15. Dezember 2014

24 / Willkommen im Club – Deeskalation – Nichtangriffspakt - glaßgrün


Ciev und ich gingen die Treppe runter. Ihren Hula-Hoop hatte sie in meinem Flur stehen gelassen. Wir waren kaum die Hälfte der Treppen runter, als sich ein Geräusch bemerkbar machte, dass durch den Hausflur schallte. Die Tür zum Innenhof stand wie sooft offen, einer der Mieter im linken oder rechten Hinterhaus ist offenbar in einer Scheune groß geworden. Das Geräusch klang wie Kieselsteine in einem Topf, ein klappernder rasselnder Klang. Im Innenhof hallte er von den Wänden wieder, aber trotzdem konnte ich die Ursache schnell finden - Horst.



Er klapperte mit den Zähnen, trotz seiner Santiago-Decke, die er über sich geworfen hatte und die jederzeit vom schlotternden Körper zu rutschen drohte.
"Man Horst, das klingt nicht gut."
"Kunststück." klapperte er.
"Warum gehst du nicht rein?" fragte ich und deutete auf den offene Hausflur hinter mir. Ciev hatte sich dezent aber unelegant zwischen zwei Mülltonnen verzogen. Sie sah Horst mit großen Augen an.
Horst schaubte, schüttelte sich und nieste einmal herzlich. Mir klingelten die Ohren. Seine Decke flatterte zu Boden.
"So ein Sack hat mich rausgescheucht." schniefte er.
"Wer?"
"Keine Ahnung so ein alter Sack mit Schnauzer, fettigen Haaren und Kümmelzigaretten."
Ich wusste wen er meinte. Die Beschreibung selber sagte mir nichts, aber der Geruch nach billigen Zigaretten der den Hausflur verpestete kannte ich.
"Aber du kannst doch nicht hier drausen bleiben. Es sind null Grad. Du holst dir noch den Tod."
Horst schüttelte nur den Kopf.
Ich überlegte nicht lange.
"Du kommst mit zu mir."
"Was?"
"Du kommst mit zu mir. Nach oben. In meine Wohnung."
Ich drehte mich um und ging in den Hausflur. Am Fuße der Treppe bemerkte ich dass ich noch alleine war und trat wieder nach drausen. Ciev hockte noch immer in ihrer Ecke und starrte Horst wortlos an, der davon nichts mitbekam. Horst war damit beschäftigt mich fragend anzusehen.
"Kommst du?" sagte ich und zog mich wieder in den Hausflur zuruck. Auf dem Hof war es saukalt.
Eine Weile passierte nichts, dann ertönte das typische Klippklapp von Pferdehufen und Horst kam in den Hausflur gelaufen.
"Das ist bescheuert." sagte er.
"Keine Ahnung was du gerade gesagt hast, aber ich hab 'danke' verstanden." erwiderte ich und grinste. Horst schüttelte wieder nur den Kopf. Hinter ihm tauchte Cievs auf.
"Und was sagen wir wenn jemand fragt warum du ein Pferd in deiner Wohnung hast."
Ich lachte kurz auf.
"Horst wir sind in Berlin. Meine Nachbarn feiern bis nachts um 3 Partys mit 50 Leuten in einer Zweiraumwohnung, hämmern und bohren Sonntags den ganzen Tag und spielen Klavier wann immer sie wollen. Niemand wird sich fur dich interessieren."
Ciev räusperte sich.
Horst sah sich um.
"Außer ihr vielleicht. Horst das ist Ciev, Ciev das ist Ho...."
"Santiago." klapperte Horst. „Soviel Zeit muss sein.“
"Entschuldige. Santiago."
"Freut mich." sagte Ciev. Horste nieste ausgiebig und schniefte dann ein "Entschuldigung" als wir die Hände von den Ohren namen.
"Ich wollte..." fing Ciev an. Ich hob die Hand.
"Stop. Erst gehen wir hoch und Horst wärmt sich auf. Dann kannst du ihn fragen."
Horst warf einen Blick von mir zu ihr und zurück.
"Was fragen?"
Ciev öffnete den Mund.
"Oben! Los!" lies ich sie gar nicht erst zu Wort kommen und fuchtelte wild Richtung Treppe. Sie klappte den Mund wieder zu und zog einen Flunsch.
Horst setzte sich in Bewegung. Die Treppenstufen ächzten und quietschten unter seinen Hufen. Ich ging vorn, dann kam Horst und Ciev bildete den Schluss.
"Was will sie mich fragen?"
"Keine ahnung aber sie iste extra durch Raum und Zeit her gekommen."
Horst trat neben eine Stufe und stolperte. Die restlichen Stufen quietschten ihren Protest heraus.
"Sie ist was?“
„Durch Raum und Zeit gereist.“
Horst überlegte.
„Und was soll das heißen?“
„Das sie durch Raum und Zeit gereist ist natürlich.“
Horst überlegte nochmal.
„Das kapier ich nicht.“
"Willkommen im Club." erwiderte ich.

