Ohne Job entwickelte mein Leben seine ganz eigene kinetische Richtungsänderung. Ich schlafe bis mittag, klicke mich ein paar Stunden durchs Internet oder spiele was auf dem PC, essen wann immer ich Hunger bekomme und hab so meine Wohnung in der letzten Woche nur zweimal verlassen. Einmal um eine Pizza bei Melis um die Ecke zu kaufen und ein anderes mal um nötige Sachen einzukaufen.
Gestern lag ich halb und saß halb auf meiner Couch und schaute Guardians of the Galaxy als es an meiner Tür klingelte. Ich lies es klingeln. Sollte wer auch immer seine Werbung in die Briefkästen stopfen wollte um damit das ganze Haus zu nerven und den Regenwald noch etwas zu verkleinern doch sehen, wer ihn reinlassen wuerde. Ich sicherlich nicht.


Es klingelte noch einmal. Ich ignorierte es weiter. Beim dritten Klingeln ging mein Blick dann doch richtung Flurtür. Nicht dass ich ans Aufstehen oder so gedacht hätte. Es klingelte noch ein viertes und ein fünftes Mal, das letzte war dann schon ein „15 Sekunden Finger auf die Klingel pressen“-Klingeln. Ich fragte mich inzwischen, wer denn da so penetrant was von mir wollte und ob ich nicht doch mal nachsehen sollte, entschied mich aber dagegen. Mein Sofa hatte mich in seinen gemütlichen Klauen gefangen.
Nach dem fünften Klingeln kehrte für eine kurze Weile Ruhe ein, bis ich ein Türschloss klacken hörte. Ich vermutete meine Nachbarn, die zur Arbeit oder wo auch immer hin gingen und zuckte nicht wenig zusammen, als sich plötzlich meine Flurtür öffnete und ein Mädchen ins Zimmer marschierte. Moment, nicht ein Mädchen, sondern DAS Mädchen.
Das ich damals am Bersarinpatz getroffen hatte. Die mit dem Hula-Hoop Reifen.
Heute trug sie eine grüne Leggins oder Jeggins, wie auch immer diese Dinger heißen, drüber einen knallroten Wollmantel und schwarze Chucks. Die Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden und das grün ihrer Augen harmonierte ganz zauberhaft mit ihrer Zornesröte.

"Bist du taub oder was?" fragte sie und funkelte mich zornig an.
"Was...?" war alles was ich herausbrachte.
" Ich klingel schon seid 2 Minuten. Gottverdammt, bewegt man nicht seinen faulen Arsch vom Sofa runter wenn es klingelt wo du herkommst?"
"Du meinst diese Realitat. Nein tut man nicht wenn man niemanden erwartet."
Das gab ihr einen kleinen Dämpfer aber bremste sie nur unmerklich ab.
"Oh einer von der neunmalklugen Sorte. Na jedenfalls dort wo ich herkomme öffnet man die Tür wenn es klingelt. Dafur ist die Klingel doch da, um zu informieren dass jemand vor der Tür steht. Herrgott, wie alt muss man sein um das zu kapieren? Drei? Vier?"
" Wow, jetzt halt mal die Luft an. Ich hab's dir gerade erklärt, warum ich nicht aufgestanden bin. Und wie zum Henker bist du überhaupt reingekommen?"
"Mit dem Schlüssel natürlich. Das musste ich ja, weil mich keiner reingelassen hat."
Ich seufzte.
"Okay den Punkt hab ich kapiert. Klingel-klingel, keiner öffnet, böser Junge, Buhuuu. Was mich viel mehr interessiert ist woher du den Schlüssel hast."
"Das ist deiner. Ich hab ihn mir ausgeliehen."
"Wie ausgeliehen? Und wie bist du an meinen Schlüssel rangekommen? Den hab ich entweder dabei oder er liegt in der Küche. Innerhalb meiner Wohnung. Also woher..."
"Ich habe mir einen Früheren geborgt, das wars. Ich kann durch die Zeit reisen, erinnerst du dich daran nicht mehr?"
"Oh doch das tue ich. Wie könnte ich das vergessen? Und was willst du? Deinen Reifen zurück?"
Sie stutzte und verdrehte dann die Augen.
"Nee den hab ich doch schon längst wieder. Davon weisst du nur nichts mehr."
"Was? Wie? Wann?"
"Ist ein paar Wochen her, da hab ich ihn mir geholt. Hast du gar nichts gemerkt, das er weg war."
Ich muss zugeben, dass ich dazu tendiere Sachen zu übersehen.
"Und wie zur Hölle bist du an den Reifen rangekommen?"
