Da war es schon wieder. Seit einer Woche war es jetzt schon, dass ich ab und zu ein Blitzen im linken Augenwinkel hatte. Immer nur einmal, ganz kurz, als ob jemand ein Blitzlicht benutzen würde. Wenn ich mich in die Richtung drehte war nie etwas zu sehen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Augen oder ein andersdimensionales Etwas mir einen Streich spielen. Ich weiss nur, dass es nervt. Vielleicht sind Horst und ich jetzt so etwas wie Berühmtheiten und irgendwelche Dinger machen hier überdimensionale Fotos. Was es auch ist, es (und an der Stelle wiederhole ich mich gern) ist furchtbar nervig. Gestern abend war ich gerade auf dem Weg zur Toilette und hatte aus Rücksicht auf Horst das Flurlicht aus gelassen, als es blitzte. Sollte ich mal in die Verlegenheit einer Zombiapokalypse oder der tatsächlichen Dimensionsinvasion kommen bin ich nutzlos. Als es blitzte erstarrte ich vor Schreck auf der Stelle, kein Fluchtreflex, kein gar nichts. Ich bin ein Reh im Scheinwerferlicht des heranrasenden LKW's auf einer Fernverkehrsstraße wenn es um Schock geht. Überlebenschance null.
Samstag wollte ich mich mit Angel am Alex treffen, bißchen Weihnachtsmarkt anschauen. Angel wollte mich mitnehmen und ich plante etwa 3 Stunden über den Markt zu spazieren, also galt es sich einzupacken. Als ich, eingepackt in langer Unterhose und Jeans, Shirt, Pullover, Jacke und dicker Weste und gekront von einer Wollmütze nebst Handschuhen durch die Haustür trat schepperte Krach um mich herum. Es war Angel die mit Violetta schon vor der Tür wartete. Violetta ist Angels Roller und sie hat ein lautes Organ. Violetta, nicht Angel. Die Farbe ist ohne eine Überraschung zu bieten lila bzw violett. Dieselbe Farbe hatte mein Helm. Und Angels Helm. Ich bin mir sicher, das sie damit ein Statement vertritt.
Der Weihnachtsmarkt am Alex entpuppte sich als Sammelsurium von Spielebuden,Fressecken und Shirtständen, alles verpackt in den ewigen Pissegeruch der zum Alexanderplatz gehört wie die Nuttenbrosche und beschallt von allem außer Weihnachtmusik. Ein Stand bot indisches Geplärre und allerlei Weihnachtskram feil, oder besser gesagt das was man in China oder Taiwan für weihnachtlich hält und bewegte sich mit der Musik an die Grenze zur Körperverletzung.
Aus den 3 Stunden wurden dann 45 Minuten inklusive Empörung über die Preise fur gebrannte Mandeln. 3,5 Euro fur hundert Gramm am Arsch!
Wieder zuhause angekommen fand ich Horst auf der Couch liegend vor. Er hatte eingekauft und fragte was ich von Nudeln mit Pesto halten würde.
"Klingt gut."
"Cool. Steht alles in der Küche. Für mich auch eine Portion."
Horst grinste mich an und wendete sich wieder der Glotze zu. Ich ging brummelnd in die Küche.
Horst in der Bude zu haben erweis sich als Herrausforderung. Erstens kochte und putzte er nicht. Dafür kauft er aber ein. Das war aber gleichzeitig auch auf der Liste der negativen Aspekte. Horst kauft komisches Zeug ein. Spontan fällt mir da unsere aktuelle Packung Toilettenpapier ein, dass 'Happy End' heißt.
Ist das unabsichtlich lustig, absichtlich lustig oder eine simple Verarsche? Ich habe keine Ahnung, aber es beschäfftigt mich jedes Mal wenn ich im Bad die Packung sehe.
Abends stand dann noch Duncker an. Horst ging mit. Im Duncker war das übliche Volk an tanzwütigen und untervögelten Spiesgesellen und Spiesgesellinnen (man muß ja in Zeiten der Feminism und dergleichen auf solche Gleichstellungen achten) anwesend. Im Laufe des Abends verbrieten Horst und ich etwa 50 Euro an Cocktails, Horst verdiente sich zwei Drinks extra dazu, obwohl ich ihn vorher mit Mühe davon überzeugen konnte seine Decke zuhause zu lassen und einen arbeitsfreien Abend einzulegen und ich wurde von einem Bären mit Herpes per Augenkontakt angeflirtet. Vielleicht flirtete der Bär auch nicht mit mir sondern starrte mich nur an, ich konnte das zu dem Zeitpunkt als es mir auffiel nicht mehr so genau unterscheiden.
Der Bär war eigentlich ein Mädchen, die einen Pullover trug, dessen Kaputze mit zwei Ohren und Fell an der Außenseite besetzt war. Das ganze sah ganz niedlich aus, währe da nicht der erwähnte Herpes gewesen, der sichtbar die untere Lippe der Bärin zierte. Und in Retrospekive denke ich auch, dass ich eher angestarrt als angeflirtet wurde. Wenn nicht, war das der erste Flirtversuch mit "Leck-mich"-Gesicht in der Geschichte der Menschheit. Am Ende des Abend verlief dieser wie auch immer gearteter nonverbaler Annäherungsversuch fruchtlos und Horst und ich traten gröhlend den Heimweg an.
