Die Weihnachtstage wusste ich nicht so recht wohin mit mir. Meine Familie ist ein Thema für sich und zwar eins von der Sorte, die man lieber nicht erörtert. Und wenn ich doch gezwungen werde über sie zu reden tue ich das in der Sprache des Schweigens. So laut und deutlich ich nur kann, falls der Hinweis zu subtil ist. Das führte dann dazu, dass ich die Einladung meines bösen Ichs, ihn besuchen zu kommen spontan annahm. Weihnachten gibt es in der Anti-Welt nicht, das ist einfach reines Glück, da gibt es keine Pendant auf der Gegenseite. Also lag vor ihm eine Woche normales Herumgelungere und eine Chance dem Weihnachtsirrsinn zu entgehen. Ich sprang also beherzt vor und versuchte die Möglichkeit beim Schopf zu packen, musste aber mit einem Arm zufrieden sein und stellte fest, dass es für meine Zwecke auch reichte.


Mein böses Ich holte mich am 24. wie versprochen mittags ab und beäugte meinen Reisekoffer mit großen Augen.
"Wie lange wolltest du nochmal bleiben?"
"Fünf Tage wenn du heute mitzählst. Warum?"
"Sieht nicht so aus."
Ich sah auf den Koffer in meiner Hand herunter.
"Ich dachte nur ich packe alles ein was notwendig sein könnte."
"Und das beinhaltet deinen kompletten Haushalt?"
"Haha." Mehr fiel mir dazu nicht ein.
Mein böses Ich winkte ungeduldig mit der Hand.
"Na los, lass abhauen.“

Wir fuhren mit der Tram Richtung Alex, stiegen dort in die S-Bahn um und schließlich am zoologischen Garten aus.
Ich folgte meinem bösen Ich in die Tiefen der U-Bahn während er in seinen Taschen kramte. Unterwegs hatten wir kaum gesprochen, weil er entweder telefonierte oder irgendwelchen Frauen zulächelte. Die meisten lächelten zurück. Am der U-Bahn angekommen musste ich was loswerden.
"Suchen wir jetzt sowas wie Gleis neun dreiviertel?"
Er blieb stehen, drehte sich zu mir um und musterte mich von oben bis unten.
"Gleis was?"
"Neun dreiviertel." Ich bereute meine Frage schon.
"Das ist nicht Harry Potter. So ein Quatsch wie durch Wände gehen oder dergleichen machen wir nicht."
Ich hob die Hände und zuckte mit den Schultern.
Er sah mich nochmal an, knurrte einmal und wand sich wieder nach vorn.
"Gleis neun dreiviertel!" hörte ich ihn brummen und dabei schüttelte er den Kopf.
Wir hielten vor einer großen Stahltür, er fummelte einen Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und bedeutete mir mit einer Handbewegung vorzugehen. Vor mir und damit gleichzeitig hinter der Tür lag ein Gang, gefliest ähnlich dem Rest hier unten. Nackte Halogenlampen beleuchteten ihn. Aus seiner Tiefe kamen Geräusche eines einfahrenden Zuges. Wäre die Tür nicht gewesen hätte es jeder andere Gang hier unten sein können.
"Heute noch." kam von meinem bösen Ich und ich ging ein paar Schritte nach vorn. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Ein blick zurück zeigte schwere Riegel die rumpelnd einrasteten und ein sich drehendes Handrad.
"Kein Schloss an der Innenseite?"
"Nee ist nicht nötig. Bei euch herrschen zu viele Regeln und moralische Bestimmungen, da haben wir keinen Bock drauf. Aber ihr andererseits...“ Er lies den Satz unvollendet beziehungsweise schloss ihn mit einem schiefen Grinsen und einem Zucken der Augenbrauen.
"Soll das heißen, dass wir ohne Schutz von uns überrannt würdet?"
Mein böses Ich schnalzte mit der Zunge und deutete mit beiden Zeigefingern auf mich.
"Das ist doch Quatsch! Was ist denn so toll an... Anti-Berlin oder wie es auch immer heißt?"
"Weniger Regeln, mehr Spaß. Und es heißt Berlin. Einfach Berlin."
Mir kam Anti-Berlin passender vor und ich sollte auch noch erfahren warum.