"Na wie an den Schlüssel. Bin durchgesprungen und in deinem Flur gelandet. Hör mal ich will dir nicht lang und breit erklären was damals passiert ist. Damals brauchte ich ihn, also hab ich ihn mir geholt. Kam mir damals wie die richtige Entscheidung vor, war es gerade eben vor deiner Tür nicht mehr."
"Ich versteh nur Bahnhof."
Sie seufzte und setzte sich auf den Boden.
"Ich musste durch den Reifen zu einem Zeitpunkt reisen, an dem er noch in deiner Wohnung war, mir die Schlüssel nehmen, zurückkommen, die Tür aufschliesen, wieder zurückreisen und den Schlüssel dort lassen. Hin und her und hin und her. Das nervt einfach. Hätte ich den Reifen hier gelassen wäre das alles nicht nötig gewesen. Oder wenn du die Tür geöffnet hättest.
Naja - hätte hätte Fahrradkette."
Sie zuckte mit den Schultern und grinste mich an. Ich lehnte mich etwas zurück, entspannte mich.
„Du redest einen Schrott zusammen, echt unglaublich.“
„Was soll den das heißen?“
„Wenn Zeitreise so kompliziert ist, warum machst du das ganze dann überhaupt?“
Sie sah mich starr an und schien abschätzen zu wollen ob ich sie verarschte.
„Ist das eine Testfrage oder bist du einfach nur blöd? Weil ich es kann, du Blödmann. Weil ich durch die Zeit reisen kann. Muß ich dir das echt erklären?“
„Okay okay, kein Grund gleich auszuflippen. Ich kann mir schon vorstellen, dass das spannend ist.“
„Doh!“ rief sie und verdrehte wieder die Augen.
"Hast du den nie Angst vor einem Zeitparadox?" fragte ich.
"Was? Nee, kein Stück. Warum sollte ich auch. Sowas gibt es nicht. Hab ich doch erforscht. Ist schlichtweg unmöglich."
Ich sagte eine lange Weile nichts und versuchte herauszubekommen, ob sie mich diesmal verarschte. Sah nicht danach aus.
"Zeitparadoxen gibt es nicht?"
"Genau." Und grinste mich an.
"Und wenn ich jetzt deinen Reifen nehmen würde um meinen Vater umzubringen was wäre dann."
Sie runzelte die Stirn.
"Nichts wäre dann. Du kannst deinen Vater nicht umbringen."
"Ich weiß dass ich das nicht kann, aber angenommen ich würde - was dann?"
Sie legte den Kopf schief und sah mich an.
"Was meinst du? Du kannst deine Vater nicht umbringen."
"Ja aber ich könnte."
"Nein, du kannst nicht."
"Aber ich könnte."
Sie seufzte.
"Nein, du kanst und könntest nicht. Niemand kann das. Dann würdest du ja aufhören zu existieren und damit könntest du ja niemanden umbringen."
"Ha!" Ich zeigte mit dem Finger auf sie.
"Das meine ich doch - es ist ein Paradoxon. Ich kann nicht obwohl ich könnte."
Sie legte den Kopf schief, runzelte die Stirn und sah mich fragend an.
Ich hob die Hände.
„Ist doch logisch oder?“
"Keine Ahnung was du..." begann sie, dann erhellte sich ihr Gesicht und sie fing an zu lachen.

Ich wartete eine Weile, aber sie wollte und wollte nicht aufhören.
Schlieslich ging ich in die Küche und machte Teewasser. Als ich mit zwei frischen Tasse Tee zurückkam, hatte sie sich ausgelacht.
"Hier."
Ich gab ihr eine Tasse.
"Tee. Schwarz mit Milch und Zucker." antwortete ich auf die Frage, die ihre hochgezogenen Augenbrauen stellten.
Ich setzte mich wieder aufs Sofa, während sie am Tee nippte.
"Der ist gut, danke."
Ich nickte ihr zu und nahm selber einen Schluck.
"Was genau hab ich gerade lustiges verpasst?" fragte ich.
Sie fing wieder an zu kichern und hielt sich schnell die Hand vor den Mund.
"Eigentlich nichts," drang es hinter der Hand hervor "es ist nur so, dass ich vergessen hatte, dass du keine Ahnung von der Existenz und der Zeit hast."
"Stimmt. Erklär's mir."
Ich konnte erkennen, das sie im Geiste ihre Gedanken zusammensuchte, dann fing sie an.
"Du weisst doch, dass man manchmal sagt 'Es sollte nicht sein.' oder 'Das Schicksal hat sie zusammengebracht' und so weiter."
"Ja."
"Gut. Und jetzt nimm einfach mal an, dass das wirklich so ist. Alles was passiert, passiert ist und passieren wird soll genau so sein. Ohne Ausnahme."