Oben polterte Horst erst einmal ins Wohnzimmer und ging dort schnurstracks auf die Couch zu.
"Ah-ah-ah-ah. Da penn' ich." rief ich und eilte zum Klappsofa, dass mit wenigen Griffen und leisem Quietschen zu einer Liege wurde.
"Hier." deutete ich darauf und Horst lies sich zögerlich darauf nieder. Die Federn quietschten leise abet sonst passierte nichts. Wir alle drei stießen die angehaltene Luft aus.
"Okay ich hol dir mal eine Decke." sagte ich und ging ins Schlafzimmer. Ganz oben im Schrank hatte ich noch eine Ersatzbettdecke, die ich schnell in Bettzeug steckte. Mein Körnerkissen fiel mir noch ein, also raste ich mit der Decke in der Hand in die Küche und packte es zusammen mit einer Tasse Wasser in die Mikrowelle. In den zwei abgezählten Minuten setzte ich neues Teewasser auf und warf Horst die Bettdecke über. Ciev hatte auf dem Sofa Platz genommen und starrte ihn wortlos an.
"Kriegst gleich noch eine Wärmeflasche."
Ich flitzte wieder in die Küche, die ich mit beginn des Mikrowellenwarnton erreichte und nahm das Körnerkissen mit spitzen Fingern. Raste zurück ins Wohnzimmer und warf es Horst unter die Decke, der zusamenzuckte und mit den Hufen scharrte.
"Scheise Alter, das ist heiß!"
"Das soll so sein und jetzt gib Ruhe."
Ich fummelte unter der Decke herum bis meine tastenden Finger auf heisen Stoff trafen, zog sie fluchend zurück, lutschte einmal ausgiebig daran, nahm nochmal mental Anlauf und zog das Kissen von Horst runter. Wichtig war, dass die ausgestrahlte WÄrme unter der Decke blieb. Ich setzte mich zu Ciev auf die Couch.

