28. Oktober 2014

19 / Bad Boy - Riesenparty - zwei Finger - Schokomilch


Ich stand Samstag im Duncker, ein Radler, nicht nur weil namentlich passend sondern auch weil durstlöschend in der Hitze der Nacht in der Hand, zwei Riesen neben mir und meine böse Hälfte im Blick. Die Riesen neben mir machten rum und soweit ich auch wegrutschte schafften sie es immer wieder mich mittels eines Ellbogens oder verschwitzen Rückens in diese Interaktion hineinzuziehen. Mein böse Hälfte sagt etwas und die ihn umringenden vier Mädels lachten unisono.
Das ist etwas, dass sie einem nicht sagen beim Vortrag zur regelmäßigen Seelenreinigung - dass meine böse Hälfte aussieht wie ich aber dreimal besser ankommt. Muss an dem natürlichen „Bad Boy“-Image liegen.


Die beiden Riesen neben mir waren meiner Meinung nach wegen eines Missverständnisses im Club. Der DJ heute Abend hat eine eigene Facebookseite mit über 1800 Freunden. Dort kündigte er großmundig die heutige Riesenparty an. So unwahrscheinlich das klang, scheinbar hatten die 6 oder 8 anweseden Riesen dass wörtlich verstanden und fühlten sich eingeladen. Der Clubtroll, der hier an der Tür steht ist nicht der reichste wenn es um Intelligenz oder Kenntnisse der Werke von sagen wir Beethoven geht, ist aber dafür ungeschlagener Meister im stoisch Leute durchwinken und beim Suchen der Garderobenmarke anstarren.
Und eigentlich sind Riesen auch nicht wild. Mit ihren knapp 3 Meter Größe sind sie keine wirkliche Gefahr und normalerweise gutmütig. Die beiden paarungswilligen neben mir hatten das aber durch ein paar Gläser Alkohol und dem Entdeckten sexuellem Appetit verdrängt.
Dadurch entstand ein Problem, dass aus einem Teil geschlossener Augen, zwei Teilen alkoholreduziertem Gleichgewichtssinn und vier Teilen massives Eigengewicht bestand. Der Clubtroll beäugte die beiden schon eine Weile kritisch von der Tür und hatte mir durch bloßes Peripherstieren schon das eine oder andere Loch in mein Shirt gebrannt. Sehr unangenehm das.
Das für mich faszinierende an den beiden war ihr Zustand. Beide waren keine halbe Stunde nach Betreten des Dunckers hackevoll gewesen und schafften es diesen Pegel ununterbrochen zu halten. Betrunkene sieht man in Clubs ja oft, aber wenige haben das Durchhaltevermögen und die leibliche Konsistenz einen Zustand zu erreichen und den ganzen Abend lang zu halten. Die beiden neben mir hielten das zu dem Zeitpunkt schon seid Mitternacht geschlagene drei Stunden durch. Dem musste man schon seinen Respekt zollen.
Ich rückte trotz meines Respekts noch etwas weiter von den Riesen ab und sah mich um was meine böse Hälfte so tat. Der lachte gerade mit dem DJ im Einklang, einen Arm um dessen Schulter gelegt. Neben ihm standen zwei Mädels und ließen ihn nicht aus den Augen, saugten alles was er tat mit Blicken auf, als ob jede Bewegung von ihm eine Zeile in einem epischen Gedichtband war. Ich hatte nur die beiden Schnapsköpfe neben mir.
Er bemerkte, dass ich ihn ansah und zwinkerte mir zu. Ich hasste ihn.