Noch am selben Abend gingen wir in einen Kellerclub in der Nähe der Wohnung von meinem bösen Ich. Die war klein und etwas enger als mir lieb war, aber ich hatte ein Sofa mit Satinbettzeug für mich. Ich rede von der Wohnung, nicht von dem Club. Der war ohne Überraschungen zu bieten im Keller und hieß „The Dive“. The Dive war nur halbvoll und hatte dank der Abwesenheit von Fenstern oder einer Abluftanlage amazonische Luftfeuchtigkeit. Drinnen gönnten wir uns erst einmal zwei Bier von einer Bardame, deren geistige Umnachtung durch Alkoholeinfluss uns ein glühendes Beispiel war, in welche Richtung sich der Abend entwickeln sollte. Nach dem Genuss des zweiten Bieres entdeckte ich die etwas versteckte Met-Bar und schlürfte ab da warmen Met aus einem langstieligen Weinglas. So nobel war ich mir in einem Club noch nie vorgekommen. Mein böses Ich hatte auch hier reihenweise weibliche Gesellschaft, die mir meist nur einen kurzen Blick zuwarfen. Alles war normal, alle Anzeigen im grünen Bereich. Ich schwebte auf einer angenehmen Welle der Trunkenheit dahin.

Die Welle traf leider nur kurze zeit später auf ein Schlagloch und schüttelte mich ordentlich durch. Auf der Tanzfläche lief ein Song der mich an alte Zeiten erinnerte und während ich so dahin schwebte bemerkte mein sich bewegender Fuß eine Unebenheit im Boden. In dem Augenblick wurde mir auch schon die Erklärung in Form folgenden Satzes in meinen Nacken gesprochen nachgeschoben.
"Tritt mir noch einmal auf den Fuß und ich lang zu!"
Ich drehte mich zum Sprecher um. Er war etwa so groß wie ich, hatte die dunklen Haare mit viel Gel an den Kopf geklebt, trug ein Muskelshirt mit Bandaufdruck und Tribals bedeckten die zugegebenermaßen wenig beeindruckenden Arme. An einem dieser Arme hielt sich ein flachsblondes Fliegengewicht fest, dass ursprünglich mit Kurven sicherlich eine normale weibliche Figur gehabt hätte, jetzt aber in einem durch Kalorienallergie hervorgerufenen Knabenkörper feststeckte und sah in stummer Bewunderung zu ihm auf.
"Wat? Entspann dich mal."
Er starrte mich wortlos an und ich versuchte die emotionale Kluft zwischen uns mit mehr Worten zu füllen.
"Entschuldige wenn ich dir auf den Fuß getreten bin. Kommt nicht wieder vor."
"Besser ist das!" schnappte er.
Ich blinzelte verwirrt.
"Und was wenn nicht? Denkst du ich prügle mich hier mit dir wie auf dem Schulhof? Wenn du mir eine langst geh ich zum Türsteher und lass dich rauskicken. Das blaue Auge ist nach paar Wochen wieder weg aber Hausverbot hält sich eine Weile. Also chill mal ein bisschen."
Ich drehte mich wieder um und wollte gerade weitertanzen als er laut und deutlich "Der traut sich eh nicht der Feigling!" sagte und mir ein kalorienarmes und deswegen stark verdünntes Kichern zeigte an wen er diese Worte gewendet hatte. Ist immer wieder erfrischend, wenn eine Frau oder in dem Fall etwas frauenähnliches beeindruckt werden soll. Ich seufzte und ging an eine andere Stelle der Tanzfläche. Auf Kloppe hatte ich so gar keine Lust also ertrug ich seinen vermutlich herausfordernd gemeinten finsteren Blick so gut ich konnte und machte mein Ding.