"Sch lehn misch gegn disch un du disch gegn misch, vstehste?"
"Keie Ahnung wovon du redescht."
Ich versuchte Horst das stabile A beizubringen, bei dem ein Betrunkener den anderen stützt. Er hatte so seine Probleme das Konzept zu verstehen.
"Mahn s doch gans einfach. Wenn sch misch gegn disch schdütse und du disch gegn misch könnwer nisch umfalln."
Horst versuchte mich aus gasigen Augen heraus zu fixieren.Vergebens.
„Awa isch hab doch vier Beine auf den isch steh, warum sollnsch misch bei dir anlehn?“
„Damit wir beide nisch umfalln, s is doch nisch so schwer.“
Horst schubste mich unsanft.
"He. Solln der scheiss?" schrie ich ihn an.
"Du musst... Muscht schon gegnhaltn wennsch misch anlehn will, du Horst." lallte Horst, stutzte und brach naturgemäß in wieherndes Lachen aus.
"Du Horst!" wiederholte er. "Hascht kapiert he? Du Horst. Wie geil!"
"Ja, haha voll lustsch."
Wir gingen weiter, ohne stabiles A aber begleitet von Horst's Gekicher.
"Und da hab... Habsch 'Du Horst!' gesagt, verstehste?" sagte er keine drei Minuten später zu mir.
„Ja.“ murmelte ich und versuchte ihn zu irgnorieren. Mein Magen hatte mir was zu sagen und ich war nicht sicher was.
„Du Horst!“ dröhnte es neben mir.
„Jahaa!“ gab ich zurück und hörte weiter in mich hinein. Rein oder raus, was wollte mein Magen. Welches Schweinerl hätten's denn gern?
Wir gingen eine Weile nebeneinander her, Horst kicherte, ich lauschte.
„Das is voll witzig.“
„Hmmm.“ Ich erwartete jeden Moment eine Antwort.
„Voll witzig, weils wahr ist, verstehste?“
Ich lies es bleiben zu antworten und traf damit auf Unverständniss.
„Verstehste?“ wurde mir warmer Bieratem ins Gesicht geblasen. Meine Innere Stimme sagte mir derweilen, dass sie gern Input hätte. Ich war erleichtert, was aber schnell verflog, als ich in der äußeren Welt noch immer nicht reagierte und die Konsequenzen punktum am eigenen Leib zu spüren bekam.
Der Boden kam schnell näher, Horst hatte mich angestupst.
„Scheiße Mahn, solln dis?“
Horst beugte sein langes Gesicht herunter.
„Und dann hast du...“
"Sch weiß verflucht nochma, sch war dabei du Horst." keifte ich. Wir beide stutzen und brachen dann in Gelächter aus.
"Isch brauchn Brötschn." brummte Horst kurz vor meiner Haustür.
"Wa?"
"Brötschn!" hauchte mir Horst seine Alkwolke ins Gesicht.
"Dann lass uns halt eins holn. Und hault's Maul, du stingst ausm Hals."
Horst guckte mich blöd an und fing dann an zu kichern.
"Los komm Brötschn."
Wie taumelten bei einem Bäcker rein, den ich vorher noch nicht besucht hatte und sahen uns um.
'Orschinal Berliner Käseschrippe' pries ein Schild überm Tresen an, also bestellten wir das.
Ja für hier. Ja das wäre alles. Der aufgequollene Kerl hinterm Tresen gab uns zwei Pappteller mit je einem Käsebrötchen und reichte dann noch zwei Stoffteile übern Tresen.
"Sn das?" fragte ich und versuchte den Stoff mit Blicken zu fixieren. Das Karomuster tanzte immer wieder beiseite.
"Der Poncho."
"Der was?"
"Der Pocho." wiederholte der Kerl und verdrehte die Augen.
"Wofür?"
Horst und ich sahen uns fragend an.
"Zum essen."
Horst schüttelte sich.
"Das fress ich nicht."
Jetzt schaute der Typ komisch.
"Nicht den Poncho, das Brötchen du Kasper."
Horst fing wieder an zu kichern.
Wir waren kein Stück schlauer aber der Eindruck des Typs riet von weiterer Fragen ab also setzten wir uns.
"Und jetzt?"
"Lass essen."
Ich packte den Poncho aus, zog ihn mir über und den zweiten Horst über den Schädel.
Ich kam mir dämlich vor und grinste Horst an.
„Wasn so lustig?“ fragte der.
Eigentlich nichts. Das Grinsen war nur ein Reflex.
Ich winkte ab, nahm mein Brötchen und biss hinein. Remoulade schoss heraus, klatschte mir gegen Kinn und Brust und rutschte dann in meinen Schoss. Horst wieherte.
"Ah, verstehe.“ murmelte ich zwischen dem Brocken in meinem Mund und begann zu kauen. Wellen aus Remoulade überschlugen sich auf meiner Zunge.
Horst beugte den Kopf herunter und stülpte die Lippen um das Brötchen auf seinem Teller. Er saugte einmal geräuschvoll ein und das Brötchen verschwand.
Wir kauten beide hingebungsvoll, ich ein Gedicht in Remoulade, behütet unter dem Poncho der Rechtschaffenheit, Horst mit einem Klecks Remoulade an den Lippen, beide mit einem selig/stupiden Gesichtsausdruck.
Manche Morgen sind eben einfach perfekt.
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