Heute war kein guter Tag. Das Ganze fing eigentlich schon gestern an, als mir mein Chef eröffnete, Angesichts der wie er es nannte "bedrohlichen Umstände" den Laden versichern zu lassen. Was im Klartext bedeutete, dass heute ein Schamane bei uns war, nicht Kia, die hätte ich sicherlich wiedererkannt, um in unserem Laden Bannflüche auszusprechen und diverse Chakrabarrieren einzurichten. Das erforderte einige Vorbereitungen und leider war ich das ausführende Organ bei diesem Vorhaben.


Also hieß es gestern Nachmittag Regale voller Bücher in Folie einzuwickeln um sie vor Verschmutzungen zu bewahren, denn mein Chef war sich sehr sicher, dass geköpfte Hühner und dergleichen bei einem schamanischen Ritual unbedingt dazugehören würden. Alle Abstellflächen waren von zu Büchern befreien, die in Kartons verpackt und ordentlich beschriftet im Lager landeten, soviel wie möglich Platz zu schaffen und so weiter und so fort. Leider geht mein Chef in seiner Rolle als ebendieser soweit auf, dass er inzwischen eine schwere Allergie gegen körperliche Arbeit entwickelt hat. Kommt offenbar mit der Tätigkeit des Steuermanns Hand in Hand. Es ist aber auch ein Anblick zum erbarmen, wenn er mal etwas anderes tut als in seinem Büro zu sitzen und Zahlenkolonnen aufs Papier zu bringen sieht er schnell aus wie ein Fisch auf dem trocknen. Nur ein paar Minuten körperlicher Ertüchtigung und er schnappt nach Luft, die Augen treten aus seinem Schädel hervor, er läuft im Gesicht rot an und bekommt Gleichgewichtsstörungen. Hyperallergisch, ganz klarer Fall. Und scheint erblich zu sein, denn auch seine Tochter ist erheblich besser darin Arbeit zu überwachen als tatsächlich zu erledigen.
Gegen Feierabend hatte ich dann alles verstaut als mein Chef auf mich zukam und mir eröffnete, dass ich heute die Stellung halten würde, während er den Schamanen im Auge behalten wollte.
„Man kann denen nicht trauen!“ schnaufte er. Neben ihm stand eine halbvolle Kiste in der er zuvor unter Einsatz seines Lebens zwei Bücher eigenhändig reingepackt hatte.
„Den Schamanen.“ Ich versuchte gar nicht erst es wie eine Frage klingen zu lassen, die Antwort lag ja auf der Hand. Für jemanden der einen teilokkulte Buchladen betriebt ist mein Chef gegenüber allem irgendwie magischem sehr skeptisch. Was irgendwie paradox ist.
Er schaute mich aus glänzenden Augen an.
„Ja! Genau denen. Einmal nicht aufgepasst und zack...“
Das offene Ende des Satzes drohte mir angriffslustig, ehe es sich nach wenigen Sekunden umdrehte und wegging. Aber nicht ohne mich über die Schulter nochmal anzufunkeln.
Ich seufzte.
„Zack! Klar Chef.“
Feuchtkalte Hände, die im absoluten Gegensatz zum geröteten Gesicht standen packten meine Schultern. Ein Tropfen hing an seiner Nase ohne herunterzufallen.
„Ich halt hier die Augen auf und du fängst unsere Kunden ab.“
Ich rollte innerlich mit den Augen.
„Abfangen? Wie denn das?“
Er grinste mich an.
„Wir bauen vor der Tür einen kleinen Stand auf, mit Tresen und Bonbons und Luftballons. Als Ankündigung der Renovierung sozusagen.“
„Reicht da nicht ein Schild: „Wegen Renovierung heute geschlossen“?
Augen wurden aufgerissen und Hände drückten meine Schultern fester.
„Bei der Wirtschaftslage? Nie im leben. Jeder verärgerte Kunde ist ein verlorener Kunde. Und mit den ganzen Buchläden in der Umgebung sind wir Ratzfatz pleite.“
Mein Chef hat nur vor einer Sache mehr Angst als Magie - finanzieller Ruin. Seine Alpträume müssen Steuereinheiten, Rückzahlungen und leere Konten beinhalten.
Ich seufzte erneut, ich konnte einfach nichts dagegen tun.
„Wir räumen einen der Tische raus und legen ein paar der Top Ten Paperback drauf. Dann noch die Kasse, Luftballons und Bonbons besorge ich.“ Er war ganz Feuer und Flamme, ich dagegen nur Resistent und Resigniert.
„Und was ist mit mir?“ Die Frage gehörte zu Chefs Tochter. Die hat eigentlich auch einen Namen, der aber hinter ihrem Bestreben, sich wie die Tochter eines Chefs zu verhalten, zurückstand.
Mein Chef lies mich los, was ich mit Wohlwollen hinnahm. Er drehte sich zu ihr um und verlor dabei den Nasentropfen. Seine Krawatte nahm ihn auf.
„Was soll mit dir sein?“
„Was ist mit mir? Mit meinen Büchern?“
Mehr große Augen, diesmal auf ein anderes Objekt als mich gerichtet.
„Was?“
Sie stöhnte auf, warf die Hände in die Luft und verdrehte die Augen.
„Man Papa, wie kann man denn so blöd sein? Meine Bücher kommen morgen auch mit raus, klar?“
Meinem Chef entfuhr ein hoher Laut, der Entsetzen, Verwirrung und noch mehr Entsetzen bedeutet.