Eine knappe Stunde später hatte sich die Lage neben mir etwas beruhigt. Der eine Part der knutschenden Riesen, und ich kann beim besten Willen nicht sagen ob der weiblich oder männlich war, hatte sich mit einer simplen und dennoch dramatische Geste dem anderen die Absicht zu gehen gezeigt.
Sie oder er waren einfach stumpf seitlich umgekippt und lang hingeschlagen.
Das war dem anderen dann auch Hinweis genug seine Begleitung einzupacken und Richtung Heimat oder Stundenhotel zu verschwinden. Meine böse Hälfte und ich standen an der Bar, ich weil ich mehr Radler, er weil er einen Rum Cola haben wollte. Meine Laune hatte sich inzwischen wieder etwas neutralisiert. Er tat das ja nicht mit Absicht. Ihm sein „Bad Boy“-Image vorzuwerfen wäre als würde man einem Löwen vorwerfen, nicht vegetarisch zu leben. Es lag einfach in seiner Natur.
Mit wachsendem Entsetzen sah meine böse Hälfte der Bardame dabei zu wie sie seinen Drink mixte. Ich sah amüsiert zu wie der Schrecken sein Gesicht invasierte.
Als schließlich das fertige Produkt vor ihm stand hob er es mit zwei Fingern hoch und drehte es hin und her.
"What the fuck?" rief er laut, um sich über den Lärm bemerkbar zu machen.
Das Mädchen neben ihm drehte sich zu ihm um.
"Are your american?" Er sah sie nur kurz an, noch zu sehr in seiner Angewidertheit ob seines Drink vertieft.
"Nee bin ich ne." und drehte sich wieder zu mir um. Hinter seinem Rücken starb ein Lächeln, unbeachtet, unbeweint.
"Was ist das zur Hölle?" fragte er mich. Ich grinste, zuckte mit den Schultern.
"Rum Cola?"
Er schüttelte den Kopf und vergoss dabei etwas von seinem Drink auf der Bar.
"Nee. Das ist höchstens eine Rum Cola Imitation. Ich meine was ist so schwer an einer Rum Cola? Man nummt Rum, zwei Finger breit, Eiswürfel und füllt das Cocktailglas" er schwenkte demonstrativ das Glas in seiner Hand "mit Coca Cola auf und tut oben eine Scheibe Zitrone rein. Simpel. Und was ist das hier für eine Scheise?"
Ich war wieder mit Schulter zucken dran.
"Ich sag dir was das ist! Das ist ein Barkeeperalptraum. Das ist ein Saftglas. Das ist verdammte Afri Cola. Und da fehlt die Zitronenscheibe!"
Ich beugte mich näher zu ihm heran, damit ich nicht schreien musste.
"Drink ist Drink, oder?"
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade sexuellen Umgang mit einem Hund vorgeschlagen.
"Drink ist Drink? Ach verpiss dich!"
Resigniert drehte er sich um, ging in Richtung DJ-Pult los, nahm einen Schluck und blieb so abrupt stehen, dass ich gegen ihn sties.
Als er sich zu mit umdrehte, waren seine Augen geweitet und sein Mund zitterte. Dann schrie er los.
"Zwei Finger! Zwei verfickte Finger breit!“ Er schwenkte das Glas vor mein Gesicht. „Das hier ist Pisse im Saftglas. FUCK! THIS! SHIT!"
Ein Mädchen, das gerade vorbeigehen wollte hielt an.
"Are you american?"
"Nein verflucht!"

Man muss in dem Zusammenhang erwähnen, dass er normalerweise in seiner Welt einen Barkeeper als Freund hat, der im Ruf steht seine aktuelle Freundin das komplette erste Jahr ihrer Beziehung dauerbetrunken gehalten zu haben, damit die ihre Beziehung nicht klaren Auges und Verstand beurteilen konnte. Soweit ich gehört habe sind die jetzt eine nicht mehr so einfach mit den Fingern abzählbare Anzahl an Jahren zusammen, also war wohl, was immer er getan hat erfolgreich gewesen. Derselbe Barkeeper war zudem jemand, dem seine Berufsehre über alles andere ging und dessen Hirnknackercocktails meine dunkle Hälfte gewohnt war. Im Laufe des Abends versuchte ich ihm den Zusammenhang zwischen "Wir gehen in eine High Class Bar." und "Wir gehen in einen Club mit kleiner Bar." zu verdeutlichen und zog den Vergleich zwischen Spülwasser und eine Minestrone hinzu. Irgendwann leuchtete ihm ein, dass eine Bar vermutlich bessere Drinks aber die schlechtere Tanzfläche anbot, während das in einem Club proportional umgekehrt war und er schlürfte, nicht ohne trotzdem ab und zu angewidert das Gesicht zu verziehen, seine Rum Cola Abomination.

