Oh Gott die Batterien in meinem Taschenrechner sind alle. Wenn jetzt die Dimensionen brechen sind wir alle verloren.
Ich hatte diese Woche die nächste Ladung Survivalkurs. Glücklicherweise wieder reine Theorie, die erste Hilfe Maßnahme wurde auf den November verbannt. Und wieder wurden wir mit Formeln und Berechnungen bombardiert.
Dimensionstunnel und deren Energiehaushalt, die in Meter pro Sekunde zum Quadrat berechnet wird. Daraus resultierende Vektoren, die mich den Austrittspunkt der jeweilig durchbrechenden Dimensionsbewohner berechnen lassen. Der Austrittspunkt wiederum kann dann zwischen wenigen Zentimetern bis zu mehreren Kilometern Entfernung haben, je nach Durchmesser und eben Enegieeinheit in Meter pro Quadratsekunde. Und dann ist da noch die Winkelbeschleunigung oder auch Eigenrotation der Tunnel. Dadurch wird aus Quadratsekunde plötzlich Kubiksekunde und das ist eine transportable Einheit, die aus dem wo ein wann macht.

Zeitreise, Himmel Herrgott nochmal - echte reale Zeitreise. Das einzige was nicht berechnet werden muss sind die Bewohner der Dimension, sollte es sich dabei um eine der bekannten acht Dimensionen halte, die man am Geruch auseinander halten kann. Die Höllendimension riecht nach Himbeeren, was keinen Sinn ergibt aber die Dimension einen Scheiß interessiert. Aber sollte sich jemand aus der Höllendimension hierher verirren, mochte man sehr genau wissen wo und wann derjenige ankommt. Die Höllendimension ist eine de ersten die entdeckt wurden und deren Bewohner haben das allgemeine Bild von Dämonen geprägt. Was der Name Höllendimension ja bereits andeutet. Diese Wesen sind ewig und vergessen nichts. Außerdem sollen sie nachtragend sein.
Und das alles soll ich mit meinem armen Taschenrechner aus der Schulzeit berechnen. Wenn doch nur das Licht im Hotelzimmer etwas besser wäre könnte ich die Solarzellen benutzen aber so starre ich auf verschwindend blasse Zahlen und bete das die Batterien genügend Saft haben, um den nächsten Rechenschritt noch durchzustehen.
Es ist fast Mitternacht und wenn jetzt die Dimensionen durchbrechen kann ich für unser Überleben nicht garantieren.

Okay, vielleicht bin ich letzte Nacht etwas durchgedreht. Aber ich hatte auch den vollen Systemoverload von all den Informationen, die mir tagsüber verpasst wurden. Kein Wunder das man da abdreht. Dafür war der Tag heute umso entspannter. Herr Vogel faxte wieder einen vom Weltuntergang vor und reagierte überenthusiastisch auf jede richtige Antwort auf eine Frage. Er unterschied dabei auch nicht zwischen "Welche Energiesignatur ist nötig um einen singularen Potenzkreis zu durchdringen?" und "Welches Körperteil der Dimension 4 lebenden Wesen ist besonders anfällig für kinetische Impulse?". Das waren für ihn nur geringfügige Nuancen. Beide Fragen wurden von ihm soziologisch gleichgestellt, obwohl im ersteren Fall das Invasieren einer feindlich gesonnen Dimension ermöglicht während das zweite die Antwort auf das letztmögliche Abwehrmittel gegen Dimension 4 ist, bevor eines der Wesen einen in Stücke reißt. Aber Herr Vogel hält bei den Fragen viel von Demokratie – alle sind gleichgestellt.
Und irgendwie schafft es Herr Vogel, Spaß in die Sache reinzubringen. Mit ihm wird der mögliche Weltuntergang witzig, wenn er akustisch mit Zischen und Knallen unterstützt die Wirkungsweise der Apokalypse darstellt und mit einer sardonisch erhobenen Augenbraue auf die Auswirkungen der T-Strahlen aus der n-ten Dimension hinweist, die zwar noch unentdeckt sind aber theoretisch existieren und die bekannte Atomstruktur unserer Dimension auseinanderreißen können "Aber nur einmal, also alles halb so wild!".
Destruction at it's best.

