ja sieht. Woher weiß ich nicht."
Horst nickte weise, warf einen Blick auf den vor ihm liegenden Schlauch und schnaubte.
"Is'n das für zeug, was da rausquillt, beim Klabautermann?"
"Dichtungsmasse."
"Wat?"
"Dichtungsmasse!" wiederholte ich ohne mich umzudrehen.
"Wenn man ein kleines Loch hat tritt das Zeug aus und verklebt die Stelle."
Misstrauisch streckte Horst den Hals und schnupperte.
"Das Zeug stinkt vielleicht, potzblitz" Schnell zog er den Kopf wieder ein.
Darauf gab ich keine Antwort. Was hatte er erwartet? Das der Kram nach Zuckerwatte riechen würde? Das Zeug war nicht ohne Grund im Inneren des Schlauches. Wenn es gut riechen würde, würden es sich Leute unter die Achseln sprühen.
"Wie lange wird das dauern?"
"Solange wie es.. Fuck verdammt!" Beim Reinfummeln des neuen Schlauches war eine der Plastikdinger abgerutscht und der Mantel klemmte mir den Finger ein. Ich riss ihn mit einem saftigen Fluch heraus und rammte ihn mir in den Mund. Die Überreste der Dichtmasse schmeckten wie sie rochen – furchtbar.
"Scheiße!" gab ich spuckend von mir.
"Alter, mach mal halblang, aye?" brummte Horst.
"Ach halt doch den Rand. Wenn etwas Scheiße ist, kann man auch ruhig Scheiße sagen."
"Tschuldigung, reg dich ab."
Ich atmete einmal kurz durch und stopfte weiter grimmig den neuen Schlauch in den Mantel. Riss die Plastikkeile raus und setzte die Luftpumpe an. Rödelte Luft in den Mantel mit allem Hass der mir zur Verfügung stand. Und als ich gerade dachte dass endlich wieder alles cool war schüttete Gott seine Aschenbecher über mir aus.
Also das mit dem Aschenbecher war metaphorisch gemeint dass wir uns da verstehen. Keine Asche auf mein Haupt, jedenfalls nicht im wortwörtlichen Sinn.
Gerade als ich mein Fahrrad wieder auf die Füße stellen wollte fiel mir die Beule im Hinterreifen auf. Eine kurze Untersuchung ergab feine Risse im Mantel wo ich ihn von der Felge gehebelt hatte. Ich überlegte wie alt die Mäntel schon waren und kam auf drei Jahre Minimum. Also musste ich die auch ersetzten, zumindest hinten.
"Shit fuck piss dammed." fuhr ich mein Fahrrad an.
"Jetzt ist aber echt genug man. Hier gibt's Kinder im Haus." Horst hatte den Kopf erhoben und sah mich an. Keine Zähne, kein Klabautermann.
"Horst geh mir nicht auf die Eier!"
Horste legte den Kopf wieder ab, aber jetzt war ich angepisst und lief eh schon auf Hochtouren.
"Dieses Drecksfahrrad. Andauernd flicke ich dran herum und jetzt schau dir diese Scheiße an."
Ich rüttelte an meinem Fahrrad und braune Flocken fielen ab.
"Rost! Das ganze verfluchte Ding rostet wie ein Kupferdach im Dschungel. Und dann die Reifen. Ich bin mir sicher, die waren tiptop als ich dieses Stück Dreck gekauft habe und jetzt..."
Ich stieß den Hinterreifen an und mit rhythmischem Quietschen begrüßten sich Mantelbeulen und linke Bremsbacke bei jeder Umdrehung.
"Und jetzt noch der gottverdammte Mantel! Fuck! Fuckfuckfuckfuckfuck!"
Ich hatte erst mal keine Luft mehr und starrte mein Fahrrad an. Wenn Hass Dinge beleben und Blicke töten konnten hätte es nichts zu lachen gehabt.
"Und jetzt?" fragte Horst und nahm ein paar Blätter des Rhododendrons, von dem vier Stück im Hinterhof hübsch einer in jeder Ecke wachsen zwischen die Lippen.
"Keine Ahnung. Reparieren oder neues kaufen" Vor dem letzteren graute mir. Meine Eierfeile und ich hatten durchaus auch gute Zeiten erlebt. Vor allem als sie noch jünger war. Aber der Zahn der Zeit nagt an uns allen.
"So eine verdamm..." hob ich an.
"Pappappapp." fuhr Horst mir dazwischen.
"Verdammter Kakao?" bot ich nach kurzer Überlegung an und lies damit Horst's Kauleiste erscheinen.
"Na geht doch."
"Jaja." murmelte ich und musste selber grinsen.
"Also was ist dein Plan? Reparieren?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Dann wirst du dir wohl oder übel ein neues kaufen müssen."
Ich nickte seufzend
Horst stand auf.
"Brauchst du eine Mitfahrgelegenheit?"
Aber vorher schmiss ich noch den alten Schlauch in den Müll, brachte mein Werkzeug nach oben, packte mein Portemonnaie ein und dann bestattete ich mein altes Fahrrad nach alter Sitte indem ich es auf die Strasse stellte und einen Zettel "zu verschenken" ranklebte. Ich glaube an die Reinkarnation von Nutzgegenständen. Horst schaute sich das ganze geduldig an, lies sich dann seine Werbedecke auf den Rücken legen und wir ritten los.
