Mir ist etwas schräges passiert. Und ich bin mir bewußt, dass es Angesichts eines sprechenden Pferdes, zeitreisender Mädchen, dimensionalem Survivalskurs und dergleichen schwer ist schräg neu zu definieren. Laßt es mich versuchen.


Ich musste heute von Arbeit aus nach Pankow zum Rathaus. Der dortige Kurator glaubte über eines der seltenes Exemplar von Idignari Chorioidea gestolpert zu sein, ein Buch, dass man normal nicht lesen kann weil die Buchstaben vor den Augen verschwimmen. Es ist eine spezielle Technik notwendig, bei der über Jahre gelernt wird Dinge auserhalb des eigentlichen Fokus der Augen erkennen zu können. Sehen können wir alle auch Dinge die sich nicht direkt im Fokus befinden, doch ohne Training sind sie verschwommen und gerade Geschriebenes bleibt klein und unleserlich. Man muss quasi um die Ecke lesen lernen. Zudem ist eine spezielle Augenoperation möglich, die man heutzutage glücklicherweise mit einem Laserskalpel, einer örtlichen Betäubung und etwas Voodoo, wobei ein kopfloses Huhn eine große Rolle spielt, in wenigen Minuten durchführen kann. Das ganze entpuppte sich als simple Verwechslung, der Kurator hatte einfach morgens die schwächere Lesebrille seiner Frau gegriffen ohne es zu bemerken. In seiner Aufregung über den einmaligen Fund und aus Angst jemand könnte ihm die Lorbeeren wegnehmen hatte er niemanden um eine zweite Meinung gefragt. Das angeblich rare Exemplar war ein alter Mark Twain Roman, gebunden in Leder und in schlechtem Zustand.

Mein Weg wurde mir von Google Maps als knappe zehn Kilometer lang beschrieben, runter bis zum Frankfurter Allee, dann rechts hoch die Pettenkofer Straße an der S-Bahn entlang, die Storkower Straße Richtung Pankow und schwupp wäre ich da.
Also klemmte ich mir mein Fahrrad zwischen die Beine und radelte los. Die Sonne versteckte sich hinter dünnen Wolkenbanken, es waren angenehme 18 Grad und die motorisierten Verkehrsteilnehmer versuchte mich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu überfahren.
Ich kam gut voran, war innerhalb von Minuten bei der Frankfurter Allee, schaffte es einen halbblinden Rechtsabbieger mit eindringlichen Klingeln von meiner Anwesenheit zu überzeugen und fuhr zügig weiter.
Aber irgendwo auf dem Weg zur Storkower Strasse ging ich verloren.

Ich bog in Richtung Pankow ab, soweit war ich mir noch sicher. An einer der nächsten Kreuzungen hielt ich an, lies den Kompass in meinem Kopf die Richtung entscheiden und fuhr in einen Park, über Schotter vorbei an Bänken und Hecken. Kurz darauf wurden die Bäume um mich immer dichter und die darunterliegenden Schatten immer dunkler. Innerhalb weniger Minuten war ich von wild verwuchertem Wald umringt. Der Schotterweg war zu einem festgetretenem schmalen Pfad geworden und hörte irgendwann komplett auf zu existieren. Es wurde heißer und heißer, so dass ich anhalten und meine Jacke ausziehen musste. Insekten schwirrten um mich herum und stürzten sich auf meine Arme, kaum das ich sie von der feuchten Jacke befreit hatte. Alles um mich bestand plötzlich nur noch aus schwarz und dunkelgrün. Langsam schob ich mein Fahrrad weiter und suchte nach einem Straßenschild um mich zu orientieren, die lauter werdende Stimme in meinem Hinterkopf ignorierend, die darauf hinwies, dass es im Wald meist keine Straßenschilder gibt. Geräusche umgaben mich von allen Seiten, Geschnatter, Knacken und Krachen, Kreischen und über allem ein ansteigendes Dröhnen, monoton und Knochen erschütternd tief. Es durchdrang mich, zog mich an und sties mich gleichzeitig wieder ab.
Ich kämpfte nicht gegen den Sog an. Wie ich schon Tod gesagt hatte: ich bin neugierig. Und ich musste sehen, was ein derartiges Geräusch machte. Also hielt ich auf die Quelle des Dröhnens zu bis es vor mir etwas lichter wurde und ich etwas Helles durch die Bäume schimmern sah.