Ich runzelte die Stirn.
"Was willst du damit sagen?"
"Ich will damit sagen, das es nur eine Existenz gibt und sie von Anfang bis Ende eine Richtung hat, einem Weg folgt. Immer wenn du oder jemand anderes eine Entscheidung triffst folgst du der Vorgabe der Existenz."
"Quatsch. Wenn ich entscheide morgens nicht aufzustehen, obwohl ich sonst immer aufstehe ist das doch meine Entscheidung."
Sie lachte auf.
„Der freie Wille, ach ist das putzig.“
Ich brummte verstimmt.
„von wegen putzig. Aber es ist doch meine Entscheidung oder nicht.“
"Na klar ist sie das, aber du folgst damit immer der Vorgabe der Existenz."
Ich stutzte.
"Also willst du sagen, dass alles was ich tut bereits vorgeplant ist?"
Sie strahlte mich an.
"Genau. Wann immer du eine Entscheidung zu treffen hast, gehst du den Weg der Existenz, da du ja egal wie du entscheidest immer nur eine Entscheidung treffen kannst. Und solltest du vorhaben deinen Vater zu töten ist das Teil des Plans. Aber die Existenz ist nicht am Stillstand sondern an der Bewegung interessiert, so dass dir das nicht gelingen würde."
"Egal was ich mache?"
"Egal was du machst. Du kannst es nicht."
„Alles was ich tue?“
„Ja. Ist doch völlig klar, wann immer du eine Entscheidung hast mit zwei Möglichkeiten kannst du alles tun, außer beide Entscheidungen wählen. Also kann sich kein anderes Universum abzweigen, es ist immer nur eine Entscheidung und somit nur ein Weg. Eine Richtung – eine Existenz.
"Also war es so wie du damals gesagt hast: Wir haben uns getroffen, weil wir uns getroffen haben? Du bist mir aufgefallen, weil wir uns im Duncker gesehen haben?“
„Und wir haben uns im Duncker gesehen weil ich dir aufgefallen bin. Ja. Es hätte gar nicht anders laufen können.“
Mir brummte der Kopf.
„ Wir hätten also nicht nicht aufeinander treffen können?"
"Exakt. Das habe ich zwar damals so nicht gesagt aber ja das kommt so ungefähr hin. Das sagen jedenfalls die Daten, die ich erhalten habe."
Mir kam ein unerfreulicher Gedanke. Nein, mir dämmerte eher die Bedeutung von etwas, dass ich gerade gehört hatte.
"Und was ist das mit dem freien Willen? Wenn alles was ich tue vorgegeben und jede Entscheidung vorbestimmt ist, habe ich dann einen freien Willen."
"Ich glaube nicht." sagte sie und blinzelte mir über den Rand ihrer Tasse zu während sie einen Schluck nahm.

Wir tranken eine Weile schweigend Tee. Ich hatte einiges zu verarbeiten und ihr schmeckte der Tee offenbar, so genieserisch wie sie schlürfte und schmatzte. Sie fragte nach Keksen. Das Schweigen stand auf und sah für mich nach. Ich hatte keine da. Es nahm wieder Platz und wartete zwischen uns.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte ich schließlich.
Sie riss sich spürbar von einem Gedanken los.
„Ich? Ciev.“
„Ciev.“ Ich probierte den Namen Prickelnd auf der Zunge, kein Nachgeschmack. Interessant.
„Frank.“ sagte ich.
„Das wußte ich schon.“ Sie grinste mich wieder an.
„Stalker.“ murmelte ich.
„Was?“
"Nichts weiter. Okay Ciev warum bist du überhaupt hier. Sicherlich nicht um mir das Universum zu erklären.“
"Die Existenz.“ korrigierte sie mich. “Nee, die kleine Lektion war eigentlich nicht geplant. Ich komme um mich mit deinem Begleiter zu unterhalten."
"Begleiter?"
"Ja. Das Pferd. Das Pferd, dass dich begleitet."
Ich stellte die Tasse mit einem hörbaren Klacken auf dem Boden ab.
"Horst? Du willst mit Horst reden?"
"Jupp."
"Der ist entweder unterwegs oder unten im Hof."
"Er ist im Hof, ich hab das schon gecheckt."
"Was machst du dann hier? Geh und rede mit ihm anstelle meine Realitat zu zerlegen."
"Tschuldige aber ich bitte dich mich zu begleiten. Dich kennt er schon, das wird es leichter machen."
"Es leichter machen? Was hast du denn vor?"
Sie lächelte unbekümmert.
"Nur reden sonst nichts. Also kommst du mit?"
"Hab ich eine Wahl? Ich glaube nicht." sagte ich und stand auf.