Naja trabten los, das Tuch war als Sattel nicht geeignet und weil es ihn beim Sprechen störte hielt Horst nichts von einem Zaumzeug. Also hielt ich mich mit einer Hand an der Mähne fest und achtete darauf weder zu fest zu ziehen noch herunterzufallen.
"Menschenskinder lass das!" brummte Horst nachdem wir an der dritten staunenden Menschenmenge vorbeigeritten waren, denen ich gönnerhaft wie Caesar höchstpersönlich gewinkt hatte.
"Warum denn? Ist doch nur Spaß."
Horst schnaubte.
"Wenn ich gleichzeitig meinen Künstlernamen und dein blödes Rumgehampel auf dem Rücken herumtrage ist das sicher schlecht fürs Geschäft."
Wir diskutierten eine Weile hin und her und einigten uns schließlich darauf, das ich deine Decke wie eine Toga um die Schulter trug und weiterhin würdevoll winkte.
Rumgehampel ja – Imageschaden durch werbewirksam präsentierten Künstlernamen nein.
Kaum das wir den fast leeren Parkplatz vom Radhaus erreichten schlug uns schlechte Technobässe entgegen.
"Maybe one day we 'll be united" quakte eine Frauenstimme.
"One day!" bestätigte ein Mann diese Aussage.
"Oh Gott Marky Mark and the frech bunch. Was ist denn hier los?"
Horst wieherte angewidert.
Ich hatte schon vor einer Weile den 90er Hype bemerkt, ihn aber, da ich bei der Originalzeitepoche dabei gewesen und das meiste davon es in Retrospektive betrachtet echter Schrott war, abgesehen von allem was Nirvana gemacht hat bis auf die Entleibung von Mr. Cobain, versucht zu ignorieren. Jetzt klang jeder zweite Hit aus good old U S of the A nach Eurodance und ich hoffte, dass diese Verwirrung schnell vorbei sein wurde.
Um die Ecke des Radhauses gebogen sahen wir ein Zelt, Zapfanlage, Bierbänke, einen DJ und Gegrilltes in jeder Form, Farbe und Fettstufe. Einige Leute saßen herum, es wurde getrunken, gegessen, geraucht, gelacht. Bierzeltatmosphäre.
"Kann ich dich hier allein lassen? Nicht das du am Ende noch auf dem Grill landest."
"Haha sehr witzig." Horst sah mich gallig an. Mir fiel auf das es immer leichter wurde seine Stimmung zu erkennen. Gallig erkannte man an gesenktem Kopf und angelegten Ohren.
"Leg mir nur die Decke ordentlich auf den Rücken, vielleicht kann ich mir ja paar Bier erarbeiten."
Ich legte meine Toga wieder auf seinen Rücken, strich sie nochmal extra glatt und sah ihm nach wie er Richtung Zapfanlage trottete.
"Guten Tag." sagte die Wand zu meiner Linken kaum das ich das Radhaus betreten hatte. Ich zuckte zusammen und blinzelte erschrocken als ich eine Zahnreihe erblickte. Der Kerl war fast so hoch wie breit und hatte sich wirklich und wahrhaftig in einen Anzug gequetscht. Passenderweise stand auf dem Shirt das er unter dem Anzug trug "Quetscher Security".
"Tag." murmelte ich und lies mich von seinem Lächeln in den Laden treiben. Dort standen Fahrräder in Reih und Glied, leider ohne ein für mich erkennbares System.
Ich drehte ein paar langsame Runden, betastete hier und da ein Preisschild oder einen Lenker und kam mir ansonsten ziemlich hilflos vor.
Zum Glück entdeckte eine der Verkäuferinnen mich und meine Verwirrung und stand mir zur Seite, so dass ich keine 20 Minuten später ein Rad gefunden hatte.
An der Kasse gab man mir dann noch zu verstehen, dass heute 20jahriges wäre und ich somit 20 Prozent Rabatt erhalten würde. Was die Ursache der Musik aus Gründerzeiten draußen war.
Horst hatte 3 Bier getrunken und schwankte etwas auf der Heimreise. Ich radelte mit meinem neuen Supermodel von Fahrrad wie der Wind, das Leichtgewicht zwischen meinen Beinen kein Vergleich zu dem Stahlungetüm davor. Neben mir galoppierte Horst und atmete schwer.
"Alter... machmal... halblang." keuchte er.
„Machst du schon schlapp? Dann kann ich mir demnächst Horstleim kaufen wa?“ Ich trat noch etwas schneller in die Pedale, fassungslos über die Leichtigkeit, mit der mein Rad den Asphalt unter mir Meter für Meter fraß. Horst schaltete schnaufend einen Gang höher. Sein Hufe donnerten neben mir her.
"Mir kommt gleich..." fing er an und übergab sich. Meine Bremsen fraßen sich fest und so schnell ich konnte war ich neben ihm, beschleunigt unter andere auch durch einen hohen Anteil an Selbstvorwürfen. Was hatte ich ihn auch so gehetzt.
„Alles klar?“ Horst nickte nur und hustete. Dann kam der nächste Schwall.
Und während ich da stand und seine Mähne hielt sah ich zu meinem neuen Fahrrad rüber, das da mattschwarz in der Sonne stand und mir wurde klar, dass ich mich auf meine alten Tage neu verliebt hatte.
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