Sie sah mich von der Seite an und ich nickte.
"Okay, ich bin hier in Vertretung einer Organisation, die nicht namentlich genannt werden möchte. Ich soll Verhandlungen aufnehmen und über den weiteren Verlauf der Deeskalation berichten. Darüber hinaus bin ich berechtigt ein Angebot der unmittelbaren Fried..."
"Halt mal, STOP!" Es hatte eine Weile gedauert, bis der Bürokratiekauderwelsch von meinem Hirn entziffert wurde.
"Was redest du da? Welche Organisation, welche Eskalation?"
"Deeskalation."
"Was?"
"Deeskalation." berichtete Ciev mich nochmals mit Nachsicht. " Es geht uns um Deeskalation, nicht um Eskalation."
Horst machte große Augen, ich ebenfalls.
"Ja okay, klar. Aber trotzdem: Worüber redest du da? Ich versteh kein Wort."
Ciev seufzte.
"Es geht um die Mobilmachung der Menschen gegen ihre benachbarten Dimensionen. Deren Bewohner machen sich Sorgen und meine Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht die Verhandlungen zu führen."
"Mit mir?" fragte Horst dazwischen. Seine Stimme klang höher als sonst.
"Ja. Du bist die einzige nichthumane Entität, die Zugang zu euch Menschen hat. Deine Spezies kann als Bindeglied dienen."
"Ich bin was?"
"Eine nichthumane Entität sozusagen."
"Ja das habe ich gehört. Aber ich versteh kein Wort. Und was soll dieser dienen Quatsch? Ich dienen niemandem."
„Aber es wäre zum Wohl...“
Horst rückte etwas näher an Ciev heran.
„Ich. Diene. Niemandem. Klar?“
„Du missverstehst den Ernst der Lage!“
Horst pfiff durch die Zähne, ein lautes und unangenehmes Geräusch.
„Von mir aus. Nichthumane Entität.“
Ciev fuhr sich mit der Linken durch die Haare.
"Meine Fresse, du kannst sprechen und bist kein Mensch. Wie schwer ist das denn zu verstehen? Ich geb mir wirklich Mühe offiziel zu bleiben, aber du machst es mir nicht leicht."
Horst und ich zuckten zusammen.
"Okay okay." murmelte horst. "Worum geht es also?"
Ciev atmete einmal durch.
"Wir mochten eventuellen agressiven Vorstossen..." Sie bemerkte das Horst geistig abdriftete und gab auf.
"Okay, ihr sollt unterschreiben, dass ihr eure Nachbarn nicht angreift und wir versichern euch im Gegenzug dasselbe."
"ähm..." meldete ich mich zu Wort. Beide sahen mich an. "Ist vielleicht eine blöde Frage aber unsere Dimensionsnachbarn wollen keinen Krieg weil?"
Ciev sah zu Horst, dann wieder zu mir, dann wieder zu Horst und wieder zu mir.
"Verarschst du mich?"
"Fiele mir im Traum nicht ein." antwortete ich wahrheisgemäß.
„Du fragst mich warum es keinen Krieg geben soll? Wirklich?!“
„Naja, das ist mir schon klar, aber...“
Ihr Blick lies mich verstummen.
„Aber was?!“
„Aber warum bist du gerade bei uns? Also bei den Menschen.“
"Ihr Menschen sind unter allen Dimensionen die gefürchtetsten Bewohner."
Jetzt war ich es dessen Blick zwischen ihr und Horst hin und her sprang.
"Was? Quatsch! Warum das denn?"
"Ihr habt euch von einfachen Affen zur herrschenden Spezies entwickelt, obwohl es auf eure Welt eine Vielzahl an Spezies gibt, die euch haushoch überlegen wären, es aber irgendwie nicht sind."
"Ha! Horst, passt du auch genau auf? Herrschende Spezies hat sie gesagt.“
Horst schnaubte nur sein patentiertes Schnauben.
Eine Weile lang sagte keiner was.
"Also..." begann Ciev schlieslich.
"Ja?" fragte Horst.
"Können wir darüber verhandeln?"
„Ich soll also für die, und ich zitiere hier, 'herrschende Spezies' entscheiden ob es Krieg gibt oder nicht richtig?“
Der Unterton gefiel mir gar nicht.
„Korrekt.“
„Horst, bevor du was sagst. Wir beide sind auf Augenhöhe.“ warf ich so schnell ein wie ich konnte. „Bei uns herrscht niemand über den anderen und niemand ist des anderen Bitch. Da sind wir uns doch einig oder?“
Horst sah mich lange an und lies dann langsam die Zähne sehen.
„Klar doch. Wir sind cool.“
Er wand sich an Ciev.
"Alles klar. Was sind die Forderungen?"
"Nichtangriffspakt."
"Okay, dass kann ich organisieren."
Ciev klatschte in die Hände.
"Sehr schön, dann lasse ich die Verträge aufsetzten und melde mich dann wieder bei dir. Wird aber eine Weile dauern."
"Ich dachte du kannst durch die Zeit reisen? Dann kannst du doch in 5 Minuten damit zurück sein." Das kam aus meinem Mund ehe ich ihn zuklappen konnte.
Ciev maß mich mit einem vernichtenden Blick.
"Ich bin nicht 24 Stunden im Dienst. Auch ich hab mal frei."
"Nur eine Frage."
"Glaub mir ich bin so schnell ich kann zurück."
Ciev stand auf und schickte sich an in den Flur zu gehen.
"Warte mal." Mir war noch was eingefallen.
"Was?"
"Du sagtest vorhin "ihr Menschen". Bist du etwa kein Mensch?"
"Das ist schwer zu beantworten. Ich komme aus dieser Dimension aber durch die Zeitreise aus einer anderen Epoche. Also theoretisch ja, praktisch nein. Deswegen rede ich auch von 'euch' und nicht von 'uns'."
Ich nickte und versuchte den Anschei zu erwecken verstanden zu haben.

Ciev ging in den Flur und kam nicht wieder. Als ich nachsah lag der Hula-Hoop Reifen auf dem Boden. Ich nahm ihn hoch und hängte ihn wieder am die Garderobe, erinnerte mich an dass, was Ciev gesagt hatte und stellte ihn im Schlafzimmer an die Heizung. Leider konnte ich nicht erkennen welche Seite rein und welche raus war, aber die Chance dass sich Ciev beim nächsten Mal nicht den Kopf an der Heizung einrannte musste mit 50 Prozent reichen.
"Was war das denn?" fragte mich Horst als ich wieder ins Wohnzimmer kam.
"Das war Ciev."
"Komisches Mädel."
"Ja das ist sie." sagte ich und dachte an ihre Augen. Ihre glaßgrünen Augen.
„Bischen verrückt ist sie schon oder? Ich meine Nichtangriffspakt und der ganze Kram. Glaubst du ihr das ganze?“
„Ja, dass ist das bekloppte daran Horst. Ich glaube ihr.“
„Verdammt. Ich auch. So eine Scheiße. Und was machen wir jetzt?“
„Abwarten.“
Ich setzte mich auf die Couch und grübelte eine Weile über Ciev.
"Kann ich nochmal das Wärmekissen haben?" fragte Horst und riss mich aus meinen Gedanken.
"Klar doch." sagte ich und zog das Kissen unter der Decke hervor. Dabei warf ich einen Blick auf den Boden vorm Klappsofa und konnte mir ein Stöhnen nicht verkneifen.
"Wir müssen uns etwas wegen deiner Hufe überlegen."

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