Dummerweise war das alles, was er als Gegenargument ins Feld führte und deswegen stand ich heute morgen mit Okkulten zu meiner linken und veganen Kochbuchern zu meiner rechten unter einer Traube aus Luftballons vor dem laden. Die Luftballons waren am Tresen festgemacht, an dem ich mich festhielt und der von einer Schale Bonbons gekrönt wurde. Diese waren trotz meiner vorgebrachten Argumentationskette, die bei Hygiene begann, über Klebrigkeit von teilflüssigen Oberflächen bis hin zu Geschmacksvermischungen, die entgegen der Vorstellung eben nicht besser als die Summe ihrer Teile werden konnte ging, unverpackt. Mein Chef, seine Tochter und der Schamane kamen eine Stunde nach mir, die ersteren trugen Kaffeebecher, der letztere einen Kopfschmuck aus Federn und Perlen und alle drei betraten den Laden. Keiner hatte ein Huhn dabei wie ich feststellen konnte. Im Laden war der Schamane alsbald mit Singen und Tanzen beschäftigt, mein Chef und seine Tochter waren aufmerksames Publikum. Ich wartete derweilen draußen auf Kundschaft.

Muss ich eigentlich erwähnen, dass dank warmem Wetters und Sonnenschein der Laden heute nicht brummte. Das tat nur der Schamane während er mit einem Federbüschel die Regal abstaubte. Von den wenigen Kunden die kamen nahm sich niemand einen Bonbon, die im Laufe der Stunden zu einem halbrunden Ball mit zentimeterweise wechselnden Geschmack wurden, aber einige der Ballons wurde ich los.
Die wenigen Kunden die kamen hatten etwas, dass ich gern Freitagsfieber nenne.
Einer konnte ums verrecken nicht begreifen, dass seine Lieferung heute nicht abgeholt werden konnte. Nach 10 Minuten Diskussion gab ich schließlich auf, nahm haptische Mittel zu Hilfe und rüttelte demonstrativ an der verschlossenen Tür um zu verdeutlichen, was ich ihm verbal einzutrichtern versuchte: heute war geschlossen. Brummen zog er ab, nahm nicht mal einen Luftballon mit.
Ein ältere Dame brauchte den mehrfachen Gebrauch des Wortes „NEIN“ bis sie verstand, dass ich nicht ein mobiler Schlüsseldienst war und egal ob Schlüsseldienst oder nicht auch weder über die Werkzeuge, noch die Möglichkeiten geschweige den den Antrieb verfügte ihr den verklemmten Ohrring durch zuknipsen. Das am Ohrring dranhängende Ohr war blutverkrustet und stark entzündet. Auf meinen Hinweis doch damit am besten zu einem Arzt zu gehen meinte sie noch als abschließenden Kommentar: „Das verstehen Sie also unter Kundendienst!“ und ging verschnupft von dannen.
Doch der Knaller war Jugendlicher im Körper eines Bodybuilders, der mir körperliche Deformierung androhte, wenn er sein Buch nicht zurückgeben könne. Er wäre unlesbar.
