Ein Rumpeln in meinem Flur weckte mich Sonntag morgen. Ich war am Abend vorher im Duncker gewesen und damit deffinierte sich der "morgen" eher als "nachmittag", je nach standpunkt. Nach meinem Standpunkt war es "morgen", besser gesagt "früher morgen" und ich war auf keinen Fall gewillt nachzusehen was los war. Höchstwahrscheinlich nur die Nachbarn. Mein Flur ist so hellhörig dass es sich bei geöffneter Wohnzimmertür schwer zu unterscheiden lässt, ob bei mir oder meinem Nachbarn geklingelt wird. Also dachte ich mir nicht dabei und versank gerade wieder in Morpheus Armen als mich mein Orientierungssinn hartnackig darauf hinwies, dass das zu hörende gedämpfte Fluchen aus meinem Flur, der hinter meiner Schlafzimmertür, also keine 3 Meter von meinem Bett, meiner derzeitigen Position kommen würde. Seufzend schlug ich Augen auf und Bettdecke beiseite um nachzusehen was da los war.
Im Flur lag ein Mädchen in einer unmoglichen Position halb auf dem Kopf und halb an eine Flurwand gelehnt. Mein Flur ist nur knapp über einen Meter breit und sie hatte es geschafft irgendwie quer zwischen den beiden Wänden zu liegen zu kommen. Wie, war mir schleierhaft.
Sie hatte ihren Kopf so verdreht, dass ihr Kinn auf der Brust ruhte und beides verkehrt herum lag, sie also von ihrem eigenen Gewicht in dieser Position gefangen war. Zudem steckte ihr linkes Bein in dem Hula Hoop Reifen, besser gesagt das meiste ihres Beines steckte noch im Hula Hoop und der wiederum hing noch an der Garderobe. Da hatte ich ihn persönlich hingehängt.
Sie schnaufte wenig damenhaft und versuchte das Bein aus dem Reifen zu bekommen, aber der hielt seine Beute fest. Leise vor sich hinmurmelnd verfluchte sie abwechselnd den Reifen, mich, jemanden namens Tharo und mich. Das zweit- und letztgenannter anwesend waren hatte sie noch gar nicht bemerkt.
Das es sich hier um die Besitzerin des Hula Hoops handelte stand ausser Frage. Zwar waren ihre Haare inzwischen blau aber das Gesicht war unverkennbar. Sie trug wieder ein gepunktetes Kleid und eine dazu passende Strumpfhose, Blickdicht was ihr trotz ihrer misslichen Lage, verrutschtem Rock und der Gefangennahme ihres Beines weitere Peinlichkeiten ersparte. Kleid und Strumpfhose waren schwarz mit weissen Punkten. Das gab einen ganz hübschen Kontrast zu den blauen Haaren und dem roten Gesicht.
„Na sieh mal einer an.“
Etwas Schlaueres fiel mir gerade nicht ein und ich hatte Angst sie würde mich bemerken wenn ich noch weiter hier stehen und warten würde und mir damit die Pointe versauen, also nahm ich das Nächstbeste.
Mit dem linken Auge konnte sie mich anfunkeln, was sie auch kräftig tat. Das rechte war von Busen verdeckt.
„Hilf mir gefälligst!“
„Warum sollte ich?“
„Weil es dein Flur ist in dem ich hier rumliege!“
„Keiner hat dich eingeladen, oder?“
„Nein natürlich nicht. Das tut niemand. Ich komme und gehe wie es mir passt.“
„Dann kannst du von mir aus jetzt gehen.“
„Ich kann nicht! Siehst du das nicht?“
Sie zappelte versuchsweise etwas herum und erreichte damit nur, dass mein Garderobenschrank heftig schwankte. Umfallen konnte er nicht, dafür sorgte die Ladung Schuhe die auf dem Boden lagerten. Mein Garderobenschrank hat etwa die Stabilität eines Stehaufmännchens. Schuhe wegwerfen liegt mir einfach nicht.
„Doch.“ Ich verschränkte die Arme und setzte mein bestes 'Mann geht's mir gut'-Gesicht auf.
Sie hörte auf zu zappeln.