Auf Arbeit war auch alles mehr oder weniger normal. Chef schreit, Tochter schmollt und ich schufte. Ach und die Paranoia meines Chefs hat sich seit dem Schamanenbesuch noch verstärkt. Jeder hereinkommende Kunde muss sich erst mal mustern lassen. Wenn er dann an der Kasse von mir bedient wird sitzt mein Chef im Hintergrund herum und stiert jeden einzelnen schweigend an. Fast wie Igor nur auffälliger und noch schlechter gekleidet. Seine Tochter räumte derweilen diese Woche zwei okkulte Regale aus und tauschte die Bücher gegen Yogaanleitungen und „I make you sexy“-Bücher aus, ohne dass er dagegen protestierte. Wahrscheinlich hat er es gar nicht bemerkt. Das Aufstocken der für die breite Masse zugänglichen Bücher ist zwar gut fürs Geschäft aber wenn wir einer dieser Thalia oder Weltbild Läden werden bin ich weg. Darauf habe ich keinen Bock. Ohne das okkulte – was soll man da mit Büchern?

Das Zentralarchiv ist inzwischen wieder offen und Anfang der Woche konnte ich Marla und unvermeidlicherweise auch Igor einen Besuch abstatten. Ich sagte meinem Chef einfach, dass ich etwas nachsehen müsste und er nickte nur ohne den Blick von einem einsamen Kunden in enganliegenden Radlershorts und passendem Top zu nehmen. Beides in blau orange. Und er trug einen stromlinienförmigen Helm neben verspiegelter halbrunder Sonnenbrille obwohl es draußen bewölkt war. Der Radfahrer, nicht mein Chef. War wohl ein Look oder so. Und er war Linksträger, daran lies die Shorts keinen Zweifel.
„Hallo.“
Marla begrüßte mich etwas unterkühlt und sah kaum vom Schreibtisch auf. Darauf und darunter lag Endlospapier in logischerweise endlosen Wellen. Ich trat etwas näher um zu sehen was das war.
„Was ist das?“
Marla seufzte und warf den Stift in ihrer rechten auf den Stapel Papier.
„Inventurliste. Wir müssen das ganze Lager überprüfen. Anweisung von ganz oben.“
„Alles?“ fragte ich Marla.
Sie sah auf und ihre Augenbrauen wanderten nach unten und aufeinander zu als sie die Stirn runzelte.
„Ja alles.“
Eine kleine Pause entstand, dann nahmen ihre Augenbrauen wieder den gewohnten Platz ein, die linke etwas höher als die rechte und sie seufzte.
„Tut mir leid, es ist nur...“ Sie warf die Hände in die Luft „Du kannst dir gar nicht vorstellen wie viel Arbeit das ist.“
„Tut mir leid.“ sagte ich und erhielt als Belohnung ein kleines Lächeln.
„Danke.“ Sie richtete sich etwas auf und drehte sich mir zu.
„Was kann ich für dich tun?“
Ich öffnete den Mund, lies ihn offen und wartete ab.
Marla sah mich an und runzelte wieder die Stirn.
„Entschuldige ich warte nur auf...“ Wieder machte ich eine Pause.
„Was ist denn los?“ fragte Marla
Ich schüttelte den Kopf.
„Ist Igor nicht da? Normalerweise...“
„Hallo Frrrank.“ räusperte sich jemand direkt in mein Ohr und lies mich zusammenzucken.
Ich wirbelte herum und blickte in Igors Metallicgrinsen.
„Verdammt Igor, lass das verflucht nochmal. Echt jetzt. Meine Fresse!“
Grinsend zog er sich zurück, leicht vornübergebeugt, ganz demütiger Diener. Nur seien Augen versprachen, dass wir das Ende unserer gemeinsamen Reise noch nicht erreicht hatten.
„Verflucht!“ murmelte ich und drehte mich wieder zu Marla um. Die hatte die Arme verschränkt und sah mich erwartungsvoll an.
Ich versuchte meine Gedanken zu ordnen und fand den Anschluss wieder.
„Ach so was ich hier will? Eigentlich nichts, nur mal nach dem Rechten sehen. Nach dir und … Igor.“
Marlas Mund zog sich zusammen.
„Das ist zwar nett aber passt mir gerade gar nicht. Wie gesagt mir quillt die Arbeit aus den Ohren und ehrlich gesagt weiß weiß gar nicht wo ich anfangen soll.“
Irgendwie hatte ich es geschafft Marla zu verärgern, aber ich konnte beim besten Willen nicht sagen womit. Aber das „ehrlich gesagt“ warf einen zu großen Schatten um ihn zu übersehen. Doch so einfach wollte ich nicht aufgeben. Die Welt gehört den Mutigen, oder?
„Das macht nicht. Ich kann ja wiederkommen wenn du mehr Zeit..“
„Das wird eine Weile dauern. Ich habe hier wirklich viel zu tun.“ Sie nahm den Stift wieder auf und griff sich den darunterliegenden Stapel Endlospapier.
Die Welt mag vielleicht den Mutigen gehören, aber dass kann nur ein Zufall sein.
Eine Pause entstand, die sich ausdehnte. Unbehagen stupste mich an, als es sich zwischen uns drängelte.
„Ist okay,“ stieß ich aus als das Unbehagen schließlich begann sich entspannt an mich zu kuscheln. Mehr konnte ich einfach nicht ertragen.
„Ist vielleicht auch gut so wenn wir uns eine Weile nicht sehen. Die sexuelle Spannung war ja kaum noch auszuhalten.“ hörte ich mich sagen.
Ein Teil meines gesunden Menschenverstandes bemerkte die Abwesenheit von Humor, ein anderer Teil fragt ob ich total bescheuert war und ein dritter Teil befahl den beiden anderen das Maul zu halten und beugte sich neugierig vor.
Marla drehte sich langsam zu mir um, das Gesicht ausdruckslos und öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ich wartete nicht darauf was sie mir mitteilen wollte. Ihr Gesicht sagte mir alles. Ein bescheuertes Grinsen aufsetzend hastete ich nach draußen.