Das Helle war ein Wal, ein weißer Wal um genauer zu sein. Er lag auf der Seite und purpurnes Blut quoll aus seiner Seite. Einige Bäume um ihn herum waren umgeknickt und zerborsten, als wäre er mitten hinein gefallen. Sein Leib dehnte sich als er Luft holte und in einem dröhnenden Brüllen wieder aussties. Frisches Blut drang aus der Wunde. Die heilen Bäume um ihn herum bewegten sich leise raschelnd auf ihn zu, kreisten ihn sozusagen ein. Sie zogen tiefe Furchen durch den dunklen Boden und Blätter rieselten herab. Die Furchen gaben einen widerlichen, bitteren Geruch ab, als ob der Boden darunter alt und verrottet wäre. Doch sie sleber wirkten ganz und gar nicht bedrohlich. Es sah aus, als wollten sie dem Wal hochhelfen. Seine Wunde sah tief aus. Erneut atmete er ein, hob die Flossen, lies sie auf den Boden klatsch und ich schwöre, dass er fast einen Meter in die luft stieg. Im nächsten Augenblick stöhnte er auf und fiel er wieder herunter, lies wieder dieses dumpfe brummenden Dröhnen hören. Ohne jemals so etwas oder etwas ähnliches gehört zu haben erkannte ich den Schmerz und die Frustration darin. Und seine Angst.
Die Bäume reckten sich über ihm und Schlingpflanzen schlängelten sich um seinen Leib, tasteten vorsichtig die Wunde ab und dann begann sich die ganze Gruppe mit dem Wal in ihrer Mitte zu bewegen. Sie drängten nach links, weg von der Lichtung, die er gerissen hatte.

Und genau da bemerkte ich den Mann, der nur wenige Meter entfernt im Baum hockte. Er war in Leder gekleidet, seine Gesichtszüge entfernt asiatisch und stützte sich auf einen Speer. Auch er sah den Wal an, beachtete mich nicht, hatte mich offenbar noch nicht einmal bemerkt. Ich wollte ihn rufen, da richtete er sich auf, sprang vom Baum herunter und folgte dem Wal. Kurz darauf war er vom Wald verschluckt.

Über mir war schon die ganze Zeit ein leises konstantes Brummen gewesen, dass ich bisher nicht beachtet hatte. Das wurde lauter und ein Schiffsrumpf tauchte zwischen den tiefhängenden Wolken auf. Es war riesig, so groß, dass ich nur einen Teil davon sehen konnte. Das Brummen kam von ihm, es durchdrang mich und lies meine Zähne klappern. Raue Stimmen schrien Befehle und summend sank das Schiff noch tiefer bis es die Baumwipfel erreichte. Knacken begleitete es als es noch weiter heruntersank und dabei die Bäume unter sich beiseite drückte. Plötzlich wurde ein kurzer Laut gebrüllt, dann nochmal und nochmal. Das Schiff blieb stehen und an der unterseite öfnette sich eine Luke. Daraus wurde ein langer Stab herausgeschoben und richtete sich auf mich. Auch ohne zwei und zwei zusammenzuzählen hatte ich eine Idee, was da gerade passierte und raste los. Hinter mir zischte es einmal, hoch und verflucht laut, dann wurden weitere Worte gebrüllt.
Ich erkenne ein „FUCK!“ wenn ich es höre, unabhängig von der Sprache. Das war eins.
Wild durch das knietiefe Gestrüpp stolpernd, schob ich mein Fahrrad halb und trug es halb. Hinter mir wurde das Brummen allmälig leiser aber ich verlangsamte meine Schritte nicht.
Irgendwann bekam ich Seitestechen.
Irgendwann bemerkte ich, dass ich auf Grass lief.
Irgendwann fielen mir die verwirrten Blicke auf, mit denen man mich ansah. Da hielt ich endlich an und sah mich um. Hinter mir war Park. Ganz am anderen Ende, nicht einmal einen Kilometer entfernd sah ich die Kreuzung.

Und jetzt sitze ich hier und starre auf einen abgebrochenen Zweig. Er steckte in meinem Gepäckträger, ich bemerkte ihn erst als ich in Pankow ankam. Der Kurator lies sich erst meinen Ausweis zeigen, um sicher zu gehen, dass ich auch wirklich ich war. Mein Äußeres sah ziemlich ramponiert aus. Mir war es egal, ich war froh angekommen zu sein.
Ich sehe auf den Zweig und weiß nicht was ich denken soll. Er hat drei purpurne Spritzer.