Keine zwei Stunden später hatte ich die nächste Begegnung der Cro Magnon-Art als ich das Klo aufsuchen wollte. Davor standen ein paar Kerle herum und versperrten den Eingang.
"Entschuldigung kann ich mal..." Der Krach der Musik übertönte mich komplett.
"Jungs, kann ich mal bitte..." Wieder keine Reaktion also legte ich einem der Kerle die Hand an die Schulter und versuchte ihn zur Seite zu schieben. Wenig elegant, ist mir durchaus bewußt und auch wenig erfolgreich wie sich herausstellte.
Der angeschobene drehte sich zu mir um und gab mir einen kräftigen Stoß.
"Pack mich nicht an du Wichser!"
Ich prallte gegen einen Tisch hinter mir. Der war festgeschraubt und rettete damit sowohl mich als auch die darauf stehenden Gläser.
"Was bist du denn für ein Kunde?" Wurde ich angebrüllt. "Machst du mich an?" Er hatte offenbar das dringende Bedürfnis, dass ich ihm diese Wissenslücken schließen sollte.
"Nee, ich wollte nur pissen gehen." sagte ich, einerseits froh endlich seine Aufmerksamkeit zu haben andererseits etwas eingeschüchtert von der Intensität eben dieser Aufmerksamkeit.
Ein anderer Teil meines Hirns fragte wann ich das letzte mal den begriff "Kunde" ein einem Satz gehört hatte, der auf eine Beleidigung hinauslief. 1998 schätzte ich.
"Willst du dich mit mir anlegen?" wurde noch eine Frage nachgeschoben.
Ich sah einmal an dem Kerl runter und wieder hoch. Beim hochgucken mußte ich den Kopf in den Nacken legen. Das Licht der Toilette schien zwischen seinen gespreizten Beinen hindurch und durch die Dreiecke seiner Arme, die seitlich an seinem Körper baumelten. Er nahm den ganzen Türrahmen ein. Mit einfachen Worten: er war monolithisch.
"Nein Alter, ich wollte nur aufs Klo." Ich schreckte selber von dem Wort 'Alter' zurück. Aber diese Situation schrie geradezu nach einem downgrade meiner Hirnkapazitäten, um (wenigstens sinnbildlich) mit ihm auf Augenhöhe zu kommen.
Der Kerl vor mir musterte mich seinerseits von oben bis unten und ich schwöre er schnaufte dabei wie in einem schlechten Comic. Dann zuckte seine rechte nach vorn.

Ich fühlte mich plötzlich an eine Rasierschaumwerbung erinnert, als keine Schmerzen, sondern klebrige Kühle mein Gesicht überzog.
Herr Monolith hatte mir seien Drink ins Gesicht geschüttet wie eine betrogene Ehefrau in einer drittklassigen Seifenoper. Einer auf spanisch. Ohne Untertitel. Und dem Geschmack nach war es Caipirinha, der gerade auf meinem Bowie Shirt trocknete.
Ich wischte mir das Gesicht ab, schlonzte die Reste beiseite und sah ihn wieder an.
"Okay, kann ich jetzt trotzdem aufs Klo?" Steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein.
Es gab eine Sekunde Verzögerung, dann wurde ich am Hals gepackt und mein Hintern machte erneut unsanft Bekanntschaft mit dem Tisch hinter mir.
"Mach mich nicht blöde an du Wichser!" Wurde mir noch empfohlen, denn blendete mich Licht, als er die Klotür freimachte und sich verzog.
Ich richtete mich auf, strich mein Shirt glatt und ging pinkeln.

"Falls es dich interessiert, das ist nicht mein Drink der da an meinem Shirt trocknet." sagte ich zu meinem bösen Ich als ich mich in die Sofaecke neben ihn plumpsen lies.
Er schaute fragend, sah mir ins Gesicht, dann runter auf mein Shirt, dann wieder ins Gesicht.
"Was ist denn passiert?"
Ich erzählte es ihm und schloss mit dem Hinweis, dass mein nasses Shirt einen dringenden Aufbruch befürworten täte.
Er nickte nur, trank in zwei Riesenschlucken aus und wir ließen das 'The Dive' hinter uns.
Merry Christmas everyone.