Wenigstens war gestern ein richtig angenehmer Tag. Kaum Kunden, schönes mildes Wetter und die Tochter meines Chefs war nicht im Laden. Mittags konnte ich trotzdem meinen stierenden Chef nicht ertragen, ging nach nebenan zur Back Factory und holte mir da ein Ciabatta mit Mozzarella und Tomate. Die packen da einen Klecks Pesto mit rein und dann das ganze warm – ein Gedicht. Nur eine Sache frage ich mich: heißt es jetzt „ich ging zu Back Factory“ oder „ich ging zur Back Factory“. In Zeiten der Anglisierung habe ich so meine Probleme zu unterscheiden, wann etwas Eigenname und wann Geschäftsbeschreibung ist. Mit anderen Worten ist die Factory eine Factory oder nur ein Name? Ich kann die Frage beim besten willen nicht beantworten.
Um die Milchreis-Knusperstangen machte ich eine großen Bogen. Die habe ich früher gern gegessen bevor ich mich mal informierte und feststellte, dass diese kleinen Dinger von der Größe einer Zahnpastatube knackige 260 kcal haben. Und ja ich informiere mich über die Kalorien von meinem Essen. Willkommen im 21. Jahrhundert Jungs.
Nur ein paar Minuten Fußweg entfernt haben wir ein paar Bänke an schön einbetonierten Grünflächen und dort nahm ich mein Caibatta zu mir. Aus dem Augenwinkel sah ich etwas rosanes im grünen Gras liegen, etwas so groß wie ein Kassette. Für die jüngeren von euch – eine Kassette ist der Großvater der CD und der Neandertaler des MP3. Auf dem rosa Ding stand „Puffy the eye bag slayer“ was ich mit einiger Mühe entziffern aber in keinen vernünftigen Kontext bringen konnte. Also beuge ich mich rüber und hob das Ding auf, als mein Essen meinem Verdauungsapparat zugeführt war.

Puffy, um den Name jetzt mal abzukürzen, bestand aus imprägnierten Kartonpapier und hatte einmal, wie mir die Rückseite auf englisch mitteilte eine Art Augenmaske enthalten, die gegen müde Augen helfen sollte. Doch was zur Hölle sollte „Puffy the eye bag slayer“ bedeuten?
Laut dem Rückentext sind die bloodcurdling screams, also markerschüttenden Schreie die junge Damen von sich geben wenn sie von einem Vampir gebissen werden, in etwas dieselben Schreie wenn sie nach einer durchfeierten Nacht in den Spiegel schauen und ihre blutunterlaufenen aufgequollenen Augen sehen. Der Text war sich noch nicht einmal zu blöd darauf hinzuweisen, dass derartige Damen wohl 'have bitten more off than they can chew' – Vampirkalauer steuerbord voraus – harharhar. Und genau diese jungen Damen hatten wohl offenbar laut dem Text schon immer den Wunsch nach einem Produkt um sie weniger untot aussehen zu lassen.
Und da klickte es in meinem Hirn. Irgendein super smarter Werbefachmann hatte also festgestellt dass alle normalen und gängigen Namen für Augenpflegeprodukte schon vergeben waren und sich dann den Name „Puffy“ anhand von blutunterlaufenen Augen, untotem Aussehen, Vampiren und jungen Damen aus den Fingern gezogen, nachdem er ihn an „Buffy the Vampire Slayer“ angelehnt hatte. Ich konnte den kreativen Kopf hinter dieser jeder Vernunft widersprechende Logig direkt vor mir sehen. Schicke Frisur und mit Vollbart fährt er sicherlich im kompletten Anzug auf seinem Skateboard jeden morgen zur Arbeit wie in der verdammten Werbung.
Brave new world.