Irgendwann gegen 5 Uhr wurde es ruhiger im Duncker. Der DJ ist ab dem punkt wahlweise satt mit der Scheisse und verarscht nur noch Leute die sich mit Musikwünschen zu ihm hochtrauen "Tool? Nee, noch nie von gehört. Ist das 'ne Band?" oder nimmt mit Begeisterung jeden Musikwunsch an, einfach weil er ganz tief drin doch ein netter Kerl ist.
Höflichkeit ist in dem Zusammenhang Trumpf. Also setzte meine böse Hälfte ihr gewinnenstes Grinsen auf und schickte sich an ihm den einen oder anderen Wunsch vorzutragen. Ich beobachtet ihn dabei, was ich oft mache wenn wir uns sehen. Es ist immer etwas komisch, mich zu sehen. Er gleicht mir so sehr und ist doch gleichzeitig so anders. Ich halte gern an Dingen fest, würde sonst glaube ich meinem Chef schon längst den Mittelfinger gezeigt habe und er lebt einfach in den Tag hinein. Er hat keinen Chef, seine Existenz wird durch das Programm finanziert. Und manchmal, wie gestern Abend sehe ich ihn mir an und beneide ihn. Niemals einen Soll, das er erledigen muss. Mehr Freizeit als er braucht. Kein Wecker, der ihn morgens weckt. Sicherlich erlaubt ihm das Programm finanziell keine großen Sprünge, aber manchmal...
Manchmal wünschte ich mehr wie er zu sein. Das ist glaube ich das verlockende an der dunklen Seite: die ständige Versuchung ihr nachzugeben.

Der Heimweg ging zu Fuß vonstatten, zwei Leute und nur ein Fahrrad plus Alkohol ergibt meist eine ungerade oder gerade Anzahl an Verletzungen. Horst hatten wir um Begleitung gefragt und auf ein radfahr-reit-Duo gehofft, aber der hatte besseres zu tun. Der Weg ging schleppend voran, weniger wegen dem Alkoholgehaltes unseres Blutes, oder Blutgehalt unseres Alkohols, haha haha Achtung stolpert nicht über den Bart vom Witz, sondern eher weil uns die Füsse weh taten. Der Tag nach dem Duncker ist oft ein Tag, an dem ich paralysiert auf der Couch liege und mich mein Körper anschreit warum ich ihm das jedes Wochenenden antue.
Nun ja, weil es Spaß macht. Work hard, party hard, hangover hard.
An der Ecke Danziger/Prenzlauer, dort wo oft die Taxis lauern angekommen entdeckten wir, dass der Bäcker schon offen war und gönnten uns zwei belegte Brötchen. Bei der Bestellung strebte ich den dortigen Kühlschrank an und warf ein "Und noch 'ne Schokomilch." in Richtung Tresen und dahinter verschanzter Bäckereifachverkäuferin.
"Für mich auch eine." meinte meine böse Hälfte und brachte mich kurz aus der Fassung.
"Du nimmst 'ne Schokomilch?"
Ich hatte noch das Gemecker wegen Afri Cola im Ohr.
"Ja klar, ist doch lecker."
Also wurden es zwei Schokomilch. Und als wir da saßen, abgekämpft, verschwitz, müde und jeder seine Milch trank und sein Brötchen mampfte stahl sich ein Lächeln in mein Gesicht, weil meine böse Hälfte einen Schluck Schokomilch trank und genießerisch schmatzte.
Er mochte zwar mein Pendant sein, aber ich hatte den Kerl schon gern.

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