„Ich will mein Geld zurück du Spasti!“
„Du möchtest.“ murmelte die Verkörperung sämtlicher Stereotypen im Bezug auf das weibliche Geschlecht neben ihm. Ihre Finger huschten über das Tastenfeld ihres Smartphones.
„WAT?!“ brüllte er sie an.
Sie sah auf.
„Du möchtest. Man sagt nicht 'ich will', man sagt 'ich möchte'.“
Ich schloss die Augen, in der Erwartung gleich von herumfliegenden Überresten getroffen zu werden, wenn er explodieren oder sie in Einzelteile zerlegen würde.
„ICH MÖCHTE ABER NICHT - ICH WILL MEINE KOHLE ZURÜCK!“
Ich gab ihm, um meine körperliche Unversehrtheit besorgt so höflich wie möglich zu verstehen, dass man Mangas von hinten nach vorne lesen müsse und er sah das nach kurzer Demonstration auch ein.
Der sanfte Klaps auf den Rücken warf mich trotzdem über den Tresen.

Als ich endlich den Tag hinter mir hatte erwartete mich der final Knockout - Hinterreifen platt. Also Rad auf die Schulter und ab in die Tram.
Und dort traf ich auf einen der Leute, die mir richtig auf den Sack gehen. Nach nur zwei Haltestellen war die Tram ziemlich voll und ich natürlich im Weg. Klar so ein Rad nimmt eben fett Platz weg.
Und dann fragte so ein Schlauberger "Zu faul zu fahren was?" Das allein bringt mich nicht aus der Ruhe, aber der Kerl sagte das nicht zu mir. Er blöckte es in den Wagen hinein, quasi an mir vorbei aber darauf bedacht es laut genug zu sagen, damit ich es auch ja höre. Es ging nicht um Konversation oder ein Gespräch, das war nichts anderes als die Kommentare unter Youtube Videos. Niemand will dass daraus ein Gespräch entsteht, man will nur seine (nach der eigenen Vorstellung oft auch extrem lustig) Meinung kundtun.
Ich hielt die Luft an und keine 10 Sekunden nach dem verbalen Durchfall schielte ein Banker Mitte Vierzig unauffällig in meine Richtung um die Wirkung seiner Punchline zu überprüfen. Ich grinste ihm an.
„Ich kann's dir gern über'n Schädel ziehen, damit du den Platten besser sehen kannst.“ Gab ich zurück. Damit war sein Bedarf an Interaktion gedeckt und ich konnte die restliche Fahrt in grimmiger Verdrossenheit verbringen.

Im Späti eroberte ich mir gerade noch zwei kühle Schwarzbier um mit mir selber auf das Ende dieses Arbeitstages anzustoßen, als ich Zeuge von elementarer Sozialkunde wurde.
„Ich will eine Ü-Ei!“ plärrte ein etwa dreijähriger im Kinderwagen.
„Du willst nicht - du möchtest.“ erwiderte die Mutter.
„Ich möchte ein Ü-Ei.“ intonierte der Dreijährige brav.
Gut zu wissen dass mache Regel universell gelten.