„Bitte? Mein Bein schläft langsam ein.“
Ich gab mir einen Ruck und hob den Hula Hoop Reifen vorsichtig vom Garderobenhaken. Sie konnte ihr Bein befreien und plumste zur Seite. Sich den Nacken reibend stand sie auf, verzog das Gesicht und wechselte die Hand vom Nacken zum Bein um dort weiterzumassieren.
„...ke...“ brummte sie vor sich hin.
„Was?“ fragte ich
„Danke!“ sagte sie etwas lauter und versuchte nochmal aufzustehen. Diesmal gelang es ihr und sie blieb an die Wand gelehnt stehen.
„Du hast den behalten?“ fragte sie und deutete auf den Hula Hoop Reifen, den ich gerade wieder an die Garderobe hängte.
„Die meisten schmeisen ihn weg. Ich hatte eher damit gerechnet auf der Müllkippe zu landen.“
Darüber ging ich hinweg, weil mich wichtigeres interessierte.
„Was machst du hier?“
„Wohl kaum!“ murmelte sie mit einem Blick auf mein Shirt.
„Wohl kaum was?“ Ich sah an mir herunter, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.
Meine übliche Schlafklamotte besteht aus einer kurzen Hose und dem jeweiligen Tagesshirt. Das heutige war gelb mit Palmenmotiv vorne drauf. „Welcome to Paradise“ stand darunter.
„Welcome to Paradise. Ja wohl kaum!“ sagte sie.
Ich holte tief Luft und zählte bis drei um den Drang ihr eine zu Kleben zu unterdrücken und fragte dann nochmal.
„Was machst du hier?“
„Ich bin auf der Flucht.“
„Wie auf der Flucht?“
Sie verdrehte die Augen.
„'Richard Kimble' auf der Flucht.
„Wer?“
Sie stutzte kurz.
„Richard Kimble? Auf der Flucht? Der Film?“
„Kenn ich nicht.“
Sie sah auf ihr linkes Handgelenk wo eine Art Uhr saß.
„Welches Universum ist das hier? Darvin? Galilei? Da Vinci?“
Ich wußte nicht was ich sagen sollte, also tat ich genau das. Sie fingerte an ihrem Uhrdings herum und sah mich dann an.
„Ja oder nein?“
„Was ja oder nein?“
Sie trat einen Schritt näher und ich konnte feine braune Punkte in der Retina erkennen.
„Darvin – Galilei – Da Vinci! Ja oder nein?“
„Ja, ja klar. Ja zu allen dreien.“
Sie rückte wieder etwas von mir ab.
„Gut, ich dachte schon ich wäre in die falsche Zeithose gestiegen.“
„In die falsche was?“
„Zeithose.“
„Was ist eine Zeithose.“
Sie ignorierte die Frage.
„Und du kennst „Auf der Flucht“ nicht? Ist ein klasse Film. Solltest du mal sehen.“
In meinem Inneren rasselte meine Vernunft wild mit ihren Ketten und hieb mit den bloßen Pranken gegen ihre Kerkertür, doch die hielt zum Glück.
Ich gab auf. Es war einfach nicht möglich mit ihr normal zu reden.
„Vor wem?“
Sie fummelte noch immer an ihrem Uhrding herum.
„Was?“
Ich schloss wieder die Augen und zählte bis 3. Meine Vernunft wollte sich losreisen und davonlaufen, doch ich hielt die Tür mit meiner geistigen Schulter zu und lies sich nicht raus. Bei drei öffnete ich wieder die Augen und war ruhig und ausgeglichen.
Sie druckste ein bißchen herum, sah zu Boden, dann auf ihre Finger, dann zur Garderobe, dann wieder auf den Boden.
„Vor wem?!“ wiederholte ich, im, wie ich hoffte, Brustton der Autorität.
„Meinem Onkel.“
„Deinem Onkel?“
Sie hob die Augen und sah mich an.
„Must du alles wiederholen oder ist das eine Macke? Himmel, als hätte ich einen verfluchten Papagei. Polly mag den Keks nicht, nein Polly mag den Keks nicht!“
Wir schwiegen beide, sie, weil sie Luft holen musste, ich weil meiner Schlagferigkeit die ohnehin schon spärliche Munition ausgegangen war und meine geistige Schulter anfing wehzutun, weil meien Vernunft inzwischen mit voller Wucht immer und immer wieder gegen die Tür rannte. Entweder um endlich zu entkommen oder in der Hoffnung sich den Schädel einzurennen, beides schien gerade gleich verlockend zu sein.
„Also dein Onkel...“ begann ich ganz zart nach einer Weile Stille in meinem Kopf und zwischen uns.
„Ja mein Onkel. Er und seine Regeln. Luisa lass dass, du machst noch das Universum kaputt, Luisa lass dies, du machst nur Knoten in das Leben und so weiter und so weiter. Fehlt nur noch die alte 'Deine Füsse unter meinem Tisch'-Leier!“
„Und was machst du dann hier? Bei mir. Hat das irgendetwas zu bedeuten?“
Sie sah mich nochmal an und schüttelte dann den Kopf.
„Reiner Zufall. Ich bin in den ersten Loop gesprungen, den ich bekommen konnte und hier rausgekommen. Aber ich darf nicht warten, ich muss eigentlich dringend weiter.“
„Aber was ist mit mir? Mit uns? Ich hab noch so viele Fragen vom letzten Mal!“
„Ja das glaube ich.“ sagte Luisa und seufzte.
„Leider hab ich keine Zeit. Vielleicht beim nächsten Mal.“
„Beim nächsten Mal?“ kreischte ich fast und diesmal bemerkte ich es selber auch. Polly will einen Keks! Meine Vernunft öffnete die blutunterlaufenen Augen, hob den schmerzenden Schädel und winselte. Einmal hatte mir schon gereicht, das zweite Mal hatte ich nur durch ein Polster aus Müdigkeit in geistigem Einklang uberstanden. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein drittes Mal probieren wollte.
„Ja. Oder auch nicht.“ sagte Luisa lakonisch und griff sich den Hula Hoop vom Garderobenhaken.
„Aber...“
„Das fühlt sich jetzt komisch an.“ meinte sie ohne sich von mir unterbrechen zu lassen und hob den Reifen.
Ich wollte zurückweichen, den "Das fühlt sich gleich komisch an." ist nichts, was man hören mochte, egal ob von einer unbekannten blauhaarigen Lebensverknoterin oder seinem Hausarzt oder irgendjemandem, doch hinter mir war unnnachgiebige Wand.
Ich wollte noch eine Hand heben doch sie schob den Reifen ohne mit der Wimper zu zucken über meinen Kopf und dann wurde es komisch.
Kreischende Farben hämmerten auf mich ein, warfen Schatten auf unausgesprochene Gefuhle und unterdrückte Schmerzen. Lachen drückte mir auf die Augen und kitzelte meine Einsamkeit. Ich war oben kalt und innen rot.
Ein Rumpeln im Flur weckte mich. Dem Rumpeln folgte ein helles Klingen und ein leises Fluchen. Eine Weile später klang es als ob jemand einbeinig hüpfend sein Bein loszumachen versuchte. Neugierig geworden, was meine Nachbarn denn da veranstalteten und woher ich wußte wie es klingt wenn jemand einbeinig hüpfend sich irgendwo losmachen versuchte stand ich auf und öffnete die Schlafzimmertur.
Ein Mädchen stand im Flur, rieb sich den rechten Oberschenkel und sah mich erschrocken an.
„Was...?“
„Verdammt!“ sagten wir gleichzeitig und zögerten dann beide.
„Das wird sich jetzt... Ach drauf geschissen!“ fand das Mädchen als erstes die Sprache wieder und hieb mit dem Hula Hoop in ihrer Hand nach mir.
Blasses Kreischen schoss mich durch scharfen Nebel. Ein Seufzen kratzte mich unten und fühlte sich grün an. Dann durchdrang ich das oben und Leere ergoss sich über mich.
Vogelgezwitscher weckte mich. Mein Flur wirkte seltsam leer. Sonst passierte gestern nichts besonderes.
.jpg)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen